Seniorenhilfe

Eine Berlinerin über Altersarmut: „Mit 74 habe ich noch gearbeitet“

Marianne G. (81) kämpft sich mit einer kleinen Rente durch den Alltag. Ein Verein steht ihr zur Seite – finanziell und emotional.

Author - Paula Hitzemann
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Marianne G. (81) lebt mit einer kleinen Rente, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet hat.
Marianne G. (81) lebt mit einer kleinen Rente, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet hat.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, war alleinerziehende Mutter und reiste in den 1980er Jahren alleine durch Mittel- und Südamerika. Heute fällt es Marianne G. (81) schwer, finanziell über die Runden zu kommen. Als eine hohe Zahnarztrechnung kam, wusste sie nicht weiter und suchte sich Hilfe.

Lichtblick unterstützt bei Altersarmut

Der KURIER hat Marianne getroffen. Die Rentnerin aus Berlin-Schöneberg gehört zu den etwa 200 Berlinern, die von der Seniorenhilfe Lichtblick unterstützt werden. Dass sie einmal Hilfe brauchen würde, hätte sie früher selbst nicht gedacht. Der Wendepunkt kam im vergangenen Jahr. „Ich musste einen großen Betrag zahlen und wusste nicht, wie“, erzählt Marianne. Es war eine hohe Zahnarztrechnung, die ihr gesamtes Budget gesprengt hätte.

Mareike Junge-Jetten (r.) von der Seniorenhilfe Lichtblick berät und unterstützt Marianne.
Mareike Junge-Jetten (r.) von der Seniorenhilfe Lichtblick berät und unterstützt Marianne.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Eine Freundin machte sie auf die Seniorenhilfe Lichtblick aufmerksam. Der spendenbasierte Verein sitzt in einem Büro in Berlin-Neukölln und unterstützt bundesweit 31.000 Senioren, die unterhalb oder knapp oberhalb der Bemessungsgrenze für Sozialleistungen liegt.

Marianne zögerte nicht lange. „Ich bin hin gefahren und habe mich beraten lassen“, erinnert sie. Antrag stellen, Unterlagen einreichen, die eigene finanzielle Situation offenlegen. Einen großen Teil der Kosten übernimmt die Seniorenhilfe, den Rest zahlt Marianne bis heute ab.

Ein Leben für die Freiheit – aber ohne große Rente

„Ich habe mit 16 angefangen zu arbeiten“, erzählt die Rentnerin. Zwei Jahre später wurde sie Mutter, zog ihren Sohn alleine groß. Marianne arbeitete im Büro, machte eine Ausbildung als Dolmetscherin und eine Umschulung im Naturkosthandel. Aber ihr fehlte immer etwas. „Das war mir zu langweilig, ich hatte das Bedürfnis nach mehr.“

Marianne reiste als junge Frau viel alleine durch die Welt – mit wenig Budget und nur einem Rucksack. (Symbolbild)
Marianne reiste als junge Frau viel alleine durch die Welt – mit wenig Budget und nur einem Rucksack. (Symbolbild)Natalia Deriabina/IMAGO

Mit Mitte 40 wagte sie den Schritt. Es ging für Marianne allein mit Rucksack und wenig Budget, oft ohne Planung, nach Mittel- und Südamerika. Sie lernte Spanisch und lebte bei Einheimischen. „Das war meine glücklichste Zeit“, erinnert sich die Rentnerin. Zwischendurch kehrte sie nach Berlin zurück, verdiente Geld.

Viele Jobs – wenig Rente

Marianne probierte vieles aus, aber am Ende blieb sie meist beim Taxifahren. „Einen vollen Rentenpunkt erreicht man da nicht“, sagt sie rückblickend. 2009 ging sie in Rente, doch Taxi gefahren ist sie weiter. Bis 74 saß sie noch am Steuer, immer dann, wenn sie gebraucht wurde. Dann kam das Aus, die Firma ging pleite. Neue Jobs? Fehlanzeige. „Die haben mein Alter gesehen und wollten mich nicht einstellen“, so Marianne.

Marianne wollte weiterarbeiten, aber wegen ihren hohen Alters stellte sie niemand mehr ein.
Marianne wollte weiterarbeiten, aber wegen ihren hohen Alters stellte sie niemand mehr ein.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Danach versuchte sie sich als Alltagshelferin für Senioren. „Ich habe ältere Leute beim Einkaufen begleitet, den Haushalt gemacht oder etwas vorgelesen. Aber ich musste mich selbst versichern und dann hat sich der Lohn nicht gelohnt“, erzählt sie. Als Marianne dann endgültig auf ihre Rente angewiesen war, wurde es eng. Die größte Belastung: die Miete.

Alltag zwischen Hilfe und Verzicht

Die Hilfe der Seniorenhilfe Lichtblick endet nicht bei akuten Rechnungen. Bis heute bekommt Marianne gelegentlich finanzielle Unterstützung, etwa durch Lebensmittelgutscheine. Außerdem gibt es gemeinsame Veranstaltungen: Ausflüge, Kino, Treffen mit anderen Betroffenen. Marianne ist sehr dankbar: „Das hilft mir sehr.“

Trotzdem kann sie sich vieles, was ihr immer wichtig war, nicht mehr leisten. „Kultur ist in Berlin sehr teuer“, erzählt die Rentnerin. Aber am meisten vermisse sie das Reisen. „Mal kurz an die Ostsee oder Nordsee, das fehlt mir.“

Deshalb sei sie gerne bei Veranstaltungen der Seniorenhilfe Lichtblick dabei und freue sich bereits auf die nächsten Angebote wie etwa eine Dampferfahrt. Für Marianne sind diese Angebote mehr als nur Abwechslung. Sie trifft andere Senioren, kommt ins Gespräch, knüpft Kontakte.

Kleine Ausflüge in die Umgebung

Ganz gibt Marianne ihre Freiheit aber nicht auf. „Manchmal radele ich zum Südkreuz, schaue, welcher Zug als nächstes fährt, und steige ein“, erzählt die Rentnerin. Dann geht sie dort spazieren, fährt Rad oder liest und isst ihr mitgebrachtes Brot.

Vielen Rentnern geht es so wie Marianne (2. v. r.). Die Seniorenhilfe Lichtblick bringt sie in ihren Veranstaltungen zusammen.
Vielen Rentnern geht es so wie Marianne (2. v. r.). Die Seniorenhilfe Lichtblick bringt sie in ihren Veranstaltungen zusammen.Seniorenhilfe Lichtblick

Marianne lebt größtenteils für sich. „Ich mache viel alleine und das ist auch schön. Aber manchmal fehlt mir ein Umkreis“, gibt sie zu. Sie geht ins Meditationszentrum, schaut Filme, hört CDs oder besucht kleine Konzerte. Familie hat sie, aber die lebt auf der Welt verstreut.

Kleine Rente, erfülltes Leben

Bereut sie ihren Lebensweg? Klare Antwort: nein. Marianne ist überzeugt: „Ich habe so gelebt, wie ich leben wollte.“ Einen Rat hat sie trotzdem: „Wenn man ein bisschen was übrig hat, ist es sinnvoll, etwas zurückzulegen.“ Aber sich verbiegen für einen sicheren Job? Das würde sie nicht empfehlen.

Was ihr der Verein heute vor allem gibt, ist nicht nur finanzielle Hilfe. Es ist das Gefühl, im Notfall nicht allein zu sein: „Ich weiß, wenn es ganz hart kommt, dann gibt es jemanden, den ich anrufen kann.“

Kennen Sie Menschen, die die Unterstützung gebrauchen könnten? Schicken Sie ihnen den Artikel und uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.