Dietmar Gläser (72) und seine Frau Regina (67) aus Bad Rodach sind eigentlich unbescholtene Bürger. Nur ein einziges Mal in ihrem Leben haben die Thüringer etwas Unerlaubtes getan. Auf ihrer Hochzeitsreise nach Ost-Berlin steckten die Eheleute 1978 im Überschwang der Gefühle ein Saftglas aus dem Palast der Republik ein. Heute steht es im DDR-Museum und die Gläsers erzählen mit ihm ein Stück Geschichte.
Alles begann mit einem FDJ-Jugendtanz. Dietmar Gläser weiß noch genau, wie er seine Regina dort eines Abends kennenlernte. Gläser ist als Soldat bei der NVA in Eishausen, einem Örtchen in der Nähe der innerdeutschen Grenze, stationiert. Als er Regina sieht, funkt es sofort. Auch heute noch, nach fast 48 Ehejahren, sind die beiden ein gutes Team. In zwei Jahren wollen sie Goldene Hochzeit feiern.

In seinen Anfangsjahren wohnt das junge Paar im Grenzgebiet zu Bayern. Die DDR ist keine fünf Kilometer entfernt zu Ende, Besucher brauchen einen Passagierschein, als sie im Mai 1978 zu Dietmars und Reginas Hochzeit kommen wollen.
Die Hochzeitsreise der Frischverheirateten soll nach Rügen gehen, doch dem jungen Soldaten wird überraschend der Urlaub gestrichen. „Mein Bruder lebte in Ost-Berlin, der hat dann gesagt: ‚Kommt doch stattdessen ein paar Tage nach Berlin‘“, erinnert sich Dietmar Gläser. Und so kommt es, dass die Gläsers, wie so viele junge DDR-Bürger in den 70er-Jahren, aus der Provinz mit dem D-Zug nach Berlin, die Hauptstadt der DDR, pilgerten.

Das Besuchsprogramm ähnelt sich: Man fährt hinauf auf den Fernsehturm, spaziert durch den Tierpark in Friedrichsfelde. „Im Ungarnladen haben wir Schallplatten gekauft, ‚General of Budapest‘, das fand ich damals richtig gut“, sagt Dietmar Gläser.
Sightseeing in der DDR
Und natürlich wollen sich Regina und Dietmar auch den berühmten Lampenladen Erich Honeckers einmal in echt ansehen, der zwei Jahre zuvor feierlich eröffnet worden war. Der Palast der Republik als Sitz der Volkskammer und als Ort, an dem Fernsehshows wie „Ein Kessel Buntes“ aufgezeichnet und in die TV-Geräte der ganzen Republik gespielt wurde, war ein Sightseeing-Muss in der DDR.

Oben, in einer der für alle zugänglichen Bars, gönnten sich die Gläsers einen Orangensaft und schlugen dann über die Stränge. „Wir brauchen ein Souvenir von der Hochzeitsreise“, sagten sie sich, und wickelten eines der Gläser mit der PdR-Gravur ein, um es im D-Zug wieder mit zurück nach Thüringen zu transportieren.
Der Rest der Berlin-Reise ging ohne weitere Zwischenfälle mit einem Besuch des Plänterwalds zu Ende. Auch hier staubten die Gläsers beim Schießstand noch ein paar Biergläser ab. „Damals sammelte man doch so etwas“, erinnert sich Dietmar Gläser.

Und so landete das gestohlene Glas in der Schrankwand in Eishausen und zog nach der Wende mit über die ehemalige Grenze nach Bad Rodach in Bayern, wo sich die Gläsers ein Haus bauten. Benutzt wurde es seit der Hochzeitsreise 1978 nie wieder.
Wende-Wirren unbeschadet überstanden
Die Wirren der Wende haben sowohl das Palast-Glas als auch die Eheleute ohne Kratzer und Sprünge überstanden. „Wir hatten eigentlich Glück“, sagt Dietmar Gläser. Als die Mauer fiel, übten die Thüringer und die Bayern im Kleinen die Wiedervereinigung. Die Stadtkapelle aus Bad Rodach und Dietmar Gläser, als DJ eine Art Kulturbeauftragter in Eishausen, taten sich zusammen und organisierten ein Fest.
Aus diesen Bekanntschaften ergaben sich neue Jobs im Westen, als es bei der NVA hieß: „Wir machen den Laden dicht, sucht euch etwas Neues.“ Lange Jahre arbeiteten die Gläsers dann beim bekannten Spielzeug- und Möbelhersteller Habermaaß in Bad Rodach.
So landete das Glas im Museum
Nach der Wende kamen sie regelmäßig nach Berlin, und sahen sich mit den Enkelinnen die sich rasant verändernde Stadt an. Den Palast der Republik gab es längst nicht mehr, doch gleich gegenüber fanden die Gläsers irgendwann den Weg ins DDR-Museum. „Meine Enkelin wollte dorthin“, erinnert sich Dietmar Gläser. „Schön, wenn sie sich dafür interessiert“, dachte Opa Dietmar, der als gelernter DDR-Bürger viele Ausstellungsstücke noch aus dem Alltag kannte.

Vor der Vitrine mit Ausstellungsstücken aus dem Palast der Republik kommt ihm dann die Blitzidee: „Hier fehlt doch ein Glas“, denkt sich Dietmar Gläser. „Unseres!“
Und so kommt es, dass fast ein halbes Jahrhundert später das Glas, gut eingepackt in ein echtes Malimo-Geschirrtuch, seinen Weg wieder in die Hauptstadt des nun vereinten Deutschlands findet.
Im Depot des DDR-Museums steht es seitdem in der Karat-Schrankwand im Klub der Funktionäre. Dort können Besucher es mit dem neuen Kombiticket für das DDR-Museum und das Depot in Marzahn besichtigen.


