Spektakuläre Flucht-Aktionen

Diese Ost-Stars flohen aus der DDR in den Westen

Nach dem Tod von Angelika Mann erinnerten sich viele an ihre Flucht-Geschichte. Doch auch andere Stars kehrten der DDR den Rücken.

Author - Florian Thalmann
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Susanne Daubner, Ute Freudenberg und Kai Pflaume: Drei Stars, die eigentlich aus dem Osten kommen, aber noch zu DDR-Zeiten in den Westen flohen.
Susanne Daubner, Ute Freudenberg und Kai Pflaume: Drei Stars, die eigentlich aus dem Osten kommen, aber noch zu DDR-Zeiten in den Westen flohen.Ulrich Perrey/dpa, Ervin Monn/imago, Christian Charisius/dpa (Montage: FTH/BK)

Ende der vergangenen Woche trauerte ganz Deutschland um Angelika Mann: Am Freitag wurde bekannt, dass „die Lütte“ bereits am Mittwoch im Alter von 76 Jahren an Krebs gestorben war. In vielen Nachrufen erinnerte man sich an die großen Erfolge der „Lütten“. Das Besondere: Angelika Mann gehörte zu den Künstlerinnen, die in Ost und West Karriere machten – weil sie 1985 aus der DDR in den Westen floh. Sie war nicht die Einzige, die den Osten verließ. Hier sind fünf Promis, die der DDR ebenfalls den Rücken kehrten.

Angelika Mann: Die Lütte zog 1985 in den Westen

Angelika Mann fühlte sich in der DDR zunehmend unwohl, berichtete sie in Interviews. 1984 stellte die Lütte einen Ausreiseantrag, im darauffolgenden Jahr wechselte sie von Ost- nach West-Berlin. Ein Umzug von Buch nach Rudow, doch zugleich ein Umzug in eine andere Welt, schrieb Sänger André Herzberg („Pankow“) in einem Abschiedsstatement auf Facebook. Die Lütte sei damals verschwunden. „Verschwinden hieß für bekannte DDR-Künstler, ab sofort wurde in keiner Öffentlichkeit mehr ihr Name genannt, ihre Lieder nicht mehr im Radio gespielt. Man tat so, als hätte es sie nie gegeben.“

Doch sie ließ sich nicht unterkriegen, machte auch im Westen Karriere, stand etwa bald in der „Dreigroschenoper“ im Theater des Westens auf der Bühne. So erging es auch anderen Künstlerinnen und Künstlern: Sie kehrten der DDR den Rücken zu, verabschiedeten sich vom Osten – und gingen in den Westen. Mal auf offiziellem Weg, mal bei spektakulären Flucht-Aktionen. Hier lesen Sie die Geschichten von fünf Stars, die die DDR ebenfalls hinter sich ließen.

Susanne Daubner ist eines der Gesichter der „Tagesschau“ – und hast eine Ost-West-Flucht-Geschichte.
Susanne Daubner ist eines der Gesichter der „Tagesschau“ – und hast eine Ost-West-Flucht-Geschichte.Ulrich Perrey/dpa

Susanne Daubner floh durch eiskalten Fluss

Sie ist eines der Gesichter der „Tagesschau“ – und ihre alljährliche Lesung zu den Jugendwörtern des Jahres machte sie zum Kult: Susanne Daubner. Was viele nicht wissen: Die berühmte Nachrichtensprecherin erlebte zu DDR-Zeiten eine spektakuläre Flucht in den Westen. Sie wurde beim Rundfunk der DDR zur Sprecherin und Moderatorin ausgebildet – doch nach Anwerbeversuchen der Stasi beschloss sie, den Osten zu verlassen. Im Juli 1989 verschwand sie über Ungarn und Jugoslawien, musste dabei den Grenzfluss Drava durchschwimmen.

Doch der Fluss war eiskalt – und zu der Zeit über die Ufer getreten. Sechs Stunden lang trieben sie und ihr Freund im Hochwasser ab. Er redete ihr gut zu. „Irgendwann habe ich ihm das nicht mehr geglaubt, habe um Hilfe geschrien, aber da war keiner … Wir waren beide aktiv im Schwimmsport tätig – sonst wären wir wahrscheinlich beide ertrunken“, sagte sie in einem Interview. Eine unbewachte Brücke rettete die beiden. „Der Wachturm stand halb unter Wasser, deshalb konnten wir ganz bequem rüber marschieren.“ Für die Nachrichtensprecherin gab es ein Leben nach der Flucht: Sie arbeitete erst beim Sender Freies Berlin, dann beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg – und gehört seit 1999 zum Team der „Tagesschau“.

Ute Freudenberg nutzte einen auftritt in Hamburg, um sich von der DDR in den Westen abzusetzen.
Ute Freudenberg nutzte einen auftritt in Hamburg, um sich von der DDR in den Westen abzusetzen.Ervin Monn/imago

Ute Freudenberg türmte nach einem Auftritt im Westen

Ihr Song „Jugendliebe“ ist noch immer Kult – und darf auch heute noch auf keiner Party fehlen. Vor allem im Osten ist Ute Freudenberg ein Star. Und das, obwohl sie auch zu jenen gehöre, die abhauten. Der Grund: Sie fühlte sich eingeengt und in ihrer Freiheit beschnitten. Nachdem sie Anfang der 80er-Jahre mehrfach im Westen war, bekam sie plötzlich zwei Jahre lang Reiseverbot, erzählte sie erst im vergangenen Jahr im Podcast „Muckefuck und Fernsehfunk“. Doch dann rettete sie ein Auftritt in der Sendung „Die aktuelle Schaubude“.

„Ich wusste für mich: Ich muss dieses Land verlassen, um zu überleben“, sagte sie. Nach dem Auftritt in Hamburg holte der Mann einer Freundin sie ab. „Ich habe ihm gesagt: Wolfgang, du gehst jetzt raus mit meinem Kosmetikkoffer, setzt dich ins Auto – und wenn ich angerannt komme, muss der Motor schon laufen. Dann knalle ich die Tür zu und dann fährst du um dein Leben.“ Als er nach dem Warum fragte, antwortete sie: „Weil du jetzt mit mir zusammen abhaust.“ Die Flucht gelang – und auch die Karriere ging weiter, auch wenn sie sich im Westen durchbeißen musste. Doch das sei ihr gelungen.

Kai Pflaume wurde im Osten geboren – und floh kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen.
Kai Pflaume wurde im Osten geboren – und floh kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen.Eibner/imago

Kai Pflaume floh über Ungarn in den Westen

Jahrelang war er der Experte in Liebesdingen im TV, verkuppelte Paare bei „Nur die Liebe zählt“. Was viele nicht wissen: Auch Kai Pflaume hat eine Ost-West-Geschichte in seiner Biografie – die allerdings schon passierte, bevor er zum TV-Star wurde. Er wurde in Halle an der Saale geboren, zog als kleines Kind mit seinen Eltern nach Leipzig, flüchtete kurz vor der Wende über Budapest – er brauchte dafür aber mehrere Anläufe. „Meine Eltern haben immer zu meinem Bruder und mir gesagt, wenn es einmal die Chance gibt, in den Westen zu gehen, nutzt die Chance. Wenn ihr es nicht tut, tut es niemand“, berichtete er im Interview mit der Superillu.

Im Sommer 1989 sei er in Ungarn gewesen. Damals habe er aber nicht fliehen wollen, ging wieder zurück nach Leipzig. „Ich habe für mich den richtigen Abschluss gebraucht, ich wollte nicht so überstürzt meine Heimat verlassen.“ Doch er überlegte es sich – und beantragte schon zwei Tage nach der Rückkehr ein neues Visum für Ungarn. „Ich hatte nur meinem Vater davon erzählt, dass es nun konkret wird. Meine Mutter hätte die Sorge um mich nicht verkraftet“, sagte Kai Pflaume.

Er flog nach Budapest. Dort standen schon Busse bereit, die die Menschen über Wien nach Passau brachten. Kai Pflaume kam zu seiner Tante nach Frankfurt – und startete in der TV-Sendung „Herzblatt“ im Jahr 1991 seine Fernseh-Karriere. Damals war er Kandidat, zwei Jahre später wurde er aber bei einem Casting als Moderator entdeckt. Der Rest ist ein Stück TV-Geschichte.

Thomas Schmidt spielte die Hauptrolle im Märchenfilm „Die Geschichte vom kleinen Muck“. Er floh mit seiner Familie in den Westen.
Thomas Schmidt spielte die Hauptrolle im Märchenfilm „Die Geschichte vom kleinen Muck“. Er floh mit seiner Familie in den Westen.DEFA/Youtube

Der kleine Muck: Märchen-Star der DDR machte rüber

Es gibt auch DDR-Stars, an die man heute kaum noch denkt – wenn nicht gerade die Filme laufen, an denen sie vor Jahrzehnten mitwirkten. Einer von ihnen ist ohne Zweifel Thomas Schmidt. Der Mediziner, der schon im Jahr 2008 in Hannover starb, spielte im zarten Alter von elf Jahren die Hauptrolle im Film „Die Geschichte vom kleinen Muck“. Das Märchen gehört zu den populärsten der DDR, hätte für Schmidt der Einstieg in eine unglaubliche Schauspiel-Karriere im Osten sein können. Doch seine Familie zog mit dem jungen Nachwuchsschauspieler in den Westen.

Schon 1955 setzten sich die Eltern des kleinen Muck mit ihrem Sohn ab. „Es gab eine Begebenheit, die meinem Vater gezeigt hat, dass es in der DDR keine Freiheit mehr geben wird: Er sollte das Drehbuch zum ‚Tapferen Schneiderlein‘ schreiben und wurde vor ein Gremium beordert, von dem die Defa politisch kontrolliert wurde“, sagte Schmidt vor Jahren in einem Interview. Er sollte gezwungen werden, das Schneiderlein anzulegen wie Wilhelm Pieck, ein Mann aus dem Volk. Außerdem sollte es nicht die Prinzessin heiraten, sondern „ein Mädchen aus dem Volke“. „Mein Vater kam nach Hause und sagte: Hier können wir nicht bleiben. Dann sind wir nach München gegangen.“ Die Familie ließ sich dort nieder, Thomas Schmidt übernahm noch einzelne Rollen im Fernsehen und als Sprecher – und ging dann in die Medizin.

Schauspieler Thomas Kretschmann wollte sich in der DDR nicht mehr vorschreiben lassen, wie er leben sollte. Er floh in den Westen.
Schauspieler Thomas Kretschmann wollte sich in der DDR nicht mehr vorschreiben lassen, wie er leben sollte. Er floh in den Westen.M. Popow/imago

Thomas Kretschmanns Flucht war eine Odyssee

Auch Schauspieler Thomas Kretschmann gehörte zu jenen, die der DDR den Rücken kehrten – und das aus den Gründen, die auch andere bewegten. „Das Gefühl der Machtlosigkeit war ein Allgemeinzustand in der DDR“, sagte der in Dessau geborene frühere Schwimmer in einem Interview mit der B.Z. Er habe immer nach Eigenverantwortung gestrebt – und wollte sich nicht von Funktionären vorschreiben lassen, wie er leben sollte. Allerdings sei sein Ziel ein anderes gewesen, betonte er immer wieder. Er sei nicht – wie viele andere Flüchtlinge – „wohin“ gegangen, also in den Westen, sondern er sei von der DDR weggegangen.

Die Flucht selbst sei eine zwei Wochen lange Odyssee gewesen. Es ging nach Ungarn, dann über Jugoslawien und Osterreich nach West-Berlin. An der Grenze zu Jugoslawien sei er an seinem 21. Geburtstag um sein Leben gerannt, sagte er. 14 Jahre lang lebte er danach in West-Berlin. Über die Flucht habe er nie gern gesprochen, verriet er Jahre danach in einem Gespräch mit der Berliner Morgenpost. „Man mache sich damit so nackig“, sagte er. „Ich habe das Gefühl, ich lege da meine Innereien auf den Tisch.“ Im Westen startete er sein Schauspielstudium, machte danach steile Karriere in der Filmbranche. Und spielte sogar in einem Flucht-Film mit. Im Streifen „Ballon“ von Michael „Bully“ Herbig wechselte Kretschmann aber auf die andere Seite, schlüpfte in die Rolle eines Oberstleutnants von der Stasi.

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