Antizipieren, Eitelkeit, Schabernack – Begriffe, die früher als selbstverständlich galten, müssen heute in Deutschbüchern der 9. Klasse erklärt werden. Das zeigen aktuelle Schulmaterialien und die Erfahrungen einer Berliner Gymnasiallehrerin. Wir haben zehn Begriffe gesammelt, die heute für viele Schülerinnen und Schüler erklärungsbedürftig sind.
Sorge um den Wortschatz
Gabriela Kasigkeit stand 43 Jahre lang im Klassenzimmer, unterrichtete Deutsch, Englisch und Psychologie und lehrte bis November 2024 am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin-Pankow. In dieser Zeit beobachtete sie eine Entwicklung, die ihr Sorge bereitet. Der Wortschatz vieler Schülerinnen und Schüler wird kleiner, selbst an Gymnasien.
„Ich habe mir ein Deutschbuch der 9. Klasse aufgeschlagen“, sagt Kasigkeit. „Und sehe dort Wörter erklärt, bei denen ich früher nie auf die Idee gekommen wäre, dass man sie erklären muss.“
- Antizipieren
Etwas vorausahnen, Vermutungen anstellen – eine zentrale Lesestrategie. - Eitelkeit
Übertriebene Selbstbezogenheit oder Selbstgefälligkeit. - Überschwappen
Sich über einen Rand hinaus ausbreiten – etwa bei Goethes „Zauberlehrling“. - Augenweide
Etwas besonders Schönes, das man gern betrachtet. - Schabernack
Harmloser Unfug oder Streich. - Plädieren
Sich deutlich für etwas einsetzen oder dafürsprechen. - Sprössling
Scherzhaftes Wort für Kind oder Nachwuchs. - Parasit
Ein Lebewesen, das auf Kosten anderer lebt – im Buch zusätzlich als „Schmarotzer“ erklärt. - Partikelchen
Sehr kleines Teilchen; Verkleinerungsform von „Partikel“. - Dorade
Ein Speisefisch – auch dieses Wort wird im Schulbuch erläutert.

Kasigkeit beobachtet, dass im Alltag immer nachlässiger mit Sprache umgegangen wird. „Man gönnt sich die Kontrolle und die Gewissenhaftigkeit nicht mehr“, sagt sie. Fehler würden hingenommen – in den Medien, in der Werbung, überall. „Man nimmt sich die Zeit nicht.“
Das habe Folgen für den Wortschatz. Viele Begriffe verschwänden schlicht aus dem Sprachgebrauch der Schülerinnen und Schüler. „Wenn wir nicht aufpassen, stumpft Sprache ab“, warnt Kasigkeit.
Metaphern werden nicht mehr verstanden
Besonders deutlich werde das bei bildhaften Ausdrücken. „Metaphern fallen vielen schon schwer“, sagt sie. Wörter wie „Augenweide“ oder Wendungen wie der „Fluss des Lebens“ würden oft nicht mehr verstanden.


