Das Wichtigste zuerst. Mario Schubert hat derzeit keinen einzigen orangefarbenen AKA RG28 Mixer in seinem Laden, den er verkaufen könnte. Nachfragen nach dem DDR-Kultmixer gibt es zwar weiter jede Menge. Mit der Hiobsbotschaft vorneweg will der 51-Jährige unbedingt vermeiden, dass ein neuer Run auf das wohl kultigste Haushaltsgerät des Landes losgeht.
Er rührt und rührt und rührt
Das Teil, der Held der Arbeit, hergestellt in Suhl, ist nämlich so etwas wie das It-Piece der DDR, das Signature-Produkt sozialistischen Designs. Langlebig, vielseitig, nachhaltig und schwer in der Hand, steht der Mixer als Stellvertreter für eine Sehnsucht, die heute auch diejenigen packt, die die DDR selbst gar nicht mehr kennenlernten. Ein Relikt, das einfach immer weiter rührt und rührt und rührt.

Oder raspelt, püriert, schlägt und mahlt. Denn der RG28 war mit seinen vielen zusätzlichen Aufsätzen der Tausendsassa unter den Haushaltsgeräten in DDR-Küchen.
Auf Youtube gibt es längst Videos, wie man den RG28 wartet. „Wenn man ihn nicht ab und zu öffnet und säubert, findet man irgendwann einen halben Kuchen drin,“ sagt Mario Schubert, der auf der Oderberger Straße mit seinem Laden VEB Orange eine der wenigen Anlaufstellen für Fans des DDR-Designs ist. Auch sei es nicht ratsam, ihn länger als fünf Minuten am Stück Rotkohl raspeln zu lassen. „Da steigt selbst der robusteste Motor aus“, weiß Schubert.
DDR-Schätze im VEB Orange
Überhaupt kann einer wie Mario Schubert den Hype um ein einziges Gerät aus der DDR wohl nur schwer nachvollziehen. Für ihn sind alle seine DDR-Schätze, die er im Laden zeigt und in zwei Garagen, einem Keller und auf einem Dachboden verwahrt, wertvoll.
So wertvoll, dass er sie manchmal gar nicht gern verkaufen möchte. „Aber was soll man machen, ich muss ja auch Miete zahlen“, sagt Schubert, der den VEB Orange nun schon seit über 20 Jahren führt. Das Interesse an DDR-Artikeln nehme dabei über die Jahre eher zu als ab, sagt er.
Profi-Sammler und Souvenir-Jäger
Es gibt zwei Sorten von Kunden, die in den kleinen, verwinkelten und bis unter die Decke vollen Laden kommen. Die Profis, die Sammler, die ganz genau wissen, was sie suchen. Die ganz bestimmte Mosaik-Ausgabe, die Sibylle-Schnittmuster, den einen in Heimarbeit per Hand bemalten Indianer, von denen es 145 verschiedene gibt, oder ein Teil aus einer Porzellan-Serie, denen nur die DDR so klingende Namen wie „Rationell“ zu geben vermochte.

Für sie öffnet Schubert geheime Schubladen und Schränke, zaubert aus dem Hinterzimmer noch einen Karton zum Thema Interflug hervor und weiß dabei immer genau, was er hat und was nicht.
Der andere Teil der Kunden, von denen an verkaufsoffenen Sonntagen schon mal um die 2000 das Geschäft bevölkern, kommt aus aller Welt und staunt über die Warenwelt der kleinen DDR. Etwa 95 Prozent des Sortiments sind made in GDR, aber auch internationale Designschätze aus den 50er bis 70er Jahren hat Mario Schubert in den Regalen. Die Touristen lassen sich von den Geschichten, die Schubert zu jedem Teil erzählen kann, gern mit auf eine Zeitreise nehmen.
An- und Verkauf von Gegenständen aus der DDR
Man wird das Gefühl nicht los, dass sich hier ein Umschlagplatz, eine Zentrale eines Netzwerks befindet, die sich komplett der Alltagswelt der DDR verschrieben hat. Schubert hat in den vergangenen 20 Jahren wohl an die 100.000 Visitenkarten verteilt, wer eine Sammlung auflösen will, ruft ihn an. Er muss sich regelmäßig ermahnen, nicht zu viel anzukaufen, sagt er.

Im Schaufenster zeigt Schubert Unverkäufliches. Eine einzigartige Sammlung an Fernsehturm-Souvenirs etwa. „Den großen haben nur richtig hochrangige Gäste der Stadt erhalten.“ Oder Karl-Marx-Büsten aus Meißner Porzellan. Grenzschilder, Bowlespieße mit Fernsehturm und vieles mehr.
Es gibt sogar eine DDR-Version von Alf
Der gelernte Maler, der später zum Heilerziehungspfleger umsattelte, kann sich noch gut an seinen ersten Sammeleinsatz erinnern. „Als sie damals die Schulen dichtmachten und alles rausflog, da habe ich gedacht: Das kann man doch nicht alles wegwerfen.“
Von allem ein wenig habe er vorrätig. Darunter auch echt schräge Dinge wie die DDR-Kopie der westdeutschen TV-Figur Alf. Eine kleine Plastikfigur in verschiedenen Farben wurde unter dem Namen „Malfi“ in der DDR unters Volk gebracht. „Eine Lizenz hatten die damals ganz sicher nicht dafür“, so Schubert über den dreisten Klau.
Im Hinterzimmer sind unzählige Artikel in knalligem Orange, Gelb oder Rot aufgereiht. „Die Farben waren damals ein Lebensgefühl“, sagt Mario Schubert. Genauso wie das Ata-Scheuermittel oder der Rondo Melange-Kaffee, dessen Verpackungen Schubert aufbewahrt hat. Eine ganze Wohnungseinrichtung, ja ein ganzes Alltagsleben könnte man hier zusammenkaufen: Vom Handtuch über Bettwäsche, Filme, LPs, Spielzeug, Drogeriewaren, Geschirr und Technik gibt es kaum einen Lebensbereich, der im VEB Orange nicht abgedeckt wird.
Und dann, als einem nach dem Rundgang schon ein wenig der Kopf schwirrt vor lauter vergangenen Dingen und „Weißt du noch“-Momenten, holt Mario Schubert hinter einem orangen Vorhang noch so einen Knaller raus.

Ein Skateboard, das in der DDR ab 1986 zur 750-Jahr-Feier produziert wurde. Der VEB Schokoladen-Verarbeitungsmaschinen in Wernigerode schraubte für das Board herkömmliche Rollschuhrollen unter ein viel zu glattes Brett. „Dank des Stoppers vorn legte man sich gleich mal auf die Nase“, weiß Schubert. Unter dem Namen Germina Speeder wurde das einzige jemals in der DDR hergestellte Skateboard für 135 Mark verkauft.
Im SEZ konnte man den „Germina Speeder“ ausleihen, und die coolen Jungs auf dem Alex bauten sich das Teil sofort fahrtüchtig um, indem sie Schmirgelpapier auf die Standfläche klebten, damit sie nicht herunterrutschten. Es sind die Geschichten, die die Dinge im VEB Orange wertvoll machen.




