Er kämpfte in „Der Schatz am Silbersee“ (1962) an Old Shatterhands Seite. In den 1980er-Jahren verhalf er als schnoddriger Kommissar Horst Schimanski der verstaubten „Tatort“-Serie in der ARD zu neuem Glanz. Ganz Deutschland liebte „Schimmi“. Und heute? Zehn Jahre nach seinem Tod ist Götz George offenbar vergessen. Seine Geburtsstadt Berlin hat es noch immer nicht geschafft, den großen deutschen Schauspieler mit einer Straße oder einem Platz zu ehren. Zehn Jahre lang. Am am 19. Juni 2016 starb George im Alter von 77 Jahren.
Götz George: Nach Fußball-Spiel kam Todesnachricht
Die Schock-Botschaft kam damals nach dem Schlusspfiff. Die deutsche Nationalelf hatte bei der EM 2016 in Frankreich gerade im Achtelfinale die Slowakei mit 3:0 bezwungen, als in den anschließenden Fernsehnachrichten verkündet wurde, dass Götz George bereits Tage zuvor in Hamburg im Kreise seiner Familie verstorben war.
Der Krebs hatte „Schimmi“ besiegt. Die deutsche Nation trauerte um einen Kino- und Fernsehstar, der mehr als nur ein TV-Kommissar war. Götz George spielte den Kommandanten des KZ Auschwitz („Aus einem deutschen Leben“, 1977). Er stand als Serienmörder („Der Totmacher“, 1995) oder als größenwahnsinniger Magazin-Journalist in der Hitler-Tagebücher-Satire „Schtonk!“ (1992) vor der Kamera.

George wurde mit großen Worten und Versprechungen geehrt. Diese kamen vor allem aus seiner Geburtsstadt. „Berlin verneigt sich in Dankbarkeit und Trauer vor einem großen Künstler und überzeugten Berliner“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und betonte: „Wir werden ihn nicht vergessen.“
Götz George: Berlin bricht Versprechen
Zehn Jahre später ist wieder Fußball. Diesmal ist es die WM in den USA, in Kanada und Mexiko. Und Götz George? Keine Ehrung für den Star, dessen Todestag sich jetzt zum 10. Mal jährt. Die Fußball-WM ist nicht der Grund! So wie es aussieht, haben Senat und andere Verantwortliche aus Politik und Kultur den großen Schauspieler und ihr vor zehn Jahren abgegebenes Versprechen schon längst gebrochen.
„Wir werden ihn nicht vergessen!“ Weder Müller noch die nachfolgenden Regierenden Bürgermeister ließen diesen Worten Taten folgen. Aktivitäten, um an George zu erinnern beziehungsweise ihn zu ehren – mit einem Platz oder mit einer Straße: Auch beim jetzigen Berliner Regierungschef Kai Wegner (CDU) steht das nicht auf der Agenda.

Emotionsfrei erklärt seine Sprecherin Christine Richter: „In Berlin entscheiden die Bezirke über die Umbenennungen von Straßen oder Plätzen. Den Wunsch, eine Straße umzubenennen, kann jede oder jeder anregen. Rechtliche Grundlage für die Umbenennung ist Paragraf 5 des Berliner Straßengesetzes sowie die dazugehörigen Ausführungsvorschriften.“

Auch im Bezirk, in dem Götz George 1938 geboren wurde, scheint das Interesse am Erinnern nicht groß zu sein. „Straßenumbenennungen werden aufgrund politischer Anregungen/Entscheidungen initiiert. Über Straßenumbenennungen entscheidet dann die Bezirksverordnetenversammlung“, sagt eine Sprecherin des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf dem KURIER.
Mit solchen Aussagen geben Senat und Bezirk nur zu verstehen, dass sie nicht die Initiative ergreifen wollen, um Götz George zu ehren.
„Unglaublich, dass es in Berlin keine Straße für Götz George gibt“
„Es ist unglaublich, dass es in Berlin keinen Platz, keine Straße und überhaupt sehr wenig Spuren dieses herausragenden Berliner Schauspielers gibt“, sagt der fraktionslose Abgeordnete und Berliner BSW-Chef Alexander King dem KURIER. Der 10. Todestag sollte unbedingt zum Anlass genommen werden, das zu ändern, fordert der Politiker.

Er hofft, „dass sich da noch etwas tut und dass nicht etwa Erwägungen wie die Bevorzugung von Frauennamen bei Um- und Neubenennungen einer solchen Initiative entgegenstehen“. „Es gibt nicht so viele Stars vom Format eines Götz George, die Berlin hervorgebracht hat“, sagt King.
„Wir werden ihn nicht vergessen“, hatte Berlin 2016 geschworen. Doch auf dem „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz lassen Senat und der Bezirk Mitte seit Jahren den Stern von Götz George und anderen deutschen Künstlern verblassen. Sie haben kein Geld, um das Denkmal zu sanieren.

Und nicht nur das: Es gibt noch nicht einmal an seinem Elternhaus in der Bismarckstraße am Kleinen Wannsee eine Gedenktafel, die daran erinnert, dass hier Götz George aufwuchs und lebte.
Die öffentliche Erinnerung an dem Ort, an dem er mit Bruder Jan und ihren Eltern, den berühmten Schauspielern Heinrich George (1893–1946) und Berta Drews (1901–1987), die Kindheit verbrachte: Eine Berliner Gedenktafel war geplant, wurde aber nie realisiert.

Einzig Sänger Peter Fox hält die Erinnerung an dem Ort unbewusst wach. Die Villa, die seit Jahrzehnten schon lange nicht mehr im Besitz der Familie George ist, soll angeblich das Haus sein, das ihn für seinen Mega-Hit „Haus am See“ (2008) inspiriert hatte.
Kulturstaatsminister: Keine Würdigung für Götz George
„Am wenigsten verstehe ich, warum es nicht längst eine Initiative aus der Kulturszene heraus für eine Platz- oder Straßenbenennung gibt“, sagt der Abgeordnete Alexander King. Doch die Kulturszene hat Götz George ebenfalls vergessen – zu dessen Förderer sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) zählt.
Seine Behörde macht unmissverständlich klar: Vom Bund wird es in keiner Form eine Würdigung des großen deutschen Schauspielers zum 10. Todestag geben.
Eine Sprecherin des Kulturstaatsministers zum KURIER: „Der BKM würdigt das Schaffen verstorbener namhafter Künstlerinnen und Künstler regelmäßig in Form von öffentlichen Kondolenzen. Darüber hinausgehende Aktivitäten zu jeweiligen Todestagen sind grundsätzlich nicht geplant.“

Kein Wunder, dass staatlich geförderte Institutionen wie die Deutsche Kinemathek in Berlin und das Filmmuseum in Potsdam es nicht peinlich finden, dass sie keine Erinnerungsveranstaltungen zum 10. Todestag von Götz George im Programm haben.
Filmmuseen: Kein Platz für Götz George
Die Kinemathek kommt in diesen Tagen mit Veranstaltungen zu queeren Filmen. Und was ist mit George? „Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, derer man gedenken kann“, sagt eine Sprecherin. „Aber wir haben nicht so viel Platz an unserem neuen Ort im E-Werk für eine weitere Ausstellung.“
Die Sprecherin des Potsdamer Filmmuseums erklärt: „Aufgrund unserer Programmdichte begehen wir in der Regel nur runde Geburtstage zu ausgewählten Defa-Filmschaffenden. Zum 10. Todestag von Götz George wird es in unserem Kino keine Sonderveranstaltung geben.“ Dabei war „Schimmi“ auch bei den Menschen in der DDR sehr beliebt.
Kondolieren, trauern und dann den Verstorbenen einfach vergessen. Bei der Deutschen Filmakademie stößt der KURIER mit Fragen zu Götz George und dem 10. Todestag auf eine Mauer des Schweigens.

Hat Deutschland einen seiner großen Stars vergessen? Wird wenigstens die Akademie, die unter anderem die Lola (den deutschen Oscar) verleiht, an den mehrfachen Filmpreisträger Götz George anlässlich seines Todestages erinnern?
Iris Berben und Co.: Kein Wort über Götz George
Die Fragen richten wir an TV- und Kino-Star Vicky Krieps (44, „Das Boot“) und Regisseur Florian Gallenberger (54, „Colonia Dignidad“). Doch die Akademie-Präsidenten wollen keine Antworten geben. „Statements hierzu können wir seitens der Deutschen Filmakademie jedoch leider nicht liefern“, teilt eine Sprecherin lapidar mit.

Götz George, ein Star, der zu Lebzeiten von jedermann verehrt wurde. Zehn Jahre nach seinem Tod will keiner mehr über ihn reden. Wie kann das sein?
Der KURIER fragt Iris Berben (75). Aber die Ex-Präsidentin der Filmakademie will keine Stellungnahme abgeben. Ihr Büro teilt mit: „Sie bittet um Verständnis, sie möchte nicht überall und zu jedem Thema etwas sagen. Sie bekommt sehr viele Anfragen.“ Unter anderem von bunten Promi-Magazinen, in denen sich Iris Berben jüngst zu wichtigen Themen wie Älterwerden und Schönheitswahn äußerte.

Was hat Götz George eigentlich falsch gemacht, dass zehn Jahre nach seinem Tod kaum noch an ihn erinnert wird? Selbst Marika George (61) „bittet um Verständnis, dass sie sich nicht zum 10. Todestag ihres Mannes äußern möchte“, teilt ihre Sprecherin mit.

Vielleicht ist Enttäuschung der Grund. Schließlich versucht Marika George offenbar als Einzige in diesem Land, das Vermächtnis des Filmstars in Ehren zu halten.
Mit der Götz-George-Stiftung, die Schauspieler unterstützt, die nicht mehr den Weg ins Rampenlicht finden. Und mit dem jährlichen Götz-George-Preis, mit dem ältere Stars ausgezeichnet werden, die die Gesellschaft immer mehr vergisst. Im Namen Götz Georges werden aber auch Nachwuchstalente geehrt.





