Wolfgang Pöhler ist 85 Jahre alt. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert kauft er jedes Jahr im Advent einen musizierenden Engel für seine Frau. 28 niedliche Flügelfiguren stehen zu Weihnachten bei den Pöhlers in der Stube. Der Mann ist der beste Beweis: Wer einmal vom Erzgebirge-Sammelfieber gepackt ist, den lässt die Leidenschaft selten wieder los.
Pöhlers Weg im November führt ihn stets in ein besonderes Geschäft in der Spandauer Adamstraße. Hier, bei Günter Münzberg, werden seit 1990 Berliner auf der Suche nach Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge fündig.

Engel, Schwibbögen, Pyramiden, Räuchermänner, Herrnhuter Sterne, es gibt kaum etwas, das im Erzgebirge in Handarbeit produziert wird, das Münzberg nicht hat oder besorgen kann.
Adventstrubel im Pyramiden-Fachgeschäft
An diesem Mittwochvormittag, ein paar Tage vor dem ersten Advent, herrscht Hochbetrieb im Laden. Ab zehn Uhr morgens steht das Handy bei Günter Münzberg nicht mehr still. Immer wieder kommen Kunden herein und bringen ihre Schätze mit. Ein Lämpchen am Schwibbogen ist kaputtgegangen, Münzberg hat alle Größen vorrätig. Ein junger Mann holt g restaurierte Stücke ab. Seine Mutter kommt aus dem Erzgebirge, erzählt er, und ließ den prachtvollen Kerzenhalter-Engel und eine große Pyramide wieder flott machen.

Dieses Jahr strahlen sie zum Fest in neuem Glanz. „Die handgefertigten Stücke aus dem Erzgebirge haben für viele Kunden eine sehr persönliche Bedeutung“, weiß Günter Münzberg. Oft werden sie an die nächste Generation weiter gegeben, die guten Stücke sind, typisch DDR, auf Langlebigkeit gepolt.
Weihnachtszauber mit Engeln und Lichtern
Auch Günter Münzberg selber erlag schon früh, als Kind, dem Zauber der weihnachtlichen Figuren. In seiner Lausitzer Heimat habe es eine Drogerie gegeben, erinnert er sich. Dort wurden ab und an die Raritäten aus dem Erzgebirge verkauft. „Man hat die Waren ja kaum bekommen, produziert wurde die Handwerkskunst meist für den Export“, erinnert sich Münzberg.
Mit großen Augen stand er als kleiner Junge jedes Jahr vor dem Schaufenster und staunte über eine Pyramide in Form eines Adventshauses, unerschwinglich, aber wunderschön. „Mit vier oder fünf Jahren haben ich eine Kurrende, also Sänger vor der Seiffener Kirche, geschenkt bekommen“, sagt Günter Münzberg. Noch heute werden die Figuren jedes Jahr zu Weihnachten ausgepackt.

Mit 26 Jahren aus der Lausitz ab in den Westen
Wer sich nun fragt, wieso ein Lausitzer mit Erzgebirgs-Fimmel ausgerechnet in Berlin-Spandau seinen Laden aufsperrt, der erfährt von Günter Münzberg eine sehr persönliche Geschichte. 1984 ist er mit seiner jungen Familie nach genehmigtem Ausreiseantrag in den Westen ausgereist. Dreieinhalb Jahre hatten sie auf den Aufbruch in ein neues Leben gewartet. Fünf Jahre lang arbeitet er dann bei Hertie in der Lagerlogistik, schuftete sich hoch – und dann kam die Wende und er wurde nicht mehr gebraucht.
1989 fährt er das erste Mal zurück in die DDR, nach Seiffen und kauft Ware, 1990 macht er seinen Laden auf. Münzbergs Geschäft ist bis heute eine der wenigen Adressen in Sachen Erzgebirgisches Kunsthandwerk in Berlin.
Doch die Corona-Zeit hat dem Geschäft einen schweren Schaden zugefügt, ausgerechnet im Dezember, der Zeit, in der der meiste Umsatz gemacht wird, musste der Laden geschlossen bleiben. Bis heute spürt Günter Münzberg den Einschnitt. Auch die gestiegenen Stromkosten machen ihm zu schaffen. „Der Laden lebt ja vom Licht“, sagt er. 500 Euro mehr jeden Monat muss er allein für das Leuchten zahlen.

Münzberg hat Stücke von 120 Herstellern im Erzgebirge in den Regalen: Von winzigen Miniaturstuben aus seinem kleinen Betrieb in Seiffen über Reifendrehtiere, die überhaupt nur noch sieben, acht Menschen weltweit per Hand herstellen können, bis zu einer Riesenpyramide aus den 50er Jahren, die Münzberg liebevoll aufgearbeitet hat. Überhaupt sind die Raritäten aus zweiter Hand wieder sehr gefragt. Günter Münzberg hat Pyramiden aus den 1940er und 50er Jahren wieder flott gemacht.
Pyramide und Schwibbogen reparieren lassen
„95 Prozent aller Reparaturen machen wir hier selber“, sagt er. Bäumchen drechseln, Figuren neu lackieren, alles kein Problem. Auch abgefallene Schnurrbärte und Räuchermänner, die nicht mehr ziehen, bekommt Günter Münzberg wieder in Gang. An der Wand hinter seiner Kasse hängen all die Auftragszettel, die es abzuarbeiten gilt.

Wessis warfen Ostgeschenke achtlos weg
Heute wissen die Menschen die langlebigen Kunstwerke aus Seiffen, Grünhainichen, Oberwiesenthal oder Schneeberg zu schätzen, doch das war nicht immer so. Günter Münzberg erinnert sich an Kunden, die die Geschenke der Tante aus dem Osten in den Müll entsorgten. Nicht wissend, dass sie da etwas ganz Feines aus der DDR erhalten hatten. „Wenn wir gewusst hätten, was das wert ist, hätten wir es behalten“, sagten einige. Und das ärgert Münzberg.
„Anfangs mussten wir den Leuten erklären, wie eine Pyramide funktioniert“, sagt Günter Münzberg. Heute aber gibt es in Ost und West gleichermaßen Liebhaber.


