Nach dem Brand am Bogensee

Ein letzter Blick in die verlorene, verbrannte DDR‑Pracht

Der Hörsaal der FDJ‑Jugendhochschule am Bogensee ist ausgebrannt. 560 Sitzplätze, Dolmetscherkabinen – alles zerstört. KURIER zeigt, was alles zu Asche zerfiel.

Author - Stefan Henseke
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Der große Hörsaal mit 560 Sitzen und den bronzeverglasten Fremdsprachenkabinen für die Dolmetscher darüber.
Der große Hörsaal mit 560 Sitzen und den bronzeverglasten Fremdsprachenkabinen für die Dolmetscher darüber.privat

Im Herbst noch gab es Hoffnung für die alte FDJ-Jugendhochschule am Bogensee. Die Gebäude wurden endlich wieder richtig gesichert. Die Gemeinde Wandlitz übernahm per Überlassungsvertrag für zwei Jahre das Bogensee-Areal mit der Villa des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. Doch jetzt vernichtete ein Feuer den wichtigsten Teil des Haupthauses. Gibt es überhaupt noch eine Zukunft für das Areal?  KURIER zeigt, was alles verbrannt ist.

Fenster standen offen: Mekka für Lost-Place-Fans

Das Land Berlin ist Eigentümer der 154.000 Quadratmeter großen Anlage. Ein teurer Klotz am Bein Berlins. Rund 230.000 Euro zahlt Berlin pro Jahr für Gebäudeunterhalt, Verwaltung und Bewachung – ohne eine Idee zu entwickeln, was mit den seit 2005 leerstehenden Gebäuden passieren soll. Doch trotz mehrerer Anläufe wurde kein Käufer gefunden, dem man das Grundstück überlassen wollte.

Nach dem Feuer: Oliver Borchert, Bürgermeister von Wandlitz, steht in dem ausgebrannten und mit Löschschaum bedeckten großen Saal des Lektionsgebäudes auf dem Bogensee-Areal.
Nach dem Feuer: Oliver Borchert, Bürgermeister von Wandlitz, steht in dem ausgebrannten und mit Löschschaum bedeckten großen Saal des Lektionsgebäudes auf dem Bogensee-Areal.Christoph Soeder/dpa

Fast schien es so, als ob sich keiner mehr richtig um das Gelände kümmern würde. Seit gut anderthalb Jahren war in der Lost-Place-Szene ein offenes Geheimnis, dass man die Gebäude ohne Problem erkunden kann. Fenster zum Keller, im Erdgeschoss und im ersten Stock der beiden wichtigsten Gebäude (Lektionsgebäude mit dem Hörsaal und das Kulturhaus) standen wochenlang, gut sichtbar offen – ohne, dass sich jemand darum gekümmert hätte.

Vor dem Feuer: Der Blick aus den Dolmetscherkabinen auf den großen Saal mit der Bühne.
Vor dem Feuer: Der Blick aus den Dolmetscherkabinen auf den großen Saal mit der Bühne.privat

Im vergangenen Sommer sah man vor allem an Wochenenden viele Besucher, die übers Gelände stromerten, die prächtigen Bauten fotografierten – und durch die offen stehenden Fenster ins Innere kletterten. Das sprach sich in der Lost-Place-Szene herum.

Hörsaal mit 560 Sitzplätzen stürzte ein

Erst im Herbst passierte endlich etwas. Großflächig wurden Fenster und Türen im Erdgeschoss mit neuen Sperrholzplatten gesichert, die anderen erreichbaren Fenster sicher verschlossen. Jüngere Bäume wurden gerodet, das wildwuchernde Unterholz gelichtet.

Die Gemeinde Wandlitz hat große Pläne, wollte Außenflächen und Gebäude für Führungen, Besichtigungen und Veranstaltungen nutzen. Konzepte sollten erarbeitet werden. 870.000 Euro waren eingeplant – 600.000 Euro davon aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“, 100.000 Euro vom Landkreis Barnim.

Doch die Bilder aus der vergangenen Woche zeigen es: Es muss Idioten gegeben haben, die die Sperrholzplatten wieder aufgebrochen haben und eingebrochen sind. Am Mittwochabend gegen 21 Uhr wurde im Lektionsgebäude ein Feuer gemeldet, das sich zu einem Dachstuhl-Vollbrand ausweitete. Der große Saal stand in Flammen, das Dach stürzte ein – der imposante Hörsaal mit seinen 560 Sitzplätzen und 18 Dolmetscherkabinen ist nur noch Asche.

Der große Hörsaal (Mitte) im Lektionsgebäude ist nach dem Großbarnd komplett eingestürzt.
Der große Hörsaal (Mitte) im Lektionsgebäude ist nach dem Großbarnd komplett eingestürzt.Axel Billig/Pressefoto Wagner

Die DDR-Jugendorganisation FDJ übernahm 1946 das Gelände am Bogensee, auf dem dass einst Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels sein Landhaus baute. Das steht immer noch und wurde 1946 auch als erstes Schulungsbebäude für die spätere Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ genutzt.

Der Architekt war DDR-Legende Hermann Henselmann

Wer einmal über das Gelände spaziert ist, erkennt die Handschrift des Architekten, der ab 1950 die neuen Prachtbauten der FDJ-Hochschule bauen ließ. Sie ähneln im Kleinen den Häusern in der Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee). Im Stile des sozialistischen Klassizismus. Architekt hier wie da: Hermann Henselmann.

Der Sicherungskasten für die Beleutung im großen Saal – inklusive Präsidentenloge.
Der Sicherungskasten für die Beleutung im großen Saal – inklusive Präsidentenloge.privat

Das Lektionsgebäude mit dem Hörsaal und das Kulturhaus tragen die Handschrift des DDR-Meisterarchitekten. Doch der Hörsaal in der Mitte des imposanten Lektionsgebäudes ist jetzt Geschichte. Nur noch die Außenmauern stehen, der Rest ist eingestürzt.

Bilder von davor, von vor dem Feuer, zeigen, dass der Saal eigentlich nur gut erhalten war. Mit 560 Sitzplätzen, voller Bestuhlung, darüber 18 Dolmetscherkabinen mit bronzefarbener Verglasung.

In diesem Raum hinter den Dometscherkabinen saß die Regie für die Aufführungen im großen Saal.
In diesem Raum hinter den Dometscherkabinen saß die Regie für die Aufführungen im großen Saal.privat

Mit der großen Bühne, den Vorhängen, die teilweise schon zerfetzt waren. Auf der gegenüberliegenden Seite, hinter den Fremdsprachenkabinen, war die Technik untergebracht. Zwei riesige, altertümliche Filmprojektoren, dazu die Steuerzentrale mit einem Raum voller Fernseher.

Die beiden großen Filmprojektoren, die Filme auf die Bühne projizieren konnten, hatten die Wende überdauert.
Die beiden großen Filmprojektoren, die Filme auf die Bühne projizieren konnten, hatten die Wende überdauert.privat

Prachtvoll auch der Zugang zum Lektionsgebäude. Ein dreistöckiges Foyer mit Kronleuchtern, Balustrade, Säulen und Mosaiksteinen.

Generationen von FDJ-Funktionären und politischen Nachwuchskadern aus dem Ausland nutzten die Treppen, die in den Hörsaal der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ führten.

Mit Kronleuchtern und Mosaikboden: Über dieses Foyer ging es in den großen Saal.
Mit Kronleuchtern und Mosaikboden: Über dieses Foyer ging es in den großen Saal.privat

Die Jugendhochschule war fast schon eine kleine Stadt. Mit Internatsgebäuden für Hunderte Studenten, mit Heizkraftwerk und Sporthalle, Kindergarten und Kinderkrippe, mit Restaurant, Friseur und Konsum-Verkaufsstelle.

1981 fand in der FDJ-Kaderschmiede die Pressekonferenz von Bundeskanzler Helmut Schmidt während seines Besuchs in der DDR statt. Extra für den Besuch wurden für 70 Millionen Mark die in die Jahre gekommenen Gebäude wieder auf Vordermann gebracht.

Von hier aus wurden die Vorträge und reden auf der Bühne für die Studenten aus dem Ausland übersetzt.
Von hier aus wurden die Vorträge und reden auf der Bühne für die Studenten aus dem Ausland übersetzt.privat

Nach der Wende gab es wechselnde Nutzer, Berlin wurde wieder Eigentümer der Liegenschaft. Erst zog der gemeinnützige Internationale Bund für Sozialarbeit, dann das Internationale Bildungszentrum IBC (bis 1999) ein, bis 2005 fanden noch einmal jährlich Schulungen der Berliner Polizei in den Gebäuden statt. Danach standen die Gebäude leer und wurden zuletzt mehr und mehr vernachlässigt.

SED-Politbüromitglied Kurt Hager (Mitte, l.) besucht im Sommer 1986 zusammen mit FDJ-Chef Eberhard Aurich (Nitte, re.) die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ am Bogensee.
SED-Politbüromitglied Kurt Hager (Mitte, l.) besucht im Sommer 1986 zusammen mit FDJ-Chef Eberhard Aurich (Nitte, re.) die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ am Bogensee.Reinhard Kaufhold/dpa

Haben Sie am Bogensee studiert oder gelehrt? Haben Sie Fotos? Schreiben sie uns per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.