Chemnitz

Karl-Marx-Stadt: Bürger wollten den alten DDR-Namen nicht mehr

76 Prozent der Bürgerinnen und Bürger stimmten 1990 dafür, den DDR-Namen ihrer Stadt, Karl-Marx-Stadt, zu tilgen.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz erinnert an den früheren Namen der Stadt.
Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz erinnert an den früheren Namen der Stadt.IMAGO/RAINER UNKEL

Chemnitz trug von 1953 bis 1990 den Namen Karl-Marx-Stadt, eine politisch motivierte Umbenennung der DDR‑Regierung zu Ehren Karl Marx’. Nach einer Bürgerbefragung erhielt die Stadt 1990 ihren historischen Namen Chemnitz zurück.

Chemnitz kehrt zu historischem Namen zurück

Der Name Chemnitz ist bereits 1143 erstmals als Kameniz belegt und geht auf das sorbische kamjenica zurück, was „Steinbach“ bedeutet. Die Stadt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industriezentrum und erhielt den Beinamen „Sächsisches Manchester“.

Wie das englische Vorbild entwickelte sich Chemnitz zu einem führenden, dicht besiedelten Industriezentrum. Ähnlich wie Manchester war die Stadt geprägt von Textilindustrie, Maschinenbau, zahlreichen Fabriken und einer starken Arbeiterbewegung.

Eine glückliche Familie vor dem Karl-Marx-Monument.
Eine glückliche Familie vor dem Karl-Marx-Monument.Imago Archiv Klaus Fischer/Sorge

Ideologische Umbenennungen in der DDR

Im Zuge einiger weniger Umbenennungen in der frühen DDR  beschloss der Ministerrat der DDR am 10. Mai 1953, Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umzubenennen. Die Gründe dafür waren ideologiser Art: Karl Marx sollte als „größter Sohn der deutschen Nation“ geehrt werden.

Der Chemnitzer Geschichtsverein beschreibt die Umbenennung 1953 als Teil einer „ideologischen Untermauerung“ des sozialistischen Staatsprojekts.

„Nischl“ in Karl-Marx-Stadt kam später

Außerdem feierte man 1953 in der DDR das Karl-Marx-Jahr. Marx  135. Geburtstag und 70. Todestag waren Anlass genug für die Umbenennung. Erst 1971 wurde die Riesen-Marx-Büste aufgestellt, die noch heute als „Nischl“ (sächsisch für Kopf) das Zentrum der Stadt prägt. Die Bevölkerung wurde erst kurz vor dem Festakt informiert. Karl Marx selbst hatte keinen Bezug zur Stadt.

Wie aus Kriegsdorf Friedensdorf wurde

DDR-Kunst am Bau in Eisenhüttenstadt.
DDR-Kunst am Bau in Eisenhüttenstadt.Eberhard Thonfeld/ Imago

Das Prozedere einer Umbenennung haben einige, wenige Städte in der DDR hinter sich. Eisenhüttenstadt hieß etwa früher Stalinstadt. Davor  war der ältere Siedlungskern die Stadt Fürstenberg (Oder). 

Aus Neuhardenberg wurde 1950 Marxwalde. Nach der Wende kehrte man zum historischen Namen zurück. 

Ein Dorf allerdings blieb bei seinem DDR-Namen: Bei Leuna wird am 11. November 1950 aus  Kriegsdorf Friedensdorf. So heißt das Dorf bis heute.

Bevölkerung will alten Namen zurück

Der Name Karl-Marx-Stadt hatte knapp 37 Jahre Bestand. Doch im April 1990 stimmten die Chemnitzer darüber ab, wie ihre Stadt in Zukunft heißen sollte: Am 23. April, wurde das Ergebnis verkündet: 76 Prozent stimmten für den alten Namen „Chemnitz“. Am 1. Juni 1990 erhielt die Stadt ihren offiziellen Namen zurück.

Städte, die früher anders hießen

Umbenennungen von Städten spiegeln oft den Wandel von Herrschaftsverhältnissen. Auch international ist das Phänomen bekannt. Istanbul (Türkei) hieß früher Konstantinopel (bis 1930 offiziell) und davor Byzanz. Sankt Petersburg (Russland) hieß zeitweise Petrograd (1914–1924) und Leningrad (1924–1991). Tokio (Japan) hieß bis 1868 Edo. Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam) hieß früher Saigon.

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