Sören Marotz, Ausstellunsgleiter beim DDR Museum, kennt das Bogensee-Areal bei Wandlitz wie seine Westentasche. Der Brand im Lektionssaal der FDJ-Hochschule hat ihn, wie alle anderen auch, völlig kalt erwischt und geschockt. Dennoch sagt er: „Lasst den Brand ein Weckruf sein, um das Gelände mit dem Riesenpotenzial endlich aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.“
Auch wenn die neue Situation alle kalt erwischt hat, die glaubten das Areal sei stabil im Tiefschlaf und sicher, sei es nun Tatsache, dass der Brand den Saal mit Bestuhlung, Bühne und Übersetzerkabinen völlig zerstört hat. „Das ist zwar ein Verlust an DDR-Bausubstanz, aber er ist zu verkraften“, so Sören Marotz.
Denn die eigentliche Besonderheit des gesamten Geländes liegt in der gleich zweifachen historischen Aufladung durch die beiden Diktaturen. An den Außenfassanden, der völligen Abgeschiedenheit der Häuser nach Hermann Henselmann im Wald. Das alles ist noch da und wartet darauf, mit neuem Leben gefüllt zu werden.

Brand am Bogensee tiefer Einschnitt
Auch der Bürgermeister der Gemeinde Wandlitz, Oliver Borchert, erklärte am Donnerstag, der Brand sei ein tiefer Einschnitt – für unsere Gemeinde und für alle, die sich seit rund zwei Jahren so intensiv für ein tragfähiges Zukunftsmodell dieses Ortes einsetzten. „Das Areal steht sinnbildlich für ein schwieriges Kapitel deutscher Geschichte, aber auch für die Chance, Erinnerung, Bildung und gesellschaftliche Auseinandersetzung miteinander zu verbinden. Diese Chance ist durch das heutige Ereignis nicht beendet.“
Der Großbrand bedeute nicht das Ende der Planungen, jedoch einen Wendepunkt. „Wir müssen nun gemeinsam mit allen Beteiligten, besonders mit dem Land Berlin, neu bewerten, wie sich die bereits angestoßenen Planungen anpassen lassen“, so Borchert. „Jetzt geht es darum, mit kühlem Kopf zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Diese Verantwortung nehmen wir als Gemeinde sehr ernst. Sobald gesicherte Erkenntnisse zum Schadensumfang und zur Brandursache vorliegen, wird die Gemeinde Wandlitz die Öffentlichkeit informieren.“

Geschichte des Areals am Bogensee
Wie wertvoll das Areal im Wald bei Wandlitz ist, erschließt sich, wenn man seine Vergangenheit betrachtet.
„Bogensee war eine geschlossene Anlage, bis zur Wende musste man einen Bogen drum machen“, sagt Sören Marotz. Seit der Jahrtausendwende liegt die Liegenschaft weitgehend leer und im Dornröschenschlaf.
Die Geschichte des Geländes aber beginnt schon mit dem Kauf großer Grundstücke durch eine expandierende Stadt Berlin, erläutert der Historiker und Geograf. Um 1900 wächst die Stadt, Berlin erwirbt im Umland große Flächen von adligen Besitzern, auf denen zunächst Waldwirtschaft betrieben wurde. Das Berlin der Gründerzeit denkt in die Zukunft und hält große Flächen vor: für Gesundheit oder Rieselfelder etwa.
Auch wenn am Ende nicht alle Nutzungen realisiert werden: Während der NS-Zeit hat die Stadt ausreichend Ländereien, um sie an die Machthaber zu verschenken. Auf Lebenszeit erhält Gauleiter und Propagandaminister Joseph Goebbels ein großes Grundstück am Bogensee, auf dem er sich eine Villa bauen lässt, die er fortan als Liebesnest nutzt.
Nutzung durch Josel Goebbels
Das Areal ist riesig, es hat in der Summe 500 Hektar Gesamtfläche - davon vielleicht 100 Hektar bebaut. Zwei Häuser entstehen unter NS-Herrschaft. Ein Landhaus für Goebbels, später durch die Forstverwaltung genutzt. 2015 wird dieses Liebesnest mit Ausblick über den Bogensee bei eine Brand komplett zerstört. Die Ruine stand leer, wurde schließlich plattgemacht, nichts erinnert heute mehr daran. Ebenso wenig wie an Hermann Göhrings Waldsitz Carinhall, der sich nur 30 Kilometer nördlich befand.

Was heute aus der Göoebbels-Zeit noch steht, ist das sogenannte Waldhof-Areal, eine dreiflügelige Anlage mit vielen Zimmern. Goebbels hat sie 1939 bauen lassen und zu privaten und repräsentativen Zwecken genutzt. „Es gibt in diesem Bau auch versenkbare Fenster wie bei Hitler auf dem Obersalzberg“, sagt Sören Marotz. In den 1940er Jahren hat Goebbels dort gearbeitet, bis er 1945 sein Ende durch Suizid im Führerbunker fand.

DDR Diktatur am Bogensee
Nach dem zweiten Weltkrieg beginnt die eigentliche Hochzeit, die prägende Epoche des Areals. Schon kurz nach dem Krieg, 1946 wird das Areal umgenutzt, schon damals hat die DDR-Jugendorganisation FDJ, die sich im Ausland formierte, den Plan, eine Bildungsstätte für den sozialistischen Nachwuchs zu errichten.
Imposante Bauten mitten im Wald kamen für die FDJ, deren Chef einst Erich Honecker war, hinzu. 32 000 Quadratmeter Fläche wurden zwischen 1953 und 1956 im Stil Hermann Henselmanns und der Stalinbauten an der Karl Marx Allee gebaut. Das Herzstück der sechs Baukörper: das große Lektionsgebäude. Ein luxuriöser Bau in dem der Unterricht stattfand. Deweiteren gab es ein Kulturhaus mit Theater, Wohn- und Wirtschaftsgebäude.
Es waren sechs Häuserblöcke geplant, einer dieser Blöcke wurde allerdings erst in den 1980er als Plattenbau realisiert. „Noch bis in die 1980er Jahre baut die DDR, erneuert Technik und hält die Substanz intakt“, sagt Sören Marotz Die Bausubstanz sei bis zur Wende und darüber hinaus bestens in Schuss gewesen „Es gibt zwar noch Leuchten aus den 60er und 70er Jahren. Aber bis zum Schluss galt das Areal als modern, auf dem Stand der Zeit.“

Was geschah in der FDJ-Schule am Bogensee
Der FDJ-Kadernachwuchs hat am Bogensee die Ausbildung für eine Funktionärskarriere genossen. Auch internationale Gäste aus sozialistischen Ländern kamen an den Bogensee und sollten dann zurück in ihren Ländern sozialistische Aufbauarbeit leisten. In der Idylle am See wurden Ideologie und Handwerk wurden gleichermaßen vermittelt. „Märkischer See und Wald – auch Erholung und Liebelei spielten eine Rolle“, weiß Sören Marotz. An einigen Bäumen könne man noch heute sehen, wie sich Paare mit ihren Initialen und Datum verewigten.
Das Areal war eine geschlossene, bewachte Anlage im Wald. Niemand, der nicht sollte, kam hier herein. Das änderte sic mit der Wende, dem nächsten großen Burch. „Die Funktion des Geländes war mit dem Ende der DDR war hinfällig.“
Der Übergang geschah 1991 zum Träger Internationalen Bund. Die Anlage 1990 wurde geöffnet, man konnte sich das auch anschauen. Es gab Besichtigungstermine etwa im Lektionshaus und auch im Kulturhaus, das später Haus Bogensee hieß.
Bis 1999 nutzte der Internationale Bund das Areal. Benannte die Häuser um in Haus Wien, Haus Berlin, Haus Regio die Calabria – sie wurden von internationalen jungen Gästen genutzt.
Seit 25 Jahren steht das Areal leer, es sind zwar Filme gedreht worden und es gab kleinere Zwischennutzungen. Auch eine Forstschule hat ihren Sitz am Bogensee.
Die Plattenbauten für die Angestellten sind teilweise bewohnt. „Es leben und arbeiten Menschen im ganz geringen Umfang bis heute dort“, sagt Sören Marotz.

Doch wie weiter mit der Anlage am Bogensee?
Das Land Berlin ist weiter Eigentümer des Grundstücks und der Bebauung, es liegt aber im Land Brandenburg, welches damit verantwortlich für die Anlage ist. Seit Oktober hat die Gemeinde Wandlitz einen Nutzungsvertrag und kann das Areal bespielen und behutsam öffnen. „In Zukunft wird sich dort gehobeneres Wohnen realisieren lassen“, ist Sören Marotz sicher.
Mit einer besseren Taktung der Heidekrautbahn, die kommen soll, ist die Anbindung nach Berlin da. Das indiviuelle Wohnen im Grünen ist gefragt, auch für eine alternde Bevölkerung bietet der Standort Vorteile.
Dass das Gelände politisch-historisch aufgeladen mit zwei Diktaturen ist, lässt sich wunderbar in die Story einbeziehen, die ein erfolgreiches Marketing für so einen Standort braucht. „Dass der Lektionssaal nun abgebrannt ist, eröffnet vielleicht auch architektonisch neue Möglichkeiten“, so Sören Marotz.
Man müsse nach vorn Blicken und sich der neuen Situation stellen. „Das Gebäude hätte sowieso gründlich entkernt werden müssen“, sagt er. Schwarzschimmel an der Decke und Wasserschäden haben der Substanz zugesetzt. Wichtig ist, dass die Außenmauern intakt sind. Von vorn, dem großen Platz des Ensembles ist der Brandschaden nicht zu sehen. Der Brand sei in keinem Fall ein K.O.-Kriterium für das, was mit dem Bau-Ensemble passieren kann.
Gebäude schaffen Identität
Mit der Wende wurden m im Osten nicht nur Landschaften abgeräumt sondern auch Identität, ohne dass eine neue geschaffen worden wäre. „Deswegen befassen wir uns so emotional mit den verbliebenen DDR Bauten“, sagt Sören Marotz. Am Bogensee besteht weiter die Chance, auf dem geschichtsträchtigen Boden zu erforschen, wer wir waren und wer wir in Zukunft sein wollen.




