Julia Gengnagel lächelt. Mit ihrem Einkaufstrolley in der Hand geht sie von Tisch zu Tisch. Mit den Mitarbeitern wechselt sie ein paar Worte. Dann sucht sie sich etwas zu essen und trinken aus, packt es in ihren Trolley, bedankt sich, geht zum nächsten Tisch. „Ich bin total dankbar“, sagt die 47-jährige. Sie gehört zu den Menschen, die auf die Berliner Tafel angewiesen sind. An diesem Tag ist sie wieder in der Evangelischen Paulus-Kirchengemeinde Tempelhof, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen.
Sehr menschlicher Umgang bei der Tafel Berlin
Aus eigenen finanziellen Mitteln kann sich Gengnagel für sich und ihr acht Jahre altes Kind kaum etwas zu Essen leisten. Dafür reichen ihre 1600 Euro Arbeitslosengeld bei noch zusätzlichen Ausgaben kaum aus. Nachdem ihr Arbeitsvertrag Ende August nicht verlängert worden war, musste sie sich arbeitslos melden. Seitdem ist sie auf Unterstützung angewiesen.
Doch anstatt zu hadern oder zu verzweifeln, nahm sie Hilfe an. „Ich war so erfreut, dass ich an eine Lösung denken konnte“, erzählt Gengnagel. Natürlich sei ihr der Schritt schwergefallen und mit Scham behaftet gewesen, weil sie alle ihre wirtschaftlichen Verhältnisse offenlegen musste. Aber: „Ich habe hier die Erfahrung gemacht, dass alle sehr menschlich sind“, sagt sie. Und lächelt.

So wie Gengnagel geht es vielen Menschen, die in die Kirche kommen und Hilfe suchen. Am Standort Tempelhof der Berliner Tafel seien es rund 160 Haushalte mit 230 Erwachsenen und 120 Kindern, berichtet Teamleiterin Lydia Schmuck. Tendenz steigend.
Die gestiegenen Lebensmittelpreise, Jobverluste, Flüchtlingskrise und gesellschaftliche Unsicherheit hätten in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass immer mehr Menschen auf die Tafel angewiesen sind. „Der Bedarf ist schon größer geworden“, sagt die 76-Jährige. Deshalb musste man sogar einen Aufnahmestopp verhängen. Neue Kunden werden nicht aufgenommen. „Weil wir sonst an unsere Grenzen kommen.“
Immer mehr Kinder brauchen Hilfe von der Tafel
Dazu beigetragen hat, dass immer mehr Kinder Unterstützung brauchen. Knapp jeder dritte Kunde der Tafeln in Deutschland ist ein Kind, wie es von Tafel Deutschland heißt. Insgesamt nutzen 1,5 Millionen Menschen das Angebot der mehr als 970 Lebensmittel-Ausgaben. Knapp 30 Prozent davon sind Kinder. „Vor allem die Anzahl der Kinder ist im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, was uns Sorge bereitet“, sagt Andreas Steppuhn, Vorsitzender von Tafel Deutschland.
So ist es auch in Berlin. Es kommen immer mehr Alleinerziehende mit Kindern zu den Ausgabestellen, erzählt Schmuck. In Berlin gibt es 48 „Laib und Seele“-Ausgabestellen sowie sieben Interims-Ausgabestellen, die sich alle in Kirchengemeinden befinden. Dabei entstehen rund 70.000 Lebensmittelabgaben für zu Hause.

Während die Teamleiterin hauptsächlich am Empfangstisch in der Kirchenmitte sitzt, Kontaktdaten aufnimmt, Statistiken führt und Abläufe koordiniert, steht Detlef Trützschler (62) hinter einem Tisch und verteilt Lebensmittel. Zuvor hat er schon beim Aufbau der Bänke und beim Sortieren geholfen.
Dass es anderen Menschen wieder besser geht, war seine große Motivation, sich vor mehr als zwei Jahren der Tafel in Tempelhof anzuschließen. „Ich habe mich relativ schnell dafür interessiert, ehrenamtlich zu arbeiten und was zurückzugeben“, sagt er.
Viele Gespräche an den Ausgabetischen
Davon lässt er sich auch von einer Hüft-OP nicht abhalten, dafür bedeutet ihm die Aufgabe zu viel. Vor allem schätzt er die Dankbarkeit und Wertschätzung für seine Arbeit und den Plausch am Rande. „Ich kann mich ganz nett mit den Menschen hier unterhalten“, erzählt er. „Dann staut es sich, weil ich so viel quatsche“, fügt er hinzu und lacht.
Der Gesellschaft etwas zurückgeben, anderen Menschen helfen: Das ist der Antrieb, den viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer verspüren. So auch Susanna Hahn, die erst seit Ende Oktober dabei ist. „Mir geht es sehr gut“, sagt die 67-Jährige. „Daher möchte ich auch, dass es anderen gutgeht. Ich kann gerne was zurückgeben.“

An ihrem Stand verteilt die Rentnerin Joghurt, Desserts, Getränke und Blumen. Dort kommt auch Krystian Musiol vorbei. Er bekommt wegen seiner Erwerbsminderungsrente nur 800 Euro. Seit Jahren würde er ohne die Tafel kaum über die Runde kommen. „Natürlich war es am Anfang unangenehm. Aber was soll man machen, wenn man zu wenig Geld hat“, sagt der 63-Jährige.
Er geht jeden Dienstag zur Tafel und ist froh, dass es dieses Angebot gibt. Am Nachmittag freut er sich auf die Kaffeetafel, um mal mit anderen Leuten zu reden. „Da können wir uns schön unterhalten.“
Paar verliebt sich bei Kaffeetafel ineinander
Die Gespräche sind für die Menschen wichtig. Viele seien allein und hätten niemanden mehr, mit dem sie mal reden können. Der Dienstag gebe ihnen Struktur, unterstreicht Schmuck.
Bei den Kaffeetafeln gab es schon einige besondere Momente. Vor ein paar Jahren hatten sich zwei Menschen dabei kennengelernt, die später geheiratet haben. Und eine Frau ist einst schwanger zur Tafel gekommen, heute ist ihr Kind erwachsen. „Es werden schon auch viele Bekanntschaften und Freundschaften hier geschlossen“, sagt Schmuck.

Damit sich am hohen Bedarf der Kunden etwas bessert, bräuchte es aus ihrer Sicht einige Änderungen. Es müsste in Deutschland eine gerechtere Bezahlung geben und es dürfe nicht immer bei sozial Schwachen gespart werden. Und die Reichen sollten höher besteuert werden, findet sie.
Manch einer schafft vielleicht auch aus eigener Kraft den Weg zurück in die Unabhängigkeit. Julia Gengnagel hat jedenfalls eine Perspektive. Von einer Schulleiterin habe sie die Zusage für eine Stelle als Lerntherapeutin bekommen. Jedoch fehle noch immer der Termin, um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Dann hat sie wieder einen Job. Doch so lange das nicht passiert ist, wird sie wohl auf die Hilfe der Tafel angewiesen sein.


