Zensur? Die gab es nicht nur im Osten! Zwar verschwanden in der DDR so manche Defa-Filme wie „Spur der Steine“ schnell wieder aus den Kinos, wenn sie den Mächtigen zu unbequem wurden, was im Westen zu Recht angeprangert wurde.
Aber: Auch im Westen Deutschlands griff man damals ein – und zwar bei einem Defa-Film, der vielen schlicht zu brisant war: „Der Untertan“. Er wurde jahrelang in seiner ursprünglichen Fassung in der alten Bundesrepublik verboten.
Ein Defa-Meisterwerk wird im Westen Opfer der Zensur
Der 80. Geburtstag der Defa (17. Mai) ist Anlass, an dieses dunkle Kapitel deutsch-deutscher Filmgeschichte zu erinnern. 1951 verfilmte Regisseur Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“) Heinrich Manns bissigen Roman „Der Untertan“ – und schuf ein Werk, das einschlug wie eine Bombe.
Im Mittelpunkt: Diederich Heßling, ein schleimiger Karrierist, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Ein Typ, der sich jeder Macht andient – Hauptsache, er kommt weiter.
Offiziell spielt die Geschichte im Kaiserreich. Doch die Botschaft war unübersehbar: Diese Haltung hatte Deutschland in die Katastrophen geführt – und war nach 1945 bei vielen Deutschen nicht einfach so verschwunden.
Defa-Film als Angriff auf die Bundesrepublik gewertet
In der ganzen Welt erhielt der Film hohe Anerkennung. Im Westen Deutschlands wertete man Staudtes Meisterwerk als Angriff auf die damalige Bundesrepublik.
Der Regisseur befeuerte dies auch noch: „Ich will die Bereitschaft gewisser Menschen um 1900 zeigen, die über zwei Weltkriege hinweg zum Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 führte. Es soll eine Weiterführung meiner Anklage gegen diese Kreise und eine Warnung vor diesen Menschen sein“, sagte er. Im Westen Deutschlands fühlte man sich offenbar ertappt.

In der Bundesrepublik hieß es damals, der Film sei „tendenziös“ und politisch einseitig. Staudte warf man vor, er betreibe die „Bolschewisierung der Welt“. Der Spiegel schrieb, der „Untertan“ sei „ein Paradebeispiel ostzonaler Filmpolitik“.
Der Grund dieser Herabwürdigungen: „Der Untertan“ kam aus der DDR – und passte im Kalten Krieg nicht ins Bild. Ein ostdeutscher Film, der deutsche Geschichte so scharf kritisiert? Für viele im Westen ein rotes Tuch. Die Folge: „Der Untertan“ wurde verboten.
Defa-Film gilt im Westen als verfassungsfeindlich
Der interministerielle Ausschuss für Ost-West-Filmfragen hatte die Veröffentlichung des Defa-Films untersagt. Er berief sich auf den Paragrafen 93 des Strafgesetzbuches, der die Herstellung von verfassungsfeindlichen Publikationen verbot.
Ein weiterer Grund für das Verbot: Hauptdarsteller Werner Peters (1918–1971). Seine Darstellung des Diederich Heßling war so intensiv, so beklemmend echt, dass sie Filmgeschichte schrieb. Für diese Leistung wurde Peters in der DDR mit dem Nationalpreis ausgezeichnet – einer der höchsten Ehrungen.
Die große Ehre im SED-Staat hielt Werner Peters nicht in der DDR. Er brach mit dem Ulbricht-Regime, ging in den Westen. Peters war in Edgar-Wallace-Krimis und in Dr.-Mabuse-Filmen zu sehen. In amerikanischen Kriegs- und Agentenfilmen war er Gegenspieler von Stars wie Henry Fonda, James Garner und Rod Taylor.

