Insolvenzen drohen

Iran-Krieg und hohe Spritpreise: Wie die Logistikbranche ums Überleben kämpft

Die Bundesregierung sieht sich wegen hoher Spritpreise harter Kritik ausgesetzt. Kleinere Unternehmen kämpfen am Limit ihrer Belastbarkeit.

Author - Sebastian Krause
Teilen
Die deutsche Logistikbranche steht wegen des Iran-Kriegs und der Sperrung der Straße von Hormus vor enormen Herausforderungen.
Die deutsche Logistikbranche steht wegen des Iran-Kriegs und der Sperrung der Straße von Hormus vor enormen Herausforderungen.Manfred Segerer/imago

Es ist ein Kampf am Limit. Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran sind die Preise für Benzin, Diesel und Kerosin explodiert. Die Maßnahmen der Bundesregierung konnten daran bisher nichts ändern. Verbraucher und Unternehmen stöhnen seit Wochen unter hohen Belastungen.

Speditionsgewerbe steht unter großem Druck

Besonders betroffen davon ist das Speditionsgewerbe. Unternehmen kämpfen mit hohen Kosten für Sprit und sehen sich gezwungen, Mehrkosten an ihre Kunden weiterzugeben oder an vielen Stellen radikal zu sparen – mit weitreichenden Folgen.

Maßnahmen der Regierung sind „nicht nachhaltig“

Der Frust bei den Unternehmen ist groß. „Wir als Familienunternehmer sehen die derzeitigen Maßnahmen angesichts der wirtschaftlichen Lage als nicht nachhaltig und zu kurz gedacht an“, sagt Luna Lohse von CL Spedition Berlin Transport und Logistik aus Reinickendorf dem KURIER.

„Sie setzen keinerlei Impulse für die Wirtschaft und führen zu mangelnder Planungssicherheit. Deutschland ist so weit entfernt von einer funktionierenden Exportnation wie noch nie“, sagt Lohse, die im Unternehmen für die Abfertigung von Gütern am Flughafen zuständig ist.

Um Geld in der aktuellen Krise zu sparen, haben viele Unternehmen ihre Routen bereits angepasst. Einige Lkw könnten dabei häufiger stehen bleiben.
Um Geld in der aktuellen Krise zu sparen, haben viele Unternehmen ihre Routen bereits angepasst. Einige Lkw könnten dabei häufiger stehen bleiben.Jochen Eckel/imago

Kleinere und mittlere Unternehmen besonders betroffen

Mit ähnlich sorgenvollen Worten blickt der Verband Verkehr und Logistik Berlin und Brandenburg (VLL) auf die aktuelle Situation. „Die hohen und zuletzt stark schwankenden Kraftstoffpreise wirken sich erheblich auf die Branche aus, denn Kraftstoff ist einer der größten Kostenblöcke einer Kraftwagenspedition beziehungsweise eines Transportdienstleisters“, erklärt Geschäftsführer Matthias Schollmeyer dem KURIER.

Viele Unternehmen würden kurzfristige Preissprünge nur mit Verzögerung an Kunden weitergeben können. „Dadurch geraten insbesondere kleinere und mittelständische Betriebe nicht nur unter erheblichen Margendruck, sondern erleiden auch zum Teil schwere Liquiditätsprobleme“, verdeutlicht Schollmeyer.

Deutschland ist so weit entfernt von einer funktionierenden Exportnation wie noch nie.

Luna Lohse, CL Spedition Berlin Transport und Logistik

Bisher keine Insolvenzen in Berlin und Brandenburg

Dem Verband liegen derzeit zwar keine Daten vor, dass die hohen Kraftstoffpreise zu Betriebsschließungen in Berlin und Brandenburg geführt hätten. Aber: „Wir gehen davon aus, dass es im Zuge der hohen Spritpreise auch zu einem Anstieg der Insolvenzen kommen wird. Aktuelle Zahlen der Wirtschaftsauskunfteien und des Statistischen Bundesamtes deuten darauf hin“, sagt der VVL-Geschäftsführer.

Der Verband vertritt aktuell etwa 150 größere und mittelständische Speditionen, KEP-Dienste, (Konzern-)Logistiker und Umzugsspediteure. Unternehmen, die ausschließlich im gewerblichen Güterkraftverkehr tätig sind, gehören nicht dazu. In der Region Berlin und Brandenburg gibt es mehr als 3000 Unternehmen der Speditions- und Logistikbranche.

Polina Zavadska ist Leiterin Kommunikation und Medien beim Bundesverband Spedition und Logistik und geht davon aus, dass besonders kleinere und mittlere Unternehmen von Insolvenzen bedroht sind.
Polina Zavadska ist Leiterin Kommunikation und Medien beim Bundesverband Spedition und Logistik und geht davon aus, dass besonders kleinere und mittlere Unternehmen von Insolvenzen bedroht sind.Bundesverband Spedition und Logistik e. V.

Kleinere Unternehmen hängen an Transportaufträgen

Teilweise Entwarnung gibt es auch vom Bundesverband Spedition und Logistik aus Berlin. „Insolvenzzahlen infolge der Energiekrise liegen derzeit noch nicht vor. Grundsätzlich treffen Insolvenzen den Speditionssektor weniger stark, da viele Speditionshäuser diversifiziert aufgestellt sind und logistische Zusatzdienstleistungen anbieten, die ertragreicher sind als der reine Straßentransport, und auch im Luft- und Seefrachtgeschäft aktiv sind“, erklärt Kommunikationsleiterin Polina Zavadska.

Sollte sich die Lage am Markt jedoch nicht ändern, schließt sie weitreichende Folgen für die Unternehmen nicht aus. „Besonders betroffen sind hingegen Transportdienstleister mit kleinen Fuhrparks von bis zu fünf Lkw, die nicht in feste Vertragsverhältnisse mit Speditionen eingebunden sind, sondern Transportaufträge auf den offenen Spotmärkten akquirieren. Hier sind die Margen besonders eng“, so Zavadska.

Berliner Unternehmen: „Ein absolutes Armutszeugnis“

Für das Familienunternehmen CL Spedition Berlin sind das keine guten Aussichten. Luna Lohse fordert daher klare Maßnahmen von der Regierung, um Unternehmen vor dem Untergang zu bewahren. Denn das, was bisher getan wurde, sei „ein absolutes Armutszeugnis“. 

„Wir halten eine Senkung beziehungsweise Aussetzung der CO₂-Steuer für absolut sinnvoll und notwendig“, sagt Lohse. So ließe sich verhindern, dass die Mobilitätskosten weiter steigen, dass die Preise im Einzelhandel weiter zulegen und dass weitere Projekte oder Bauvorhaben ausgesetzt werden.

Sollte die Krise im Iran andauern, dürfte dies in der Speditions- und Logistikbranche zu schweren Verwerfungen und einer Vielzahl an Insolvenzen führen.

Geschäftsführer Matthias Schollmeyer, Verband Verkehr und Logistik Berlin und Brandenburg

Diese Maßnahmen fordert die Logistikbranche

Für Geschäftsführer Schollmeyer vom VVL kann eine Senkung der CO₂-Steuer nur ein erster Schritt sein, um die Branche wieder zu stabilisieren. Bereits jetzt würden die Unternehmen mit Effizienzsteigerungen, Tourenoptimierungen und einer konsequenten Kostenweitergabe über Vertragsklauseln sparen, wo sie nur können.

„Auf Verbandsebene setzen wir uns für verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit ein. So fordern wir eine dauerhafte Senkung der hohen Steuerlast, die Abschaffung der Doppelbesteuerung von CO₂-Emissionen und einen nachhaltigen Rechtsrahmen, der Alternativen zum Diesel fördert und die Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen reduziert“, erklärt er.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht sich wegen der Energiekrise zunehmendem Druck aus der Logistikbranche ausgesetzt.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht sich wegen der Energiekrise zunehmendem Druck aus der Logistikbranche ausgesetzt.Kay Nietfeld/dpa

Verkehrsgewerbe fordert Friedrich Merz zum Handeln auf

Damit steht der VVL nicht allein da. Im Gegenteil: In der Branche wächst der Druck auf den Bundeskanzler. Mehrere Verbände des Verkehrsgewerbes rufen Friedrich Merz (CDU) in einem Offenen Brief zu schnellem Handeln in der Kostenkrise auf. Steigende Energie- und Betriebskosten sowie wachsender wirtschaftlicher Druck brächten zahlreiche Unternehmen an den Rand ihrer Existenz, heißt es.

Angesichts der Konflikte im Iran und der Blockade der Straße von Hormus ist fraglich, wann sich die Lage wieder entspannt. Laut einer Mitteilung des Datendienstleisters Datev können kleinere und mittlere Unternehmen nicht auf schnelle Verbesserung hoffen. Wegen geopolitischer Unsicherheiten und der damit verbundenen volatileren Rohöl- und Erdgaspreise sei zu erwarten, dass sich Kosten- und Lieferkettenbelastungen weiter verschärfen, heißt es.

Zunahme von Insolvenzen droht

„Der wirtschaftliche Druck auf kleinere Unternehmen wird durch steigende Lohnkosten zusätzlich verstärkt und zeigt sich auch in einer Zunahme von Insolvenzen“, heißt es in einer Datev-Mitteilung zu einer aktuellen Analyse der Logistikbranche.

Ein prominentes Beispiel war zuletzt das schwäbische Transportunternehmen Betz International, das in finanzielle Schieflage geraten war und Insolvenz anmeldete.

Die Spedition Betz International aus Baden-Württemberg musste vor kurzem Insolvenz anmelden.
Die Spedition Betz International aus Baden-Württemberg musste vor kurzem Insolvenz anmelden.Marijan Murat/dpa

Branche zwar robuster aufgestellt, Gefahr droht aber

Klar ist: Die Unternehmen brauchen dringend Lösungen, um die nächste Krise zu überstehen. Schollmeyer sagt zwar, dass die Branche „insgesamt robust und resilienter aufgestellt“ sei als in früheren Krisen, jedoch weiterhin unter „erheblichem Druck“ stehe.

„Sollte die Krise im Iran andauern“, sagt VVL-Geschäftsführer Matthias Schollmeyer, „dürfte dies in der Speditions- und Logistikbranche zu schweren Verwerfungen und einer Vielzahl an Insolvenzen führen.“

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com