Die Karriere von Thomas Köhler ist bemerkenswert – und zu Beginn stark von Zufall und Glück geprägt. Zunächst ist er Leichtathlet, Turner und Handballer. 1953 wird er aber zur Teilnahme an den Bezirksmeisterschaften im Rodeln in Oberwiesenthal delegiert. Dort wird er von 13 Teilnehmern nur Letzter.
Erster DDR-Weltmeister im Einsitzer
Dennoch schafft er mit 17 Jahren den Sprung in die DDR-Auswahl. Seine WM-Premiere 1961 geht zwar noch daneben, ein Jahr später schafft er aber den Durchbruch. Im polnischen Krynica-Zdrój wird er 1962 erstmals Weltmeister im Einsitzer.
Köhler schafft es nur durch Quotenregelung zu Olympia
Dann der Schock: 1963 stürzt er auf derselben Bahn so schwer, dass er wegen einer Kieferverletzung weder an der WM noch an den gesamtdeutschen Olympia-Ausscheidungen für 1964 teilnehmen kann. Köhler hat aber Glück. Nach zähen Verhandlungen setzt die DDR-Führung eine Quotenregelung durch. Die besagt, dass beide nationalen Verbände die gleiche Starterzahl nominieren können. So rutscht Köhler doch noch ins Olympia-Team.
Damit beginnt eine unnachahmliche Karriere. Bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck, wo das Rennrodeln olympische Premiere feiert, rechtfertigt er seine Nominierung und gewinnt als Erster Gold im Einsitzer. Nach vier Läufen siegt er mit 0,27 Sekunden Vorsprung vor seinem Oberwiesenthaler Trainingskollegen Klaus-Michael Bonsack und Hans Plenk.

Für Köhler ist der Olympiasieg ein Titel für die DDR
Nach seinem Olympiasieg betont Köhler, der am 25. Juni 1940 in Zwickau geboren wurde, dass er den Titel für die DDR gewonnen hat, obwohl er in einer gesamtdeutschen Mannschaft an den Start gehen musste: „Trotz der gemeinsamen Mannschaft betrachteten wir uns eher als sportliche Gegner.“
Weniger erfolgreich verläuft der Wettkampf im Doppelsitzer für das Duo Köhler/Bonsack. Sie scheiden nach einem Sturz im ersten Lauf aus. Bei der Schlussfeier trägt der Sachse als einer von acht Olympiasiegern die olympische Flagge aus dem Stadion.
Köhler wird Olympiasieger im Einsitzer und Doppelsitzer
In den Jahren danach dominiert das DDR-Aufgebot das internationale Rennrodeln – vor allem dank großer Akribie und professionellem Agieren. Köhler wird Doppelweltmeister in Hammarstrand 1967, der Blick richtet sich aber auf die Winterspiele 1968 in Grenoble. Dort schlägt seine Sternstunde.
Im Einsitzer muss sich Köhler, der bei der Eröffnungsfeier Fahnenträger der erstmals eigenständig antretenden DDR-Mannschaft ist, hauchdünn dem Österreicher Manfred Schmid geschlagen geben und gewinnt Silber. Der Wettkampf wird aber in nur drei Läufen ausgetragen, da der vierte Durchgang wegen zu warmer Temperaturen abgesagt wird. Im Doppelsitzer siegt er mit Bonsack und ist damit neben Paul Hildgartner (Italien) der einzige Rennrodler, der im Einsitzer und Doppelsitzer Olympiasieger wird. Wenige Wochen später tritt er zurück.

Steile Karriere außerhalb des Eiskanals
Die Karriere außerhalb des Eiskanals verläuft schnell steil nach oben. Von 1969 bis 1976 feiert er als Rennschlitten-Cheftrainer weitere Erfolge. Höhepunkt sind die Winterspiele 1972 in Sapporo: Dreimal Gold, acht von neun Medaillen.
Ein Fernstudium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig (DHfK) schließt der gelernte Maschinenschlosser als Diplom-Sportlehrer ab. Von 1976 bis 1980 besucht er die Parteihochschule der SED und promoviert. Als Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) ist er mitverantwortlich für den Leistungssport. Lange gilt der nur 1,71 Meter große Zwickauer sogar als Kronprinz von DDR-Sportkönig Manfred Ewald.
„Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts weiter übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten.“
Thomas Köhler räumt flächendeckendes DDR-Doping ein
Doch mit der Wende kommt das Ende. Köhler spielt im gesamtdeutschen Sport keine Rolle mehr. 1999 erhebt der Sporthistoriker Giselher Spitzer Vorwürfe gegen Köhler und behauptet, bei seinen Erfolgen 1968 „unter Anabolika-Einwirkung“ gestanden zu haben.
Große Aufmerksamkeit erhält Köhler noch einmal 2010, als er in seiner Autobiografie „Zwei Seiten der Medaille. Thomas Köhler erinnert sich.“ das flächendeckende DDR-Staatsdoping eingesteht. Selbst Minderjährige wurden im DDR-Sportsystem mit „unterstützenden Mitteln“ gedopt. „Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht“, schreibt Köhler.
Köhler rechtfertigt Doping-Maßnahmen auch
Weil Anfang der siebziger Jahre die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen sei, „entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten“, schreibt er. „Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts weiter übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten.“
Zugleich rechtfertigt er in seinem Buch diese Maßnahmen und relativiert die Ausmaße und Folgen teilweise. Die DDR-Verantwortlichen hätten sich für eine „sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel“ entschieden. „Die Vergabe von Medikamenten erfolgte unter strengster Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht ... Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle, die in anderen Ländern durchaus vorkamen, passierten in der DDR nicht“, behauptet Köhler. Das bringt ihm viel Kritik von ehemaligen DDR-Sportlern ein.
Heute lebt der Rentner zurückgezogen in Berlin. Im Juni feiert er seinen 86. Geburtstag.






