Berliner Tafel

Immer mehr Altersarmut: Unsere Rente reicht nur für die Tafel!

Sie haben jahrzehntelang gearbeitet und trotzdem reicht ihre Rente nicht zum Leben. Im KURIER rechnen zwei Betroffene vor.

Author - Paula Hitzemann
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Bei der Berliner Tafel können Menschen für 2 Euro allerlei Lebensmittel einkaufen.
Bei der Berliner Tafel können Menschen für 2 Euro allerlei Lebensmittel einkaufen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Es ist Mittagszeit, als sich vor dem Gemeindehaus in Berlin‑Spandau eine Schlange bildet. Nummernkärtchen wandern durch Hände, Einkaufstrolleys werden zurechtgerückt. Manche Menschen tauschen sich aus, andere warten schweigend. Viele von ihnen lächeln.

Die meisten haben ihr Leben lang gearbeitet. Und trotzdem sind sie hier, bei der Berliner Tafel. Alle hoffen heute darauf, dass am Ende noch Brot, Gemüse oder ein Stück Käse für sie übrig ist. Zwei von ihnen sind Angelika (70) und Jürgen (64). Zwei Leben, zwei Wege – und eine Gemeinsamkeit: Die Rente reicht nicht zum Leben.

Wenn die Rente einfach nicht reicht

Bei der Berliner Tafel e.V. können sich Armutsbetroffene Lebensmittel abholen. Unter den Kunden sind viele Rentner. Angelika und Jürgen sind zwei von ihnen. Knapp über 700 Euro hat Angelika monatlich zur Verfügung, dazu bekommt sie Grundsicherung. Früher hat sie bei Reichelt gearbeitet, heute reicht selbst mit Unterstützung kaum das Nötigste. „Ohne die Tafel wäre es sehr schlecht“, sagt sie.

Über 200 Haushalte kommen jeden Donnerstag zur Ausgabestelle der Berliner Tafel im Pillnitzer Weg in Berlin-Spandau.
Über 200 Haushalte kommen jeden Donnerstag zur Ausgabestelle der Berliner Tafel im Pillnitzer Weg in Berlin-Spandau.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Jürgen kennt dieses Gefühl gut. Auch er hat gearbeitet, bis es nicht mehr ging. Ein Herzinfarkt, kaputte Bandscheiben, Arthrose in beiden Schultern. „Nach fünf Minuten habe ich Schmerzen“, sagt er. Das Jobcenter habe ihn als dauerhaft erwerbsunfähig eingestuft. Heute hat er 1.033 Euro im Monat – inklusive Grundsicherung. „Die Rente allein reicht nicht. Also muss ich zusätzlich Hilfe beantragen.“

Früher, sagt Jürgen, habe man etwas anderes gehört. „Die Renten sind sicher – das hieß es immer.“ Er lacht kurz, ohne Humor. „Das ist schon lange nicht mehr so.“

Der Schritt, den viele scheuen

Der erste Gang zur Tafel war für Angelika schwer. Eine Bekannte nahm sie mit, weil sie die Ausgabestelle kannte. „Da habe ich gedacht: Oh mein Gott, muss das wirklich sein?“ Wie viele ältere Menschen hatte auch sie noch das Bild von Almosen im Kopf. „Dabei haben wir doch eingezahlt.“ Heute weiß sie: Die Lebensmittel sind keine Gnade, sondern Hilfe.

Eine Hemmschwelle habe Jürgen nie gespürt. „Warum auch? Ich schäme mich nicht.“ Trotzdem weiß er, wie es anderen geht. „Viele trauen sich nicht. Du wirst schnell abgestempelt.“

Was im Beutel landet – und was das bedeutet

Damals standen sie stundenlang an, ab morgens um 6 Uhr bis zur Ausgabe am frühen Nachmittag. „Das war schlimm“, erzählt Angelika. Heute sei alles besser organisiert: Jeder Haushalt bekommt eine Nummer, die festlegt, wann er an der Reihe ist.

Jürgen (64) kommt aus Bad Homburg und hat jahrzehntelang gearbeitet.
Jürgen (64) kommt aus Bad Homburg und hat jahrzehntelang gearbeitet.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Jürgen freut sich über Brot, Belag dafür. Warm kocht er kaum noch. „Früher habe ich gerne gekocht – aber nicht für mich alleine.“ Das Gemüse gibt er oft seiner Nachbarin. „Dann hat wenigstens jemand etwas davon.“ Er selbst greift eher zu Dingen, die lange halten oder schnell gehen – Ravioli aus der Dose zum Beispiel.

Angelika zählt auf, was sie an diesem Tag bekommen hat: Kartoffeln, Brot, Brötchen, Nudeln. Vor allem aber frisches Obst und Gemüse. „Das kann man sich ja kaum noch leisten.“ Als sie von den Erdbeeren erzählt, die sie heute bekommen hat, lächelt sie. „Ich habe mich so gefreut.“ Sogar laktosefreie Milch habe sie bekommen – und ein Stück Kuchen für ihren Geburtstag am Wochenende.

Mikail (92) ist einer der ältesten Kunden der Evangelischen Kirchengemeinde in Spandau.
Mikail (92) ist einer der ältesten Kunden der Evangelischen Kirchengemeinde in Spandau.Markus Wächter/Berliner Zeitung

An der Frischetheke gab es heute Spinat – und Wurst. „Meistens ist das dann vegane Wurst“, sagt Angelika. Sie lacht. „Das kaufen die Leute im Laden nicht so.“ Für sie ist das völlig in Ordnung. „Man freut sich trotzdem. Ich kann mit allem umgehen.“ Sie kocht viel mit Gemüse, macht Eintöpfe und Aufläufe. „Meine Freundin sagt immer: Du kriegst das ganze Gemüse.“ Angelika nimmt es pragmatisch: „Hauptsache, ich werde satt.“

Beide nehmen nur, was sie wirklich brauchen, und lassen stehen, was sie nicht essen. „Warum soll ich was mitnehmen und es dann wegschmeißen?“

Zwischen Geben und Verzichten

Angelika lebt allein. Jeder Einkauf muss geplant werden. Trotzdem bringt sie manchmal selbst etwas mit zur Tafel. Kleidung, Spielsachen, sogar Katzenzubehör, wenn jemand aus ihrem Umfeld etwas abzugeben hat. „Dann freuen sich andere darüber.“ Dieses Teilen gibt ihr etwas zurück.

Jürgen spart an allem. Urlaub? „Schon lange nicht mehr drin.“ Kleine Extras gibt es nur noch zu Festtagen. Er erzählt von Preisen, die explodiert sind. Eine Dose Corned Beef, früher 1,59 Euro, heute über 5 Euro. „Da überlegt man sich jeden Einkauf zweimal.“

Zwischen Dankbarkeit und Frust

Angelika wirkt trotz allem zufrieden. „Ich versuche, meine Fröhlichkeit zu behalten“, sagt sie. Freundlichkeit sei ihr wichtig: danken, grüßen, Rücksicht nehmen. „Viele sehen das hier als selbstverständlich und meckern sogar noch. Das kann ich nicht verstehen.“

Angelika (70) kommt aus Spandau und war Verkäuferin bei Reichelt. Auch sie ist auf die Tafel angewiesen.
Angelika (70) kommt aus Spandau und war Verkäuferin bei Reichelt. Auch sie ist auf die Tafel angewiesen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Jürgen dagegen ist wütender. Er spricht von fehlenden Wohnungen, von Reformen, die ewig dauern. „Die brauchen einfach zu lange.“ Wenn er die Möglichkeit hätte, im Parlament zu reden, sagt er, „die würden so einiges von mir hören“. Dass viele Menschen politisch frustriert sind, überrascht ihn nicht. „Die Unzufriedenheit ist überall.“

Keine Einzelgeschichten

Angelika und Jürgen stehen für viele. Für Menschen, die gearbeitet haben, Steuern gezahlt haben – und im Alter trotzdem Unterstützung brauchen. Was sie verbindet, ist nicht nur die Schlange vor dem Gemeindehaus. Es ist das Gefühl, auf andere angewiesen zu sein. Und genau deshalb kommen sie wieder. Woche für Woche.

Gehen Sie zur Tafel oder kennen Sie jemanden? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.