Es ist einer der größten Tage im DDR-Sport – historisch, einmalig, sensationell. Am 28. Februar 1960 schreibt Helmut Recknagel deutsche und internationale Sportgeschichte.
Schlusstag bei den Olympischen Winterspielen in Squaw Valley: Neben dem Eishockey-Finale findet noch das Skispringen statt. Die Skandinavier gelten auch dieses Mal als große Anwärter auf die Medaillen. Doch die Rechnung machen sie ohne den DDR-Athleten.
Recknagel schreibt dreifache Sportgeschichte
Recknagel gewinnt sensationell vor dem Finnen Niilo Halonen und Otto Leodolter aus Österreich – mit dem damals noch üblichen Stil, die Arme nach vorn zu strecken. Damit sorgt der Skispringer aus dem thüringischen Steinbach-Hallenberg gleich mehrfach für ein Novum.
Er ist der erste Deutsche, der bei Olympischen Spielen Gold im Skispringen gewinnt. Zugleich durchbricht er die jahrzehntelange Dominanz der Skandinavier, die bis dahin alle Olympiasiege unter sich ausgemacht haben. Und mit seinem Sieg ist Recknagel auch Weltmeister, da der Spezialsprunglauf zugleich als Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Ein historischer Tag für Recknagel und die DDR!

„An dem Tag passte alles. Das Wetter war herrlich, ich hatte das notwendige Selbstvertrauen, hatte Kraft, Mut, Konzentration, die Weiten stimmten, die Haltung“, sagt der heutige 88-Jährige der „Welt“.
„Ich bin meiner Favoritenrolle gerecht geworden. In beiden Durchgängen setzte ich alles auf eine Karte, ging volle Pulle und flog beide Male am weitesten. Das war schon toll.“
Deutscher Skispringer lässt die Muskeln spielen
Der Druck auf Recknagel war groß. Er musste liefern. Schließlich hatte er einen Tag vorher einen Spruch gebracht, der mutig war, aber auch gefährlich.
„Ich saß mit Langläufern und Nordischen Kombinierern abends auf dem Zimmer, und wir diskutierten über die Wettkämpfe. Als ich gegen 23 Uhr das Zimmer verließ, sagte ich ihnen: ‚Wenn morgen einer gewinnt, dann bin ich das und kein anderer‘, und schloss hinter mir die Tür“, erzählt er.

Mit seinem Olympiasieg von 1960 prägt Recknagel zahlreiche Generationen nach ihm. Nicht wenige Stars wie Sven Hannawald und Martin Schmitt betonen häufig, dass Recknagel großen Einfluss auf ihre Karrieren hatte.
Und noch heute spielt der Name Helmut Recknagel eine große Rolle, wenn es um herausragende und wegweisende Wintersportler geht. Im Mai 2017 taufte etwa der WSV Bad Freienwalde seine Schanze in Kurstadtschanze „Helmut Recknagel“ um. Es ist die erste Schanzenanlage, die den Namen des Olympiasiegers und mehrfachen Weltmeisters und Vierschanzentournee-Siegers trägt. Bei der Feier mit dabei: Helmut Recknagel.
Recknagel zieht es nicht in den Westen
So kennt man ihn. Wegbegleitern tritt er immer offen und herzlich gegenüber. Sozusagen: ein Mann zum Anfassen.
Das können wahrscheinlich auch seine beruflichen Wegbegleiter bestätigen. Denn: Nach seinem Karriereende 1964 studiert er Veterinärmedizin und schließt sein Studium im März 1970 ab. Nach Approbation und Pflichtassistenzen in Gorgast und Berlin leitet er ab 1974 die Veterinärhygiene-Inspektion im Kreis Fürstenwalde.
Veterinärstudium nach dem Karriereende
„Nach meinem Veterinärstudium hätte ich gerne eine private Tierarztpraxis aufgemacht, das aber war im Staat des einheitlichen Veterinärwesens nicht möglich“, erzählt Recknagel. „Da hätte man schon auf den Gedanken kommen können, ich bin jetzt gut als Veterinär, ich gehe auf die Kleintierpraxis oder mache Großtiere, Pferde und gehe dann mit meinen erworbenen Kenntnissen in den Westen. Doch das kam mir nie in den Sinn.“
Heute lebt Recknagel, der auch dreimal die legendäre Vierschanzentournee gewinnt, in Berlin-Friedrichshain. Ein Mann, der den DDR- und später gesamtdeutschen Sport geprägt hat.


