Wer an legendäre Torhüter in Deutschland denkt, dem fallen bestimmt zuerst Namen wie Bert Trautmann, Sepp Maier, Toni Schumacher, Oliver Kahn oder Manuel Neuer ein. Ein Name, der dabei kaum eine Rolle spielt, ist Jürgen Croy.
Jürgen Croy wird WM-Held 1974 und Olympiasieger 1976
Der Sachse ist in den 70er-Jahren einer der weltbesten Torhüter und Teil der legendären DDR-Auswahl, die bei der Fußball-WM 1974 die BRD besiegt. Croy gewinnt außerdem 1976 Olympiagold, 1972 reicht es bei den Sommerspielen in München zu Bronze. Ohne Zweifel: Jürgen Croy ist eine Fußball-Legende.
Croy bringt die westdeutschen Angreifer zur Verzweiflung
Bei der WM 1974 ist Croy der sichere Rückhalt der Mannschaft und steht in allen sechs Partien zwischen den Pfosten. Croy ist im DDR-Team der Dauerbrenner. Mit seinen Paraden trägt er dazu bei, dass die Auswahl von Nationaltrainer Georg Buschner Sechster wird. Damit erfüllt sie den geheimen WM-Plan der Stasi, der die 2. Finalrunde und damit mindestens Platz 8 als Ziel ausgibt.
Unvergessen ist bis heute der 1:0-Erfolg über die Bundesrepublik. Croy bringt die gegnerischen Angreifer um Gerd Müller schier zur Verzweiflung – sehr zur Freude der Staatsführung. Denn die sieht in dem Spiel einen Klassenkampf zwischen Ost und West. Gleiches gilt übrigens auch für die westdeutschen Kollegen.
Croy will zeigen, dass er besser ist als BRD-Torwart Maier
Bei den Fußballern sieht das anders aus – auch wenn der Ehrgeiz groß ist. „Wir wollten einfach Fußball spielen, zeigen, dass wir besser sind, dass ich besser bin als BRD-Torwart Sepp Maier. Was unsere Funktionäre daraus gemacht haben, hat uns damals einen Scheiß interessiert“, sagt Croy 2024 bei einem Legenden-Talk des „Nordkurier“ anlässlich des 50. Jahrestages des Sieges über die BRD.
Wir wollten einfach Fußball spielen, zeigen, dass wir besser sind, dass ich besser bin als BRD-Torwart Sepp Maier.
Die West-Fußballer hätten es übrigens genauso empfunden. „Auch die wollten gewinnen. Natürlich war es trotzdem ein brisantes Spiel, das aber sehr fair verlaufen ist“, erinnert sich Croy, der in seiner Karriere 102 A-Länderspiele bestreitet. Nach FIFA-Regularien sind es aber nur 90. Zwölf Spiele werden gestrichen, da Einsätze bei den Olympischen Spielen nicht als A-Länderspiele gezählt werden.
Trick sichert Brasilien Sieg über die DDR-Auswahl
Ein Spiel, an das er sicher ungern zurückdenkt, ist das erste Zwischenrundenspiel bei der WM 74 gegen Brasilien. Lange Zeit steht es 0:0, ehe die Südamerikaner mit einem Trick das entscheidende Tor erzielen.
Nach einer Stunde Spielzeit holt Jairzinho einen Freistoß knapp 20 Meter vor dem Tor von Croy heraus. Roberto Rivelino, der talentierteste Schnauzbartträger seiner Zeit, legt sich den Ball halblinks von Croy zurecht. Sein brettharter Schuss ist auch dem Keeper wohlbekannt.
DDR scheidet in der Zwischenrunde der WM 1974 aus
Aber: Auch weiche Lupfer hat der Linksfuß im Repertoire, seine Technik erlaubt ihm auch einen Versuch mit dem Außenrist. Croy stellt seine Vorderleute so auf, dass der direkte Weg zum Tor für Rivelino versperrt ist.
Doch was ist das? Valdomiro drängt sich zwischen Siegmar Wätzlich, Reinhard Lauck und all die anderen DDR-Spieler. Rivelino nimmt Anlauf, donnert den Ball direkt auf die Mauer. Die bekommt plötzlich eine Lücke, da Valdomiro sich blitzschnell fallenlässt, sodass der Schuss in den Maschen landet. Croy ist chancenlos. Brasilien gewinnt 1:0. Es ist der Anfang vom Ende. Nach der Niederlage gegen die Niederlande (0:2) und dem Unentschieden gegen Argentinien (1:1) ist die WM für die DDR vorbei.
Geschenke von Unternehmen kommen nicht an
Während der WM erlebt Croy auch die Schattenseiten des Fußballerlebens in der DDR. „Es hat bei der WM immer mal so kleine Überraschungen gegeben, dass große Firmen auch als Sponsoren tätig waren“, erinnert sich der Torwart in einer TV-Dokumentation. Demnach sei im WM-Quartier in Quickborn von einem Unternehmen für jeden Spieler ein Fernseher abgegeben worden. Der kommt bei den Fußballern aber nie an.

„Die sind mit Lkws zwar in die DDR gebracht worden. Aber ich denke mal, die haben die Wohnungen von Funktionären dann geziert“, sagt der heute 79-Jährige. Die offizielle Version sieht aber anders aus. In den Stasi-Unterlagen zur „Aktion Leder“ heißt es: „Vom Konzern Neckermann wurde für jedes Delegationsmitglied ein Kofferfernseher als Geschenk angeboten. Dieses Angebot wurde von der Leitung abgelehnt.“
Croy bleibt seinem Heimatverein bis zum Schluss treu
Für Croy, der während seiner gesamten Karriere nur für BSG Motor/Sachsenring Zwickau aktiv ist, nicht der einzige Vorfall mit der Stasi. Wie viele andere Fußballer auch, bekommt er Anfang der 70er-Jahre die Macht des Systems zu spüren. „Es gab ziemlichen Druck für mich, als ich dem damaligen DTSB-Vizepräsidenten, dem Franz Rydz, im Vier-Augen-Gespräch gegenüber saß. Und er mir unverhohlen damit gedroht hat: Wenn ich mich nicht füge und einem Wechsel zustimme, dass man mich auch mal für anderthalb Jahre bei der Armee im fußballerischen Niemandsland im Thüringischen verschwinden lassen könne.“
Vermutet habe ich das schon, dass es direkt in der Nationalmannschaft oder auch im Umfeld der Nationalmannschaft vielleicht IMs gab. Aber gewusst, um wen es sich handelt, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
In der Nationalmannschaft der DDR gibt es auch IMs
Croy überlegt kurz, verweigert den Wechsel aber. Auch, weil er viel Unterstützung aus Zwickau bekommt. Mit am deutlichsten wird das bei den Arbeitern in der Stadt. Die drohen, völlig untypisch für die DDR, mit einem Streik für ihren Torwart. „Das ist auch eine Sache gewesen, die mir Kraft gegeben hat“, blickt Croy auf jene Tage zurück. Damit ist er einer der wenigen Spieler, die standhaft bleiben.
Croy gehört auch zu jenen Fußballern, die sich nach dem Ende ihrer Karriere kritisch mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Dazu gehört auch das Wissen, dass es im damaligen Team nicht nur Freunde gab. Wie aus Stasi-Unterlagen hervorgeht, lassen sich 13 von 40 Delegationsmitgliedern von der Stasi zur Mitarbeit überreden – darunter fünf aktive Spieler.
„Vermutet habe ich das schon, dass es direkt in der Nationalmannschaft oder auch im Umfeld der Nationalmannschaft vielleicht IMs gab. Aber gewusst, um wen es sich handelt, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht“, erzählt Jürgen Cory, Großneffe von Heinz Croy, der ebenfalls erfolgreicher Torwart war.
Jürgen Croy soll in die Ruhmeshalle aufgenommen werden
Die Verstrickungen jener Tage können die DDR aber nicht bremsen. In Quickborn legen sie den Grundstein für eine erfolgreiche WM, die mit dem 1:0-Erfolg über die BRD ihren Höhepunkt findet. „Wir hatten super Voraussetzungen. Wir haben ein ganz tolles, freundliches Personal gehabt“, schildert Croy, der nach der Wende verschiedene Funktionen im umgewandelten FSV Zwickau übernimmt.

Im September 1994 wird er zum parteilosen Bürgermeister für Kultur, Schule und Sport gewählt. Von 2000 bis 2010 ist er Geschäftsführer der Kultur Tourismus und Messebetriebe Zwickau. Wegen seiner Verdienste rund um den Fußball und die Stadt haben vor wenigen Wochen die Stadtgruppe Zwickau der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) und die Stadtverwaltung ihn für eine Aufnahme in die Ruhmeshalle des deutschen Sports vorgeschlagen. Würdig – für eine deutsche Fußball-Legende.






