Er ist der deutsche Top-Biathlet der 80er-Jahre: Frank-Peter Roetsch. Für die DDR gewinnt er bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary Gold im Einzel und Sprint. Er ist damit der erste Biathlet, dem das gelingt. Bei der Eröffnungsfeier ist er zudem Fahnenträger der DDR.
Das Besondere an der Karriere von Roetsch, der am 19. April 1964 in Güstrow geboren wird, ist aber etwas anderes. Die Wendezeit bringt viele Veränderungen mit sich. Anfang 1990 verabschiedet er sich nach Konflikten mit Funktionären und Medien im Streit aus der DDR-Mannschaft. Er beendet sein Sportstudium ohne Abschluss. Anfang 1991 beginnt er als Handelsvertreter einer Firma für Bürobedarf in Ansbach zu arbeiten.
Roetsch lehnt nach der Wende das DDR-Sportsystem ab
Der Berufsalltag scheint aber nicht das zu sein, was sich Roetsch vorgestellt hat. Er beginnt wieder zu trainieren – und schafft im Winter darauf aus eigener Kraft die Qualifikation für die gesamtdeutsche Mannschaft.
Danach wird aus Roetsch, der als Paradebeispiel für die DDR-Sportförderung gilt und noch 1987 die DDR-Friedenspolitik lobt, ein Kritiker des DDR-Regimes. Von seinen Vorgesetzten distanziert er sich. Roetsch steht damit stellvertretend für viele Sportler, die das restriktive und staatlich gelenkte DDR-Sportsystem hinterfragen und zunehmend ablehnen.
An die großen Erfolge kann Roetsch nicht anknüpfen
An die großen Erfolge der 80er-Jahre kann Roetsch, der für die SG Dynamo Zinnwald startet, aber nicht mehr anknüpfen. In Lathi läuft er 1991 seine letzten Weltmeisterschaften. Zu einer Medaille reicht es nicht.
Auch nicht bei seinen letzten und dritten Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville. Mit Platz neun im Sprint stellt er aber ein letztes Mal sein Können unter Beweis. Nach der Saison beendet er seine Karriere.
Roetsch gewinnt Doppelgold bei Olympia 1988
Höhepunkt bleibt Olympia 1988 in Calgary, als der 23-jährige Frank-Peter Roetsch die versammelte Weltelite um die starken UdSSR-Läufer düpiert. Nachdem er mit wenigen Sekunden Vorsprung den Sprint über 10 Kilometer gewinnt, zeigt er im Einzel seine ganze Klasse.
Über die 20 Kilometer leistet er sich zwar drei Fehlschüsse, die Konkurrenz kann ihn aber nicht stoppen. Wieder gewinnt Roetsch Gold. Erneut haben Waleri Medwedzew aus der UdSSR und der Italiener Johann Passler das Nachsehen. Roetsch schreibt Biathlon-Geschichte und gewinnt als erster Athlet beide Einzeltitel bei Olympia.
Roetsch durchläuft das DDR-Sportsystem
Für die DDR, die mit sportlichen Erfolgen an internationaler Bedeutung gewinnen will, sind die Siege von Roetsch ein Glücksfall. Sein Aufstieg durch das DDR-Sportsystem verläuft planmäßig, auch außerhalb der Loipe. SED-Mitglied Roetsch ist Parteigruppenorganisator, studiert wie viele andere Spitzenathleten Diplomsport an der DHfK-Außenstelle in Dresden und gehört der Volkspolizei an.
„Ich bin stolz darauf, Vertreter einer Gesellschaftsordnung zu sein, in der Friedenspolitik Staatspolitik ist“, sagt er noch 1987 zu seinen politischen Ansichten. Kurz darauf distanziert er sich deutlich vom System.


