Hans-Georg Aschenbach ist in den 1970er-Jahren einer der besten Skispringer der Welt. Für die DDR gewinnt der Thüringer bei der Nordischen Ski-WM 1974 in Falun Gold von der Normal- und Großschanze.
Aschenbach sichert sich reihenweise Titel
Die Krönung sind aber die Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck, wo Aschenbach vor seinem DDR-Teamkollegen Jochen Danneberg Gold von der Normalschanze gewinnt. Außerdem wird er Skiflugweltmeister (1973), triumphiert bei der Vierschanzentournee (1973/74), sichert sich den Titel bei der Skiflugwoche (1976) in Ironwood mit Schanzenrekord und wird in Innsbruck (1976) noch einmal Weltmeister von der Normalschanze.
Skispringer Aschenbach ist in der DDR ein Idol
Aschenbach erreicht in seiner Karriere alles. Er gilt als Paradebeispiel für das DDR-Sportsystem. Er ist das Symbol für den Aufstieg des Ostens.
„Es war das Privileg, immer zu funktionieren. Ich konnte nicht ich selbst sein. Wenn ich an einer Bockwurstbude stand, konnte ich nicht mal in der Nase popeln. Ich hatte Haltung zu bewahren und auf jeden zweiten Bierdeckel ein Autogramm zu schreiben. Ich war ein Idol“, sagt Aschenbach 2012 im „Tagesspiegel“. 1976 beendet er seine Karriere.

Aschenbach flüchtet im August 1988 in den Westen
Danach folgen zahlreiche Aufgaben und Stationen in der DDR, um vom Staatsapparat wieder die Erlaubnis für Reisen in den Westen zu bekommen. Zuvor fällt er beim Ministerium für Staatssicherheit wegen „kleinbürgerlicher Tendenzen“ und „charakterlicher Schwächen“ auf.
Aschenbach fremdelt mit dem System zunehmend – und trifft eine Entscheidung, die sein Leben auf den Kopf stellen wird. Im August 1988 setzt er sich nach einem Mattenspringen in Hinterzarten in den Westen ab. Vor dem Mannschaftshotel schüttelt er seinen Bewacher von der Staatssicherheit ab und fährt mit einem Freund davon.
Doping-System in der DDR fängt an, zu bröckeln
Im Westen angekommen, lässt er seine Vergangenheit zurück – und auch seine Familie. Nach seiner Flucht packt er über Zwangsdoping im DDR-Leistungssport aus. Kinder und Jugendliche würden gedopt, ohne dass sie oder ihre Eltern es wüssten. Selbst gibt er zu, mit Oral-Turinabol (orales anaboles Steroid) gedopt zu haben.
„Heute weiß ich, dass Doping Staatsdoktrin war. Minderjährige wurden mit Pillen gefüttert – ich nahm die mit 16, ohne zu wissen, was drin war. Mit 18 wurde mir das mitgeteilt, und wenn ich mich geweigert hätte, weiterzumachen, wäre ich weg gewesen“, erzählt der Thüringer. „Ich habe mitgemacht, war beim Armeesportklub Oberhof, da gab es Sold. Ich habe dem System gedient, war Teil des Systems. Ich war das System.“

Vom Olympiahelden zum „Sportverräter“
In seiner Biografie „Euer Held. Euer Verräter. Mein Leben für den Leistungssport“ beschreibt Aschenbach seinen Weg vom Spitzensportler in der DDR zum „Sportverräter“. Im Abschnitt „Die Jagd ist eröffnet“ schildert er anhand von Stasi-Unterlagen, wie er eines Tages betäubt in einem Fahrzeug zurück in die DDR transportiert werden sollte.
„Man wusste, wo ich mich bewegte, wo ich arbeitete und wo ich lebte. Dass sie mir so nahe waren, das hätte ich bis zur Einsicht in meine Akte tatsächlich nicht gedacht. Heute weiß ich: Der 9. November 1989 hat mir mein Leben gerettet.“
Familie darf dank der UNO in den Westen ausreisen
Im Westen wird aus dem einstigen Skisprung-Star ein Berufstätiger. Er nimmt eine Stelle als Orthopäde an der Mooswaldklinik in Freiburg bei Armin Klümper (1935 bis 2019) an. Später eröffnet er eine eigene Praxis in Munzingen. Wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer kann seine Familie auf Vermittlung der UNO ausreisen und siedelt nach Freiburg über.
Zu seiner Entscheidung von damals, zu flüchten und seine Familie mit den beiden Kindern im Alter von 12 und 16 Jahren zurückzulassen, sagt er rückblickend: „Als Vater verachte ich mich für das, was ich getan habe. Als Partner nicht.“ Dennoch sei es die richtige Entscheidung gewesen.
Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports
2015 wird Hans-Georg Aschenbach, der am 25. Oktober 1951 geboren wird, in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. In seiner Laudatio heißt es: „Seine Lebensgeschichte hat den Arzt, der unter Burnout-Syndrom und Depressionen litt, zu einem wichtigen Mahner gemacht.“
Für viele Sportler aus der ehemaligen DDR gilt er noch heute als Nestbeschmutzer und Verräter. Für andere hat er vielleicht den größten Beitrag geleistet, um das staatliche Doping-System der DDR aufzudecken.




