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Warum DDR-Eisschnellläuferin Karin Enke beim Klassenfeind Kuchen aß

Eisschnellläuferin Karin Enke ist die erfolgreichste Winter-Olympionikin der DDR. Während ihrer Karriere erlebt sie das Kräftemessen zwischen Ost und West.

Author - Sebastian Krause
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Karin Enke, hier mit ihrem Nachnamen Kania-Enke, bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary.
Karin Enke, hier mit ihrem Nachnamen Kania-Enke, bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary.Werner Schulze/imago

In den 1980er Jahren ist Sport ein Gradmesser für die Stärke der politischen Systeme. Für die DDR geht es vor allem gegen die Klassenfeinde aus der Bundesrepublik und den USA. Mittendrin: eine Eisschnellläuferin, die in diesem Jahrzehnt das Niveau bestimmt.

Karin Enke ist der neue Superstar der DDR

Der Stern von Karin Enke geht bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid auf, wo sie über 500 Meter in olympischem Rekord ihr erstes Olympia-Gold gewinnt. Erst zwei Jahre zuvor war die ehemalige Eiskunstläuferin wegen Wachstumsproblemen auf das 400-Meter-Oval unter die Fittiche von Spitzentrainer Rainer Mund gewechselt und hatte bei der Sprint-WM 1980 in West Allis (USA) den Titel gewonnen. Sie ist der neue Superstar der DDR.

Enke ist die erfolgreichste Winterolympionikin der DDR

Ihren Karrierehöhepunkt erlebt die Dresdnerin bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo. Dort gewinnt sie zweimal Gold (1000 und 1500 Meter) und zweimal Silber (500 und 3000 Meter). Sie ist damit eine der erfolgreichsten Sportlerinnen dieser Spiele und trägt maßgeblich dazu bei, dass die DDR den Medaillenspiegel gewinnt – vor der Sowjetunion und den USA. Die Bundesrepublik wird nur Achter.

Vier Jahre später in Calgary sichert sich die Ausnahmeathletin noch zweimal Silber (1000 und 1500 Meter) und einmal Bronze (500 Meter). Mit insgesamt drei Gold-, vier Silber- und einer Bronzemedaille ist sie die erfolgreichste Winterolympionikin der DDR.

Großer Jubel für die Eisschnellläuferinnen der DDR. Andrea Schöne (Mitte) gewinnt die 3000 Meter bei den Olympischen Spielen 1984 vor Karin Enke und Gabi Schönbrunn.
Großer Jubel für die Eisschnellläuferinnen der DDR. Andrea Schöne (Mitte) gewinnt die 3000 Meter bei den Olympischen Spielen 1984 vor Karin Enke und Gabi Schönbrunn.Sven Simon/imago

Rücktritt im November 1988

Neben ihren Olympiamedaillen gewinnt sie auch elf WM-Titel – sechs im Sprint-Vierkampf und fünf im Mehrkampf. Sie stellt zehn Weltrekorde auf allen Strecken von 500 bis 3000 Meter auf, durchbricht 1986 über 1500 Meter als erste Frau die Zwei-Minuten-Schallmauer.

Die 1:59,30 Minuten haben bis in die Zeiten des Klappschlittschuhs Bestand und werden erst 1997 von der Kanadierin Catriona LeMay-Doan gebrochen. Im November 1988 hängt sie ihre Schlittschuhe an den Nagel.

DDR-Führung gibt Auftrag an Athleten mit

Die gebürtige Sächsin gilt mit ihrem Wechsel zum Eisschnelllauf als Ausnahmetalent. Viele Experten bescheinigen ihr einen perfekt ausgefeilten Laufstil, der Kraft und Schnelligkeit ideal kombiniert. „Sie hat unheimlich hart trainiert, konnte sich hervorragend auf die Wettkampfhöhepunkte konzentrieren. Wenn sie einmal etwas in Angriff genommen hat, dann hat sie es durchgezogen“, sagt ihr Trainer Rainer Mund.

Kein Wunder also, dass die DDR-Funktionäre sie bereits im Alter von 18 Jahren zu den Winterspielen 1980 nach Lake Placid schicken. Allerdings nicht, ohne ihr einen ganz besonderen Auftrag mitzugeben, wie sie sich im „Zeitzeugenportal“ erinnert.

Karin Enke startet gut gelaunt bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid und gewinnt Gold über die 500 Meter.
Karin Enke startet gut gelaunt bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid und gewinnt Gold über die 500 Meter.Sven Simon/imago

Widerspruch zwischen DDR-Führung und Realität

„Ich weiß noch, wie uns Manfred Ewald (damaliger DTSB-Präsident und einflussreichster Funktionär der DDR, Anm. d. Red.) bei der Verabschiedung der Olympia-Mannschaft ideologisch eingestimmt hat. Er sagte wörtlich: ‚Das oberste Ziel ist, dem Klassenfeind eine vernichtende Niederlage zuzufügen‘“, erzählt Enke.

Bei den Spielen in den USA erlebt Enke, die für den SC Einheit Dresden startet, erstmals den Widerspruch zwischen den Worten der DDR-Führung und der Realität: „Dann kommst du in ein Land, wo alle total freundlich, offen und hilfsbereit sind. Und ähnlich war es auch bei Reisen in die Bundesrepublik.“

Private Unterkunft bei der WM 1982 in Inzell

Auch dazu erzählt die heute 64-Jährige eine Anekdote: „Bei der WM 1982 in Inzell wurden wir privat untergebracht, also nicht im Hotel, sondern in einer Pension. Im Vorfeld wurde uns gesagt, den Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren. Der Fokus war immer, dass sie uns nichts Gutes, sondern nur besiegen wollen.“

Doch die Gastgeber sind alles andere als unfreundlich. Deshalb kommt es gleich bei der Ankunft zu einigen kuriosen Begegnungen. „Das Haus war mit Blumengirlanden geschmückt und wir wurden herzlich willkommen“, erinnert sich die frühere Weltklasseathletin. „Die Frau hatte frischen Kuchen gebacken. Unsere Mannschaftsleiter, drei oder vier Offizielle, mussten sich mit an den Tisch setzen und den Kuchen essen.“

Karin Enke-Richter präsentiert ihre Goldmedaille von den Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid.
Karin Enke-Richter präsentiert ihre Goldmedaille von den Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid.Eisenhuth/imago

Von der DDR-Führung instrumentalisiert

Erst nach ihrem Karriereende 1988 und der Wende wird ihr bewusst, dass sie Teil des Systems war. „Aber nach Beendigung meiner Karriere und viele Jahre nach der Wende habe ich viele Dinge reflektiert.“ Sie sieht sich zwar nie als Opfer der DDR, „aber diese Instrumentalisierung als Athletin ist mir dann bewusst geworden“.

1991 wird Enke als erste Eisschnellläuferin für ihr Lebenswerk mit der Jacques Favart Trophy geehrt. „Der magischste Moment war für mich in West Allis, weil der erste Titel so überraschend kam. Die schlimmste Enttäuschung erlebte ich in Calgary 1988 über 3000 Meter, wo es nicht zur Medaille reichte. Vielleicht habe ich damals zu viel gewollt, aber auch Tragik gehört zum Sport“, sagt die Ausnahmekönnerin rückblickend.

Vier Ehen mit vielen Namensänderungen

So erfolgreich ihre Karriere auch verläuft, so wechselhaft ist ihr Privatleben. Ihre vier Ehen sind stets mit Namensänderungen verbunden und sorgen für großes Aufsehen. So heißt sie von Mai 1981 bis April 1982 Karin Busch, von Juni 1984 bis Juni 1991 Karin Kania und von November 1993 bis März 2009 Karin Enke-Richter.

Heute lebt sie mit ihrem Ehemann Peter Mayer-Enke in der Nähe von Dresden. Aus ihren früheren Ehen hat sie zwei Töchter und einen Sohn.

„Nach Beendigung meiner Karriere und viele Jahre nach der Wende habe ich viele Dinge reflektiert.“

Karin Enke, Eisschnellläuferin aus der DDR

Seit 2014 Geschäftsführerin bei Organisation

Ihr Ehemann ist es, der die ausgebildete Kosmetikmeisterin zu einem Studium der Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Sozialpädagogik ermuntert. Nach vier Jahren schließt sie es mit einem Diplom ab. Seit 2014 ist sie Geschäftsführerin der Dresdener „Gemeinnützige Gesellschaft für die gemeindenahe sozialpsychiatrische Versorgung in Dresden mbH“.

Außerdem ist der einstige Sportstar stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins des Dresdner Staatsschauspiels.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com