Comeback nach 50 Jahren

DDR-Kult! In Marienfelde drucken sie geheimes Mosaik-Abenteuer der Digedags

DDR-Comic Mosaik kehrt mit den Digedags zurück – mit einem Abenteuer, das nie erscheinen durfte.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Es ist vollbracht! Zeichner Ulf S. Graupner, Druckerei-Chef Sven Regen und Herausgeber Henning Krowiasch mit dem druckfrischen Moasik mit den Digedags.
Es ist vollbracht! Zeichner Ulf S. Graupner, Druckerei-Chef Sven Regen und Herausgeber Henning Krowiasch mit dem druckfrischen Moasik mit den Digedags.Norbert Koch-Klauxcke

Sie sind wieder da! Genau 50 Jahre nach ihrem Verschwinden feiern jetzt die Knollennasenhelden Digedags aus dem legendären DDR-Comic Mosaik ihr Comeback. Ihr letztes Abenteuer, das nie erschien, wird gerade gedruckt. Nicht wie einst in Leipzig, sondern in einem Werk im Westen Berlins. Der KURIER war dabei.

Die Werksuhr zeigt 11 Uhr. Henri Franz (60) ist bereit, wirft die Druckmaschine an. Er weiß: Was in diesem Moment in dem PIEREG-Druckcenter in Berlin-Marienfelde passiert, ist so etwas wie deutsch-deutsche Geschichte im Nachgang. Denn aus der Maschine werden gleich die ersten Bögen mit den Seiten des  Mosaik-Heftes „Das Konzert unter Wasser“ kommen.

Die Druckplatten für das Mosaik-Heft
Die Druckplatten für das Mosaik-HeftNorbert Koch-Klaucke

Eigentlich sollte die Nummer 91 im Juni 1964 in der DDR erscheinen, durfte aber nicht. Ironie der Geschichte: Jetzt entsteht das Heft in einem Gewerbegebiet aus West-Berliner Zeiten, in Nachbarschaft zum Mercedes-Benz-Werk.

Ein Arzt aus Leipzig bringt die Digedags zurück

Möglich machten es die Männer, die nun neben der Druckmaschine den ersten Seitenbogen des Mosaik-Heftes begutachten. Einer von ihnen ist Dr. Henning Krowiasch (49), einer der Herausgeber des Heftes.

Henning Krowiasch, Ulf S. Graupner und Drucker Henri Franz vor Druckstart am Kontrolltisch mit einem Testdruck.
Henning Krowiasch, Ulf S. Graupner und Drucker Henri Franz vor Druckstart am Kontrolltisch mit einem Testdruck.Norbert Koch-Klaucke

„Es ist wahrlich ein historischer Moment“, sagt er. Denn Ende 1975 wurde das DDR-Kultcomic mit den Digedags nach 20 Jahren eingestellt, weil es Streit mit dem Verlag Junge Welt und dem Digedags-Erfinder Hannes Hegen (eigentlich Johannes Hegenbarth, 1925–2014) gab.

Im Januar 1976 erschien dann ein neues Mosaik mit den Abrafaxen, das bis heute existiert. Krowiatsch: „Und nun wird 50 Jahre danach wieder ein neues Mosaik-Heft mit den Digedags gedruckt, mit denen einst viele Menschen in der DDR aufgewachsen sind – Wahnsinn!“

Der Bilderbogen mit dem Mosaik-Cover der Nummer 91
Der Bilderbogen mit dem Mosaik-Cover der Nummer 91Norbert Koch-Klaucke

Den Wahnsinn hat Krowiatsch mitausgelöst. Der Oberarzt an der Uni Leipzig ist im Privatleben Digedags-Fan und Mosaik-Sammler. Zusammen mit einem anderen Fan erwarb Krowiatsch aus dem Nachlass des Comic-Gründers Hegenbarth einen echten Schatz: die fertigen Manuskripte zu den Heften 90 und 91, die nie erschienen.

Darum durften Mosaik-Hefte in der DDR nicht gedruckt werden

Sie sollten das große Finale der „Erfinderserie“ des Mosaik werden, die in den 60er-Jahren erschien. In den Manuskripten zu den bisher verschollen geglaubten Heften ging es um den deutschen U-Boot-Erfinder Wilhelm Bauer (1822–1875). 1964 wurde die Geschichte abrupt beendet, die im zaristischen Russland und ohne die entsprechende Würdigung der Arbeiterklasse spielte. Das ging ja nun gar nicht in der DDR.

Hannes Hegen am Schreibtisch in seinem Haus in Karlshorst, in dem sich das Atelier befand (2010).
Hannes Hegen am Schreibtisch in seinem Haus in Karlshorst, in dem sich das Atelier befand (2010).Volkmar Otto

„In dieser Zeit stand zum ersten Mal die Existenz des Mosaiks auf dem Spiel“, sagt Krowiatsch. „Verlag und die Parteileitung wollten schon damals Hegenbarth loswerden, was ihnen erst in den 70er-Jahren gelang.“
Denn Hegenbarth wehrte sich, bat damals den DDR-Kulturminister Hans Bentzien um Hilfe. Mit Erfolg. Hegenbarth blieb, durfte mit seinem 1955 gegründeten Mosaik weitermachen.
Aber: Er musste die Manuskripte der Hefte 90 und 91 ins Archiv verbannen. Dafür starten unter diesen Nummern die bei den Fans beliebten Abenteuer der Digedas mit dem Ritter Runkel.

Digedags-Zeichner: „Ich bekomme Gänsehaut“

„Jetzt kommt die Erfinderserie zu ihrem würdigen Ende“, sagt Krowiatsch. Er und sein Mitstreiter Dr. René Brecht hatten mit Hegenbarths Adoptivsohn vereinbart, anhand der Manuskripte die richtigen Hefte nach über 60 Jahren Verbannung erscheinen zu lassen. Die ursprüngliche Nummer 90 („Das Duell an der Newa“) erschien bereits im Mai 2025 zum 100. Geburtstag von Hegenbarth. Nun folgt endlich die 91.

Eine Seite aus dem Mosaik-Heft mit den Digedags.
Eine Seite aus dem Mosaik-Heft mit den Digedags.Norbert Koch-Klaucke

Drucker Henri Franz legt den nächsten Bogen aus der Maschine auf den Kontrolltisch. Darauf sind 16 Seiten des insgesamt 24 Seiten starken Mosaik-Heftes. „Ich bekomme richtig Gänsehaut, wenn ich den fertigen Druck sehe. Es ist perfekt“, sagt Ulf S. Graupner (60). Er ist einer der beiden Zeichner dieser Digedags-Hefte.

Digedags Abenteuer: „Aus Dialogtexten machten wir die Bilder“

Graupner und sein Kollege Steffen Jähde (er schuf die Hintergrundzeichnungen) haben eine echte Meisterleistung vollbracht. „Denn die Manuskripte bestanden nur aus Schreibmaschinenseiten mit Dialogtext. Es gab keine Bilder oder Anweisungen dazu“, sagt Graupner. „Aus dem Text mussten wir also herausfinden, wie die einzelnen Zeichnungen aussehen sollten.“
Zum Glück fanden sich die Vorlagen im Archiv. Aber sie zeigten nur, wie die meisten Figuren in der Handlung auszusehen hatten.

Zeichner Ulf S. Graubner begutachtet den Druckbogen mit den Seiten des Mosaik-Heftes.
Zeichner Ulf S. Graubner begutachtet den Druckbogen mit den Seiten des Mosaik-Heftes.Norbert Koch-Klaucke

Über ein Jahr dauerte die Arbeit an beiden Heften. Graupner und Jähde zeichneten, so wie es schon damals beim „Mosaik“ üblich war, mit der Hand. Mit Bleistift und Pinsel wurde gearbeitet. Das Colorieren der Bilder geschah am Computer.
Graupner, der heute für das Comicheft „Knax“ der Sparkasse arbeitet, war in den 90er-Jahren auch für das „Mosaik“ mit den Abrafaxen tätig. Sein Handwerk lernte er dort bei der Mosaik-Legende Lona Rietschel (starb 2017). Sie war als Zeichnerin bei Hegen für die Digedags verantwortlich. Das Wissen kam jetzt Graupner zugute.

Drucker Henri Franz wirft die Druckmaschine für das letzte Digedags-Abenteuer an.
Drucker Henri Franz wirft die Druckmaschine für das letzte Digedags-Abenteuer an.Norbert Koch-Klaucke

Drucken, schneiden, heften: Die Druckerei in Berlin-Marienfelde (58 Mitarbeiter) schafft in einer Stunde etwa 5000 Hefte. „Seit acht Jahren fertigen wir Sonderausgaben für das Mosaik mit den Abrafaxen. Wir sind stolz, dass wir jetzt den Auftrag für die Digedags-Hefte bekamen“, sagt PIEREG-Chef Sven Regen (51). Es dauert gar nicht lange, dann kann er die ersten fertigen Hefte dem Zeichner und dem Herausgeber überreichen.
Sie sind zufrieden: Ihre Mission Digedags-Comeback ist geglückt. „Wir haben den damaligen Charme dieser Hefte in die heutige Zeit gebracht“, sagt Krowiatsch beim Durchblättern. Und die druckfrischen Hefte scheinen genauso zu duften, wie die Mosaik-Hefte zu DDR-Zeiten an den Kiosken. Vorausgesetzt, man war einer der Glücklichen, die eines der wenigen Exemplare Monat für Monat ergattert hatten.

Ab 14. Januar gibt es das Mosaik-Heft mit den Digedags

Heute muss man das Mosaik-Heft „Das Konzert unter Wasser“ nur im Internet bestellen. Der „Steinchen für Steinchen“-Verlag (hier erscheinen die Mosaik-Hefte mit den Abrafaxen) stellt für das Digedags-Heft einen „Verkaufsshop“ im Internet zur Verfügung. Unter digedags.mosaik.eu wird er am 14. Januar 2026 scharf geschaltet. An diesem Tag können Fans dort das Heft bestellen.

Die ersten Mosaik-Hefte sind fertig! Zeichner Ulf S. Graubner, Herausgeber Henning Krowiatsch und Druckerei-Chef Sven Regen sind zufrieden.
Die ersten Mosaik-Hefte sind fertig! Zeichner Ulf S. Graubner, Herausgeber Henning Krowiatsch und Druckerei-Chef Sven Regen sind zufrieden.Norbert Koch-Klaucke

Nur kostet das Mosaik nicht mehr 60 Pfennig wie damals. Stolze 15 Euro kostet das Heft mit dem letzten Abenteuer der Digedags. „Wer sagt denn, dass es das letzte Abenteuer sein wird?“, sagt Herausgeber Krowiatsch. „Die Manuskripte waren nur die Spitze des Eisberges aus dem Nachlass von Hegenbarth.“
Mehr verrät Krowiatsch nicht. Die Digedags-Fans dürfen auf mehr hoffen.

Freuen Sie sich auch schon über das neue Digedags-Abenteuer? Wen finden Sie besser – die Digedags oder die Abrafaxe? Schicken Sie uns einen Leserbrief mit Ihren Erfahrungen per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.