Olympia-Gold von 1988

Tragischer Tod einer Vorzeige-Schwimmerin der späten DDR-Jahre

Ende der Achtziger Jahre gehört Kathleen Nord zu den besten Schwimmerinnen der Welt. Vor vier Jahren stirbt sie nach schwerer Krankheit.

Author - Sebastian Krause
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DDR-Schwimmerin Kathleen Nord jubelt ihr Gold über 200 m Schmetterling bei den Olympischen Spielen 1988.
DDR-Schwimmerin Kathleen Nord jubelt ihr Gold über 200 m Schmetterling bei den Olympischen Spielen 1988.Passage/imago

Als Kristin Otto 1988 in Seoul mit sechs Goldmedaillen zum größten Schwimmstar der DDR aufstieg, stand eine Kollegin zunächst im Schatten dieses historischen Triumphs. Dennoch feierte auch sie bei den Olympischen Sommerspielen den größten Erfolg ihrer Karriere.

DDR im Medaillenspiegel vor USA und Westdeutschland

Am 25. September 1988 gewann Kathleen Nord über 200 Meter Schmetterling Olympiagold und schrieb sich damit in die Sportgeschichte ihres Landes ein. Zugleich trug sie dazu bei, dass die DDR bei Olympia 1988 auf Platz zwei im Medaillenspiegel landete – vor den Klassenfeinden aus den USA und Westdeutschland.

Karriere ist vom DDR-Sportsystem geprägt

Die Goldmedaille vor ihrer DDR-Teamkollegin Birte Weigang war der Höhepunkt einer Karriere, die vom Glanz großer Siege ebenso geprägt war wie vom Druck eines Systems, das mentale und körperliche Höchstleistungen um jeden Preis verlangte.

Geboren am 26. Dezember 1965 in Magdeburg, wurde Nord bereits als Zweitklässlerin bei einer Schulsichtung entdeckt, vor allem wegen „ihrer guten körperlichen Voraussetzungen und Ehrgeizes“, wie ihr früherer Erfolgscoach Bernd Henneberg erzählte. Es war der Start in das engmaschige Netz des DDR-Leistungssports, das aus talentierten Kindern Medaillengewinner formen sollte.

Nord feiert bereits mit 16 Jahren erste Erfolge

Nord entsprach schnell allen Erwartungen. Mit nur 16 Jahren schwamm sie 1982 bei der WM in Guayaquil in Ecuador zu Silber über 400 Meter Lagen. Es folgten zahlreiche EM-Titel sowie 1986 bei der WM in Madrid Gold über 400 Meter Lagen und Bronze über 200 Meter Lagen.

Doch der Weg an die Spitze war hart – und politisch schwierig. Ihre Eltern waren keine SED-Mitglieder, sodass die Tochter im Alltag der Sportschulen spürbare Hindernisse bereitete. Teilweise blieb ihr der Zugang zu Förderwegen verschlossen, weshalb sie den sportlichen Erfolg als einzige Chance auf ein besseres Leben empfand.

Kathleen Nord (Mitte) siegt über die 200 Meter Schmetterling 1988 vor Birte Weigang und Mary T. Meagher aus den USA.
Kathleen Nord (Mitte) siegt über die 200 Meter Schmetterling 1988 vor Birte Weigang und Mary T. Meagher aus den USA.Imagn Images/imago

Nord ist in das staatliche DDR-Dopingsystem eingebunden

Gleichzeitig war Nord, wie später bekannt wurde, in das staatlich verordnete Dopingsystem eingebunden. Leistungssteigernde Mittel gehörten zum Alltag im DDR-Spitzensport, auch wenn Athletinnen und Athleten deren Tragweite damals nicht kannten.

1984 bekam die Karriere der Magdeburgerin einen schmerzhaften Einschnitt. Der Boykott der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles, eine Reaktion der Ostblockstaaten auf die Absage des Westens vier Jahre zuvor bei den Spielen 1980 in Moskau wegen des Afghanistankrieges, traf die damals 18-Jährige hart. Ihr Trainer Henneberg bezeichnete die Entscheidung als „die härteste Zeit ihres Sportlerlebens“.

Nord wechselt kurz vor Olympia 1988 den Schwimmstil

In einer TV-Pressekonferenz verteidigte sie – wie viele andere auch – die Linie der Staatsführung. Die Spiele, auf die sie jahrelang hingearbeitet hatte, fanden ohne sie statt.

Kurz vor Seoul wechselte Nord zum Schmetterlingsstil. Eine Entscheidung, die sich als goldrichtig erweisen sollte. Bei den Spielen in Südkorea schlug sie zu und gewann Olympiagold über 200 Meter Schmetterling. Ein Triumph, der im Nachhinein wie der letzte große Erfolg des DDR-Sports wirkte.

Bereits als Zweitklässlerin kommt Kathleen Nord durch eine Sichtung zum Schwimmen und wird damit Teil des DDR-Sportsystems.
Bereits als Zweitklässlerin kommt Kathleen Nord durch eine Sichtung zum Schwimmen und wird damit Teil des DDR-Sportsystems.Werner Schulze/imago

Nord flüchtet in die USA und baut sich neues Leben auf

Zwei Jahre später war das Land verschwunden. Und mit der Wende brach für Nord eine neue Zeit an. Sie beendete 1990 ihre Karriere und begann ein Studium, das nach der Wiedervereinigung aber eingestellt wurde. Perspektiven fehlten. 

Es war schließlich ihre BRD-Rivalin und Freundin Biggi Lohberg, die sie ermutigte, in die USA zu gehen. Nord folgte ihr und wurde Trainerin beim Schwimmclub Florida Gold Coast in Palm Beach und studierte in den USA Marketing.

Wir, die Schwimmsportfreunde Deutschlands, trauern mit ihren Angehörigen und sind in Gedanken bei ihrer Familie.

Bernd Henneberg, langjähriger Trainer von Kathleen Nord

Heirat und vier Töchter

Auch privat fand sie ihr Glück. Sie heiratete den Mathematik-Professor und ehemaligen Schwimmer Jörg Feldvoss aus Elmshorn, nahm seinen Namen an und bekam mit Sophie, Emily Charlotte, Laura und Claire vier Töchter. Als das Dopingsystem der DDR enthüllt wurde, war sie weit weg. Auch Nord bekam von ihrem Trainer Wolfgang Sack Dopingsubstanzen verabreicht, wie Aktenauswertungen der Aktivistin Brigitte Berendonk zeigten.

Nord, die nun Kathleen Feldvoss hieß, kehrte 2013 nach Magdeburg zurück und engagierte sich auch dort für den Nachwuchs. Ihre beiden Töchter Emily und Laura wurden Schwimmerinnen beim SCM.

Tod nach schwerer Krankheit im 56 Jahren

Am 24. Februar 2022 starb Kathleen Feldvoss nach schwerer Krankheit im Alter von nur 56 Jahren. „Wir, die Schwimmsportfreunde Deutschlands, trauern mit ihren Angehörigen und sind in Gedanken bei ihrer Familie“, schrieb ihr langjähriger Trainer Bernd Henneberg in einem Nachruf für den Landesschwimmverband in Sachsen-Anhalt.

Die Geschichte von Kathleen Nord ist eine von Talent und Disziplin, von Systemzwängen und persönlichen Neuanfängen. Ein Leben zwischen zwei Welten.

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