Es war der Sommer, in dem selbst die hartgesottensten DDR‑Bürger ins Schwitzen gerieten. 1976 war ein Jahr, das sich ins Gedächtnis brannte wie kaum ein anderes, von Ahlbeck bis Zwickau, vom Allgäu bis nach Norderney. Wochenlang kein Regen, Temperaturen weit über 30 Grad, verdorrte Felder und im Radio dudelte „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews. Vor 50 Jahren ächzten Ost und West unter einem Jahrhundertsommer.
Krasse Hitze wochenlang
Am 20.07.1976 titelte das Neue Deutschland „Alle Kraft für den Plan, trotz anhaltender Hitze.“ Durchhalteparolen in einem Sommer, der alles bisher Dagewesene sprengte. Für die Arbeiter im Zementwerk Karsdorf gebe es eine „witterungsgemäße Versorgung“, hieß es weiter. Das konnte nur eins bedeuten: Bei der Affenhitze halfen nur Eis und kühle Getränke.
„Brennend heißer Wüstensand“, der Hit von Freddy Quinn aus dem Jahr 1958, bekam im Sommer 1976 eine ganz neue Bedeutung. Denn in diesem Jahr kam die Hitze schon Ende Juni und sie blieb hartnäckig – bis weit in den Juli hinein.

Extreme Dürre in der DDR
Die Temperaturen kletterten in ganz Mitteleuropa auf Rekordwerte. Wochenlang gab es keinen Regen. In manchen Regionen im Südwesten der Bundesrepublik wurden tagelang über 36 Grad gemessen – Werte, die damals kaum jemand kannte. Das Umweltbundesamt führt das Jahr 1976 als eines der extremsten Dürrejahre in Deutschland auf. In Berlin und Brandenburg fielen nur 120 Milliliter Regen zwischen Februar und Juli, seit 1851 hatte es nicht so wenig geregnet.
Auf dem Portal Kachelmanwetter wird die Hitzewelle von 1976 als eine der markantesten der letzten 100 Jahre aufgeführt. „Im Sommer 1976 war es zudem extrem trocken und die Landwirte beklagten enorme Ernteausfälle, Felder waren komplett vertrocknet. In weiten Teilen Europas gab es eine große Dürre“, beschreibt der Wetter-Experte die Lage.
Wasser wurde knapp – und die Nerven lagen blank
Die Landwirtschaft in der DDR litt besonders. Felder verbrannten regelrecht, Ernten fielen aus, Vieh musste notgeschlachtet werden. In einigen Bezirken der DDR wurde das Wasser rationiert. Aus den Leitungen kam manchmal nur ein dünner Strahl. Die Feuerwehr rückte nicht nur zu Bränden aus, sondern auch, um Trinkwasser zu verteilen.

Der Staat reagierte gelassen
Die SED‑Führung versuchte, die Lage herunterzuspielen. Offizielle Meldungen sprachen von „ungewöhnlicher Witterung“. Intern aber war klar: Die Versorgungslage wurde mit anhaltender Dürre kritisch. In manchen VEB wurden Arbeitszeiten verlegt, um die Mittagshitze zu umgehen. Und natürlich gab es Appelle an die Bevölkerung, „vernünftig mit Wasser umzugehen“.
In der DDR kam es 1976 in mehreren Bezirken zu Wasserknappheit, besonders dort, wo die Versorgung ohnehin angespannt war. Dokumentiert sind Einschränkungen im Bezirk Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Dort wurde zum Wassersparen aufgerufen. Autowaschen oder Wässern im Garten wurde eingeschränkt.
Fischsterben in der Zschopau
Und ein Unglück kommt selten allein: Im Sommer 1976 kam es durch ausgetretene Giftstoffe aus dem Motorradwerk Zschopau ebenfalls zu einem großen Fischsterben in der Zschopau. Zwei Wochen lang werden durch die Feuerwehr Mittweida tote Fische geborgen. Nach der „Havarie“ im Motorradwerk müssen in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) Tankwagen zur Trinkwasserversorgung eingesetzt werden.
Auch in Thüringen sorgte extremes Niedrigwasser in Flüssen wie der Werra und der dramatische Pegelverfall an Talsperren (wie am Stausee Saalburg), die Trinkwasserreservoirs sind, für Probleme. Um die Wasserqualität und Versorgung zu gewährleisten mussten teilweise Tiefenwasserbelüftungsanlagen eingebaut werden. Mit ihnen wird Sauerstoff in das Wasser gepumpt.
Im Bezirk Dresden sorgen niedrige Pegelstände in der Elbe für Probleme für die Schifffahrt. Die Elbe ist nur noch ein Rinnsal. Die Dresdner suchen währenddessen Abkühlung im Stausee Cossebaude, am Weißen Hirsch oder in den Freibädern der Region.

Kartoffeln vertrocknen auf dem Feld
Die DDR‑Landwirtschaft ächzt unter der Trockenheit: Offizielle Zahlen aus dem Landwirtschaftsministerium der DDR (damals „Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft“) nennen: einen Verlust von 30 Prozent Wintergetreide und bis zu 50 Prozent Verlust bei Sommergetreide. Die Kartoffeln auf den Feldern blieben klein, vertrockneten in der Erde. Erträge sanken um rund ein Drittel, ebenso ging es bei der Zuckerrübenernte.
Das Heu auf den Wiesen verdorrte, was für die Heu- und Silage Erträge fatal war. Bis zu 60 Prozent weniger Erträge sorgten dafür, dass Vieh notgeschlachtet werden musste, weil es nicht genug Futter gab. Auch für die Versorgung mit Früchten war die Hitzewelle dramatisch: Apfel- und Birnenplantagen lagen brach, Früchte fielen frühzeitig von den Bäumen.
Im Juni 1976 entstanden in der DDR rund 50 Wald- und Flächenbrände, vornehmlich in den Bezirken Potsdam, Frankfurt/O. und Cottbus (insgesamt 28 Kreise), wodurch ca. 410 ha Wald vernichtet wurden. Der Gesamtschaden betrug 930.000 Mark.
Asphalt schmilzt bei hohen Temperaturen
Doch nicht nur die Natur litt. Auch den Menschen wurde einiges abverlangt: Auf den Straßen schmolz der Belag. Im Ruhrgebiet fuhren winterliche Streukolonnen, um den breiigen Asphalt mit Sand griffig zu halten. Der Bitumenanteil in den Straßenbelägen der DDR war bei der Verlegung oft hoch, wodurch der Asphalt unter der andauernden Hitze vielerorts zähflüssig wurde und sich tiefe Spurrillen unter den Lkw-Reifen bildeten.

Im Zoo in Hannover kamen Pinguine in die Kühlkammer, in Duisburg schützte ein Zeltdach seltene Weißwale vor Sonnenbrand. Im Berliner Grunewald trafen sich, so berichtete die Bild-Zeitung, auf einer nächtlichen Orgie 200 Personen. In der DDR war man beim FKK am Ostseestrand ganz sicher nicht allein.
Fußball-Leid und Fußball-Freud
In der „Nacht von Belgrad“, vergab Uli Hoeneß am 20. Juni 1976 um kurz nach 23 Uhr im EM-Finale seinen Elfmeter und ließ den Traum vom Europameister-Titel platzen.
Dagegen setzte sich die DDR-Auswahl bei Olympia in Montreal gegen Brasilien, Spanien und Frankreich durch und gewann im Halbfinale gegen die UdSSR. Am 31. Juli 1976 besiegte das Team dann im Finale Polen mit 3:1 und sicherte sich damit erstmals olympisches Gold im Fußball.
Tropische Nächte und ein neuer heißer Tag, der folgte. In TV-Beiträgen aus dem Sommer 1976 teilen einige Hitzegeplagten ihre Tricks: Möglichst wenig trinken, heißt es dort, sei gut gegen das Schwitzen. Die Hose klebt, das Hemd ist nass. Ein Sommer wie er früher einmal war, eben.




