Er kann reden, und es macht ihm Spaß – keine Frage. Aber wichtiger: Er packt zu, wenn es nötig ist. So war es 2024, so war es auch vor ein paar Wochen, als Gerd Kische das DDR-Goldteam von den Olympischen Spielen 1976 an der Ostsee zusammentrommelte.
Kische holt die 74er- und 76er-Teams nach Rostock
Genauso handelte er vor zwei Jahren bei der WM-Mannschaft von 1974. „Einer muss es ja machen“, sagt Kische bescheiden im Gespräch mit dem KURIER. „Wenn du nichts machst und deinen Hintern nicht bewegst, klappt das auch nicht. Insofern bin ich sehr froh, dass auch der FC Hansa mich dabei mächtig unterstützt hat.“
Kische war bei der WM 1974 fast ein Exot. Denn neben Sturm-Legende Joachim Streich war er der einzige Mecklenburger im Kader des DDR-Teams. „Ich war immer Außenseiter – aber froh, in Rostock zu sein“, erklärt Kische, der fast als Ziehsohn von Trainer Georg Buschner galt. Kein Wunder, dass dieser ihn Mitte der 1970er-Jahre gern beim Topklub Jena gesehen hätte. Kische erinnert sich: „Das Haus in den Kernbergen stand schon bereit. Aber wenn es irgendwie geht, wollte ich Rostock nicht verlassen.“ Und es ging.

Mit seiner Athletik galt Kische als Musterschüler von Buschner. 59 Einsätze in der DDR-Nationalmannschaft machen ihn zum Rekordnationalspieler des FC Hansa. 1976 wurde er Olympiasieger bei den Spielen von Montreal, wobei er in allen fünf Spielen im Einsatz war. Bei der WM 1974 absolvierte er alle sechs Partien und stand in Hamburg beim legendären 1:0 gegen die Bundesrepublik über 90 Minuten auf dem Platz.
Das Teamquartier in Quickborn begeistert ihn heute noch
„Für einen Fußballer ist das Schönste, an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilzunehmen“, sagt der heute 74-Jährige rückblickend. Vor allem denkt er bis heute gerne an das Teamquartier in Quickborn vor den Toren Hamburgs: „Wir wurden dort super aufgenommen, das hat sich dann später in Ratingen fortgesetzt. Wir können uns überhaupt nicht beklagen – wir wurden dort gefeiert ohne Ende.“

Er ergänzt: „Dieses Rundherum bei dieser Weltmeisterschaft, die vielen Leute, die uns dort empfangen und auch angesprochen haben, die ohne Ende neugierig auf die sogenannte Ostzone waren – das war schon interessant.“
Kische gerät geradezu ins Schwärmen von der Gastfreundschaft in der Bundesrepublik: „Weil man das gar nicht erwartet hat. Zumal wir ja auch den Westen geschlagen hatten – aber da gab es viele, die sogar froh darüber waren. Die haben immer gesagt: Diese Großkotzlinge haben das mal verdient. Also: Ich bin von den Menschen dort nach wie vor total begeistert. Die waren so lieb zu uns.“

Nach der Zwischenrunde und den Duellen gegen Brasilien (0:1), Holland (0:2) und Argentinien (1:1) war das Turnier für die DDR beendet. Kische ist überzeugt: „Hätten wir die 76er-Mannschaft 1974 gehabt: 100-prozentig hätten wir um Platz 3 gespielt. Am Ende haben wir diese Chance einfach nicht genutzt. Wir waren noch nicht so weit. Zwei Jahre später war es besser.“
DDR-Spieler sollten ihre West-Mark zurückgeben
Nach der WM bekamen die Spieler Prämien – in Ost-Mark und in D-Mark. Kische: „Jeder hat sein Geld bei der Ankunft in Berlin bekommen. Und dann hat jeder eine Woche lang damit gemacht, was er wollte.“
Aber, so Kische: „Eine Woche später kam der Anruf: Wir sollten nach Berlin kommen – und das Geld mitbringen. Da stellte sich heraus: Das West-Geld sollte wieder abgegeben werden.“ Nur: Vieles war bereits ausgegeben. Sprich: Es war so gut wie kein West-Geld mehr übrig. Offiziell zumindest. Kische mit einem Lachen: „Gerüchteweise hieß es, dass einige Frauen die Intershops leergekauft haben …“

Kische spielte noch bis 1981 bei Hansa. Nach der Wende war er auf der Kogge auch Vizepräsident, Präsident und Manager. Auch beim 1. FC Union gab er 1995 ein kurzes Gastspiel als Manager.




