1971 geht es Meinhard Nehmer nicht gut. Er muss sich wegen Schmerzen an der Schulter operieren lassen. Seine bis dahin erfolgreiche Laufbahn als Speerwerfer ist vorbei. Ist damit auch seine Karriere am Ende?
Nehmer wechselt von der Leichtathletik zum Bobsport
Nein. Durch Zufall kann Nehmer bei Vorwärts Potsdam an einem Test für den Bobsport teilnehmen. Das fasziniert ihn so sehr, dass er von der Leichtathletik in den Bob wechselt. Eine Entscheidung, die Jahre später für Nehmer und die DDR zum Glücksfall wird.
Nehmer wird erster Bob-Olympiasieger der DDR
Nachdem Nehmer bei DDR-Meisterschaften bereits erste Erfolge gefeiert hat, folgt 1976 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck seine erste große Sternstunde. Als Fahnenträger spürt er „eine unglaubliche Gänsehaut“. Dann sorgt er für einen historischen Augenblick.
Im Zweier- und Viererbob schockt er die Konkurrenz und gewinnt beide Wettbewerbe. Für viele Experten überraschend, siegt er doch vor den favorisierten Bobs aus der Bundesrepublik und der Schweiz. Nehmer krönt sich damit zum ersten Bob-Olympiasieger der DDR.

Glanzleistung bei den Olympischen Spielen 1980
Das ist deshalb so überraschend, da er erst zwei Jahre zuvor überhaupt mit dem Bobsport angefangen hat. Sein Aufstieg in die Weltspitze ist daher umso bemerkenswerter. Und das im gesetzten Alter von 35 Jahren.
Danach dominiert er seine Sportart fast nach Belieben und gewinnt mehrfach Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften. Dann folgen 1980 die Spiele in Lake Placid, wo er erneut Bob-Geschichte schreibt.
Ausnahmezustand in den USA
Auf der schon damals berüchtigten Bahn am Mount van Hoevenberg durchbricht er als erster Pilot die Minuten-Grenze und gewinnt im Vierer sein drittes Olympia-Gold.
„Alle Experten sagten: Das sei nicht möglich. Ich habe es ihnen gezeigt, die 50.000 Leute an der Bahn flippten total aus. Dafür werde ich in den USA noch heute als Hero verehrt. Bei den Amis muss es eben total rauchen in der Rinne“, erinnert sich Nehmer.
Und sein Anschieber Bernhard Germeshausen findet: „Meinhard war der weltbeste Bobpilot seiner Generation“, sagt er der „Thüringer Allgemeinen“.
Nach Olympia 1980 beendet Nehmer seine Karriere
Für Nehmer, der am 13. Januar 1941 in Boblin (Landkreis Ueckermünde, Pommern) geboren wurde, ist das Gold von Lake Placid die wertvollste Medaille. Das Rennen gewinnt er mit einem Vorsprung von fast einer Sekunde vor der Schweizer Bob-Legende Erich Schärer – eine Sensation!
Das Rennen ist zugleich sein letzter Auftritt. Der Ausnahmepilot beendet seine Karriere, obwohl die DDR-Sportführung ihn zum Weitermachen auffordert. Doch mit 39 Jahren ist Schluss. Mit drei Olympiasiegen zählt Nehmer bis heute zu den erfolgreichsten Bobfahrern der Geschichte. In seiner gesamten Karriere ist er im Vergleich zu vielen Kollegen nie mit dem Bob gestürzt.
Die Fähigkeiten von Nehmer sind in Oberhof gefragt
Dem Sport bleibt er treu. Nehmer rückt ins Oberhofer Trainerteam auf, schließt 1982 sein Studium zum Ingenieur für Landmaschinentechnik in Nordhausen ab und lässt sich zum Dienst in der DDR-Volksmarine nach Dranske versetzen. Der Bobsport benötigt aber seine Fähigkeiten als Testfahrer, sodass er 1985 zurück nach Oberhof beordert wird.
In unzähligen Fahrten in Oberhof und Altenberg beurteilt er bis zur Wende die in Dresden weiterentwickelten Bobschlitten und Kufen. „Er war extrem experimentierfreudig und hat die Kisten schon damals komplett bis ins kleinste Detail auseinandergenommen“, erzählt Bremser Bogdan Musiol.

Nach der Wende Wechsel in die USA
Für Wolfgang Hoppe, der das olympische Double 1984 in Sarajevo schafft, ist „Meinhard der markanteste Punkt in der gesamtdeutschen Bobgeschichte. Wären seine Erfolge nicht gewesen, wäre die Entwicklung nicht so vonstatten gegangen.“
Nach der Wende wird es für Nehmer aber schwierig. Der Deutsche Bob- und Schlittenverband will den dreimaligen Olympiasieger nicht. Nehmer wird arbeitslos. Ende 1991 erhält er ein Trainer-Angebot aus den USA und wechselt die Seite. Drei Jahre betreut er die US-Bob-Elite, gewinnt 1993 als Trainer von Brian Shimer WM-Bronze im Viererbob. Danach betreut er in Kurzverträgen einige Male die Italiener.
Ruhestand nach Olympia 2006 in Turin
Erst 2000 gelingt es dem damaligen Bundestrainer Raimund Bethge – einst Mitstreiter in der Oberhofer Bobmannschaft –, Nehmer als Bahn- und Disziplintrainer im deutschen Verband zu verpflichten. Die Funktion übt Nehmer bis 2006 aus. Nach dem doppelten Olympia-Gold von André Lange in Turin verabschiedet sich der Wegbereiter der deutschen Bob-Erfolge in den endgültigen Ruhestand auf Rügen.
2016 wird Nehmer für seine Verdienste in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports aufgenommen. Heute verfolgt der 85-Jährige das Bobfahren nur noch im Fernsehen.






