Er sah aus, als hätte Hollywood ihn direkt vom Pferd gehoben: groß, sportlich, charismatisch. Dean Reed hätte der Marlboro-Mann werden können. Stattdessen kehrte der Sänger aus Colorado den USA den Rücken – und wurde in der DDR zum „Roten Elvis“.
Vor 40 Jahren stirbt Reed unter mysteriösen Umständen
Am 13. Juni 1986 starb Reed unter Umständen, die bis heute Stoff für Legenden liefern. 40 Jahre später bleibt er eine der schillerndsten und widersprüchlichsten Figuren des Kalten Krieges. Das DDR-Museum erinnert zum Jahrestag an Reed als umstrittene Persönlichkeit des DDR-Kulturlebens. Auch das Bundesarchiv verweist darauf, dass die Stasi die Todesumstände damals verschleierte und dadurch Gerüchte befeuerte.
Reed protestiert gegen Vietnamkrieg und US-Politik
Geboren wurde Dean Reed 1938 in Denver, Colorado. In den USA blieb der ganz große Durchbruch aus, doch in Lateinamerika wurde er Anfang der 60er-Jahre zum Pop-Idol. „Filmportal“ beschreibt, wie Reed nach Hollywood ging, einen Vertrag bei Capitol Records bekam und mit „Our Summer Romance“ in Südamerika landete.

Später engagierte er sich politisch, protestierte gegen den Vietnamkrieg und die US-Politik und bewegte sich im Umfeld linker internationaler Akteure – vom chilenischen Präsidenten Salvador Allende bis zum Palästinenserführer Jassir Arafat.
DDR-Führung präsentiert ihn als geläuterten Amerikaner
Anfang der 70er-Jahre begann dann sein DDR-Kapitel. Bei der Leipziger Dokumentarfilmwoche 1971 lernte Reed die Leipziger Lehrerin Wiebke Dorndeck kennen, heiratete sie später und ließ sich in der DDR nieder. Dort wurde aus dem US-Sänger ein Star des „Arbeiter- und Bauernstaates“. Reed sang auf Deutsch, Englisch und Spanisch, trat als Cowboy auf, spielte in DEFA-Filmen und Fernsehshows.
Die Tatsache, dass er aus den USA kam und schon als Rock ’n’ Roll-Sänger und als Schauspieler bekannt war, war schon etwas Besonderes. Da war die DDR auch stolz darauf und propagierte das dementsprechend groß.
Die DDR-Führung präsentierte ihn als geläuterten Amerikaner, der sich bewusst für den Sozialismus entschieden habe. Laut DDR-Museum wurde Reed von den staatlichen Medien als internationaler Sympathieträger aufgebaut.
Reed ist charmant, zugänglich und kommunikativ
Warum war er für die DDR so wertvoll? DDR-Historiker Stefan Wolle, wissenschaftlicher Berater des DDR-Museums, bringt es gegenüber der Deutschen Presse-Agentur auf den Punkt: „Die Tatsache, dass er aus den USA kam und schon als Rock ’n’ Roll-Sänger und als Schauspieler bekannt war, war schon etwas Besonderes. Da war die DDR auch stolz darauf und propagierte das dementsprechend groß“, sagt Wolle.
Doch Reed war nicht nur Propagandafigur. Er galt als charmant, zugänglich, kommunikativ – einer, der sein Publikum wirklich erreichte. Offene ideologische Bekenntnisse vermied er laut Wolle meist. Zwar wetterte Reed gegen den US-Imperialismus, eine klare Identifikation mit dem politischen System der DDR blieb aber aus.
Reed konnte reisen – DDR-Bürger bleiben eingesperrt
Der DDR-Führung habe das offenbar gereicht. „Allein die Tatsache, dass er in der DDR präsent war, reichte politisch“, sagt Wolle. „Er war für den Frieden, für die Gerechtigkeit, für die Freiheit und die Demokratie. Aber genauer gesagt hat er das nie. Das musste er ja als Schlagersänger auch nicht.“
Wolle beschreibt Reed als „sehr sympathischen, auch klugen und intelligenten Mann, der aber ein hohes Maß an Naivität besaß und deswegen den eigentlichen politischen Widersprüchen dann auch aus dem Weg gegangen ist.“ Genau dieser Widerspruch wurde zum Kern seines Lebens: Reed konnte als US-Bürger überall hin reisen – während die meisten DDR-Bürger eingesperrt blieben.
Stasi legt Akte für singenden Amerikaner an
„Auf der einen Seite konnte er als US-Bürger durch die Welt reisen, wie er wollte. Und gleichzeitig akzeptierte er ja die Tatsache, dass das für die große Zahl, also für die ganz überwiegende Zahl, 99,9 Prozent der DDR-Bürger nicht so galt“, sagt Wolle. „Dieser Widerspruch ist so offensichtlich, an dem führt kein Weg vorbei.“

Auch die Stasi interessierte sich für den singenden Amerikaner. Das Stasi-Unterlagen-Archiv weist darauf hin, dass 1972 in Potsdam eine Akte zu Reed angelegt wurde, nachdem er erstmals in die DDR eingereist war. Darin finden sich demnach Berichte inoffizieller Mitarbeiter sowie Dokumente zu einem gescheiterten Anwerbungsversuch Reeds als inoffizieller Mitarbeiter im Jahr 1977.
Reed lobt Vorzüge der Mauer, genießt aber Reisefreiheit
Privat geriet Reeds Leben immer stärker ins Rutschen. Die Ehe mit Wiebke Dorndeck zerbrach, 1981 heiratete er die Schauspielerin Renate Blume. Zugleich sank seine Popularität. „Filmportal“ beschreibt, dass seine Widersprüche immer offensichtlicher wurden: Reed lobte etwa die Vorzüge der Mauer, genoss selbst aber Reisefreiheit. Sein ehrgeiziges Filmprojekt „Bloody Heart“ über Wounded Knee konnte er nicht mehr realisieren.
Er packte seine Tasche und sagte, er gehe zu den Menschen, die ihn lieben.
Wie tief seine Unzufriedenheit reichte, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 1982. DDR-Volkspolizisten hielten Reed laut Protokoll der Beamten nach einer Geschwindigkeitsübertretung entgegen: „Die Staatslimousinen, die mich gerade mit 160 Kilometern pro Stunde überholt haben, schreibt ihr nicht auf. Das ist ja wie ein faschistischer Staat hier. Ich habe das langsam wie die meisten der 17 Millionen in diesem Land bis hierher satt!“
Tot von Dean Reed am 13. Juni 1986 wird zum Politikum
Am 13. Juni 1986 verschwand Dean Reed plötzlich. Seine Witwe Renate Blume erinnerte sich später im Dokumentarfilm „Der rote Elvis“: „Er packte seine Tasche und sagte, er gehe zu den Menschen, die ihn lieben.“ Dabei gab er jedoch kein konkretes Reiseziel an. Wenige Tage danach wurde Reed am Ufer des Zeuthener Sees bei Berlin tot gefunden. Das DDR-Museum schreibt, die Ermittlungsbehörden seien von Suizid ausgegangen – und lösten schnell Gerüchte aus.
Der Fall wurde sofort politisch. Reeds 15-seitiger Abschiedsbrief verschwand bis zum Ende der DDR in den Stasi-Akten. Darin schrieb der „singende Cowboy“: „Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun.“ SED-Chef Erich Honecker persönlich, den Reed im Brief ausdrücklich grüßen ließ, gab die Parole vom Unglücksfall aus. Im Westen kursierte bald die Vermutung, die Stasi könne Reed beseitigt haben, weil er eine Rückkehr in die USA geplant habe. Bis heute hält sich auch die Vermutung, der Abschiedsbrief könne von der Stasi verfasst worden sein.
Historiker schließt Stasi-Beteiligung am Tod von Reed aus
An diese These glaubt Wolle nicht. „Das traue ich der Stasi nicht zu. Das ist einfach nicht der Stil gewesen“, sagt der Historiker. Und weiter: „Er hatte sich furchtbar mit seiner Frau gestritten und das hat ihn alles so niedergedrückt und fertig gemacht und vielleicht kam die etwas schwierige politische Situation hinzu.“
Sein Fazit: „Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass die Stasi ihre Finger im Spiel hatte. Das ist wohl tatsächlich persönlich motiviert gewesen.“






