Spaziert man durch Johannisthal, findet man mit etwas Glück ein durch einen Zaun halb verdecktes Schild, das an die Legenden erinnert, die hier einstmals vor der Kamera standen. Hier, in der Straße am Flugplatz 6 A, standen einst die größten Filmstudios Europas. Ernst Busch, Asta Nielsen, Heinz Rühmann, Armin Mueller-Stahl und Leni Riefenstahl drehten dort. Filmklassiker wie „Nosferatu“, „Kuhle Wampe“, „Ehe im Schatten“ und „Geschlossene Gesellschaft“ stammen aus den Studios, die heute vergessen (und abgerissen) sind.
Jofa-Ateliers: Die größten Filmstudios Europas
Filmfans kennen Defa und Ufa – doch die Jofa ist aus der Erinnerung getilgt. Die Jofa stand für Johannisthaler Filmanstalt GmbH – und hat bis heute nicht mal einen Wikipedia-Eintrag. Eine Ausstellung im Museum Treptow widmet sich jetzt dieser besonderen Geschichte. Und ab Februar erinnern Filmvorführungen und Vorträge an „Berlins vergessene Traumfabrik?“.

Kurios: Die Studios, die Anfang der 1920er-Jahre als das größte Filmstudio Europas galten, haben ihre Existenz eigentlich der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg zu verdanken.
Johannisthal (Treptow-Köpenick) mit dem dazugehörigen Flughafen ist damals das Zentrum der deutschen Flugzeugindustrie. Die hier angesiedelten Hersteller liefern rund ein Viertel der 48.000 im Ersten Weltkrieg in Deutschland produzierten Flugzeuge. Kampfflugzeuge von Fokker, Albatros und Rumpler. Doch als Folge des Versailler Friedensvertrages wird nach dem Krieg auch der deutsche Flugzeugbau runtergefahren. Hallen stehen leer.
Flugzeugwerke wurden für den Film umgebaut
Da hat Walter Huth, Besitzer der Albatros-Flugzeugwerke, eine geniale Idee. Er baut Anfang 1920 zwei leer stehende Produktionshallen in die Filmateliers A und B um. Glasverdacht, durch große Schiebetüren miteinander verbunden. 137 mal 21 Meter lang, mit verstellbaren Sperrholzwänden aufgeteilt in je drei Ateliers von je 45 mal 21 Metern. Sogar Eisenbahnzüge können direkt in die Atelierhallen fahren und großformatige Kulissen und Material anliefern.

Die Jofa produziert dabei selbst keine Filme, sondern vermietet die Hallen. Am 30. Mai 1920 gehen die Schweinwerfer an. Die Stars und Produktionsfirmen werden schnell von den hochmodernen Ateliers angezogen. Allein im Gründungsjahr werden in den Jofa-Ateliers 36 Spielfilme abgedreht.
Von „Nosferatu“ bis zum „Polizeiruf 110“
Von Oktober bis Dezember 1921 entstehen in den Jofa-Studios die Innenaufnahmen für den Horror-Klassiker „Nosferatu“ von Friedrich W. Murnau, Stummfilmstar Asta Nielsen dreht hier Filme wie „Hamlet“. Der gesellschaftskritische Streifen „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ ist 1929 der letzte Stummfilm, „Die Nacht gehört uns“ mit Hans Albers kurz darauf der erste Tonfilm. Auch Ernst Busch wählt die Studios für die Innenaufnahmen von „Kuhle Wampe“.

Nach 1933 werden die nunmehr zweitgrößten deutschen Filmstudios (nach der Ufa in Babelsberg) verstaatlicht. Fast 300 Filme entstehen bis 1945. Viel Unterhaltung, aber auch Goebbels’sche Propaganda („Ich klage an“). Heinz Rühmann spielt in „Der Mustergatte“, Gustav Gründgens in „Tanz auf dem Vulkan“, Johannes Hesters in „Immer nur Du“.

Nächster Krieg, nächster Neustart. Die Studios gehen in das Filmerbe der DDR über. Im August 1946 übernimmt die Defa den Standort. Los geht es mit „Irgendwo in Berlin“ (von Gerhard Lamprecht) und „Ehe im Schatten“ von Kurt Maetzig. Bis 1961 werden in den Jofa-Ateliers 46 Defa-Filme fürs Kino gedreht, dann übernimmt das DDR-Fernsehen die Studios. Auf den Drehplänen steht nun der „Polizeiruf 110“ oder das hochgelobte und nach Erstausstrahlung verbotene Ehedrama „Geschlossene Gesellschaft“ (1978) mit Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl.
Selbst Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg konnten die Jofa-Ateliers nicht vernichten. Das schaffte erst die Wende. Die Studios in Johannisthal werden samt Personal abgewickelt, Gelände und Gebäude gehen in der Besitz der Kirch-Gruppe (Sat.1) über. Doch die weiß mit dem Areal nichts anzufangen. Die Studios werden abgerissen, nur noch das einstige Verwaltungsgebäude steht heute noch. Und die Gedenktafel, die man leicht übersieht.

Die Fakten zur Ausstellung
Die kleine Ausstellung „Berlins vergessene Traumfabrik?“ ist im Museum Treptow im historischen Rathaus Johannisthal (Sterndamm 102) zu sehen. Von Montag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, freitags von 8 bis 14 Uhr und am Wochenende von 14 bis 18 Uhr. Mit einer Schautafel, über einen Bildschirm mit Kopfhörern können Ausschnitte aus Filmen gesehen werden, die hier gedreht wurden.
Am 13. Februar beginnt eine Vortrags- und Filmreihe zur Ausstellung. Los geht es mit dem Vortrag „Johannisthaler Filmgeschichte(n): Vorgeschichte und Stummfilmzeit (1909–1929)“, am 20. Februar läuft der Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, begleitet von Live-Musik. Weitere Filme („Kuhle Wampe“, „Romanze in Moll“) folgen bis November.


