Finanzexperten machen mir Angst

Ich bin 25: So viel sollte ich laut Experten schon angespart haben

Altersarmut, Rente, Versicherung: Erst jetzt wird mir klar, wie viel Scheindreck wir stattdessen in der Schule gelernt haben. Ein Kommentar.

Author - Paula Hitzemann
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Dass man mit Mitte 20 bereits mehrere Zehntausend Euro angespart haben sollte, sagt einem in der Schule keiner.
Dass man mit Mitte 20 bereits mehrere Zehntausend Euro angespart haben sollte, sagt einem in der Schule keiner.MAGNIFIC

Rente? Mit 25 klingt das noch unendlich weit weg. Umso größer war mein Schock, als ich gelesen habe, wie viel Geld ich laut Experten in meinem Alter eigentlich schon angespart haben sollte. Wenn Vorsorge so wichtig ist, wieso lernen wir dann nicht in der Schule, wie man richtig vorsorgt?

Ich soll schon 30.000 Euro gespart haben

Ich bin 25. Abitur ohne Finanzführerschein. Abgeschlossenes Studium, erster richtiger Job und WG-Leben. Klar, ich lege jeden Monat etwas Geld zur Seite. Aber wenn mich jemand fragt, wie viel ich mit 25 eigentlich angespart habe, sage ich: Ach, einen kleinen Puffer halt. Ob das reicht? Keine Ahnung. Und genau das ist das Problem.

Altersarmut, Vorsorge, Inflation: Diese Begriffe machen vielen jungen Menschen Angst.
Altersarmut, Vorsorge, Inflation: Diese Begriffe machen vielen jungen Menschen Angst.MAGNIFIC

In der Schule habe ich Gedichtanalysen geschrieben, den Satz des Pythagoras und die Daten der Schlacht von Adrianopel (378) auswendig gelernt. Aber niemand hat mir erklärt, wie Altersvorsorge funktioniert, warum ich Geld für die Rente sparen sollte, was ein ETF ist oder wie ich den Zinseszins berechne. Stattdessen stolpere ich heute mit 25 über Texte, die mir erklären, ich sollte eigentlich schon mehrere Zehntausend Euro auf der hohen Kante haben. Ernsthaft?

Altersvorsorge: Niemand hat mir erklärt, wie Sparen geht

Kaum hat man den ersten Arbeitsvertrag unterschrieben, wird man plötzlich mit Rentenlücke und privater Vorsorge konfrontiert. Und dann kommen die Zahlen. Einige Finanzexperten empfehlen, mit 25 bereits mindestens ein halbes Jahresnettogehalt angespart zu haben. Wer 2500 Euro netto verdient, landet damit schnell bei einer Empfehlung zwischen 15.000 und 30.000 Euro.

Die Finanzexperten von Fidelity rechnen sogar noch langfristiger. Ihr Ziel: Mit 30 ein ganzes Jahresgehalt, also rund 54.000 Euro angespart zu haben. Wieso erfahre ich das erst jetzt, fünf Jahre vorher?

Meine Generation weiß, dass sie vorsorgen muss

Ich weiß, dass es vielen jungen Erwachsenen genauso geht wie mir. Dabei fehlt das Bewusstsein gar nicht. Im Gegenteil. Laut einer repräsentativen GENERALI-Studie mit 1000 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 32 Jahren halten 77 Prozent Altersvorsorge für wichtig.

Aber auch fast drei Viertel machen sich Sorgen um ihre finanzielle Zukunft und vor allem junge Frauen blicken mit Unsicherheit auf ihre Rente. Und trotzdem spart nur rund jeder Zweite tatsächlich regelmäßig fürs Alter. Und bei den 18- bis 22-Jährigen ist die Vorsorgequote in den vergangenen Jahren sogar gesunken.

Viele Menschen wollen Geld ansparen, wissen aber nicht, wie.
Viele Menschen wollen Geld ansparen, wissen aber nicht, wie.MAGNIFIC

Ich kann das verstehen. Wer einem mit Anfang 20 erzählt, man müsse jetzt sofort anfangen zu investieren, hat oft leicht reden. Viele stecken noch im Studium, verdienen gerade zum ersten Mal eigenes Geld oder kommen gerade so über die Runden. Zudem die Preise, wie wir alle überall lesen, bei Miete und anderen Lebensunterhaltungskosten gerade rasant steigen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen bewertet ihr eigenes Finanzwissen als schlecht. Nur 13 Prozent fühlen sich laut GENERALI wirklich gut informiert. Und ganz ehrlich: Das überrascht mich überhaupt nicht.

Schulbildung: Bitte mehr Vorbereitung aufs Leben

Wenn Experten erwarten, dass Menschen schon wenige Jahre nach Ausbildung oder Studium mehrere Zehntausend Euro angespart haben, dann muss Finanzbildung viel früher beginnen. Nicht mit 25, nicht mit dem ersten Gehalt, sondern in der Schule. Denn wie soll ich rechtzeitig vorsorgen, wenn mir niemand erklärt, wie das überhaupt funktioniert?

Ein Lösungsansatz wäre, bereits in der Schule über Altersvorsorge, Sparverträge, Versicherungen und Rente aufzuklären.
Ein Lösungsansatz wäre, bereits in der Schule über Altersvorsorge, Sparverträge, Versicherungen und Rente aufzuklären.MAGNIFIC

Mal ein paar Ideen von mir für Lehrkräfte: Wie funktioniert die gesetzliche Rente? Was ist der Unterschied zwischen einer privaten Altersvorsorge und einer Versicherung? Wofür brauche ich eine Haftpflichtversicherung? Was bedeutet Zinseszins und warum kann ein ETF-Sparplan mit 25 Euro im Monat langfristig so viel ausmachen?

Noch spannender wäre es, wenn man das nicht nur theoretisch lernt. Warum nicht ein Planspiel, bei dem jede Klasse ein fiktives Gehalt bekommt und entscheiden muss: Wie viel geht für Miete, Lebensmittel und Freizeit drauf? Wie viel bleibt zum Sparen? Oder ein Börsenspiel, bei dem Schülerinnen und Schüler über mehrere Monate erleben, wie sich Geld entwickeln kann.

Vielleicht hätte ich dann mit 25 keine Angst vor der Rente und nicht das Gefühl, beim Thema Altersvorsorge eh längst verloren zu haben. Denn Vorsorge beginnt nicht erst mit dem ersten Job, sondern mit dem Wissen, dass man überhaupt vorsorgen muss. Und das wird in der Schulbildung aktuell leider verkackt. 

Was denken Sie darüber? Wann haben Sie begonnen, sich mit Altersvorsorge zu beschäftigen? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com.