Es sollte eine lehrreiche Zeitreise in die Geschichte der DDR werden. Doch für Familie Koch aus Aschaffenburg und 20 weitere Besucher endete ein Trip in die Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen in Berlin-Lichtenberg anders als geplant. Die Gruppe war am 1. Mai über Stunden im Stasi-Knast gefangen und musste sich am Ende selbst befreien.
Gefängnisbesuch mit dramatischen Folgen
Am 1. Mai reisten Sandra und Dominik Koch (56) gemeinsam mit ihren Kindern Linnea (15), Finnegan (18) und dessen Freundin Matilda (17) früh morgens nach Berlin. Auf dem Programm stand eine „geschichtliche Bildungsreise“ mit Führungen durch das frühere Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit.
Vater Koch, ein Arzt mit eigener Praxis im beschaulichen Aschaffenburg, ist Berlin-Fan, ein „spannendes Drecksloch“ sei die Stadt, sagt er am Telefon. Aber die Stimmung, die Geschichte und die Führung im Stasi-Museum fand er bei einem ersten Besuch so beeindruckend, dass er die Kinder unbedingt auch einmal hinführen wollte.
Dass seine Frau an diesem ersten Mai, den die Kochs so schnell nicht vergessen werden, mit Unpässlichkeit im Hotel blieb, war ihr Glück. Denn die Reisegruppe sollte im Stasi-Knast ein unfreiwilliges Abenteuer erleben.

Unfreiwilliges Abenteuer im Gefängnis
„Wir hatten es gerade noch mit dem Taxi zur letzten Führung um 16 Uhr geschafft“, berichtet Dominik Koch. „Die rund 90-minütige Führung durch den weitläufigen Gebäudekomplex war eindrucksvoll und beklemmend zugleich.“
Doch als sich die Gruppe dem Ende näherte, der Führer in einem Besprechungsraum abschließend von seinen Erlebnissen im DDR-Staat berichten wollte, gingen plötzlich die Lichter aus. „Der Führer wunderte sich, machte das Licht wieder an und sprach weiter“, erzählt Koch. Er überzog ein wenig. „Erst als wir das Gelände verlassen wollten, stellten wir fest, dass auch die Türen verschlossen waren.“
Der Pförtner hatte offenbar angenommen, dass alle Besucher das Gelände bereits verlassen hatten. Ein Missverständnis mit Folgen. Die 24 Männer, Frauen und Kinder waren nun auf sich gestellt.
Unruhe, Pipi und kein Weg nach draußen
Telefonisch erreicht der Führer niemanden. Langsam macht sich Unruhe breit. Ein kleineres Kind ist Teil der Gruppe, andere würden gern eine Toilette aufsuchen. Doch auch dorthin führt kein Weg. Das Gefängnis ist plötzlich wirklich eins.
Nach einer knappen Stunde macht sich Dominik Koch mit seinen Teenager-Kindern selber auf den Weg und erkundet das unübersichtliche Gebäude. Auf der Suche nach einem Fluchtweg öffnet er Türen, geht durch die dämmrigen Gänge der Gedenkstätte, vorbei an Honecker Portraits, Zellen und Büros.

„Wir haben alle Bereiche systematisch erkundet – Zellen, Verhörräume, Flure“, so Koch. Fenster waren vergittert, Türen verschlossen, ein Entkommen schien unmöglich.
Auf einem Hof erklimmt der unfreiwillige Insasse sogar eine Mülltonne und eine Wand und es tut sich mit viel Kletterei ein Weg in die Freiheit auf. Doch was wäre dann mit dem Rest der Eingeschlossenen? Koch entscheidet sich zu bleiben, mittlerweile ist auch die Polizei informiert und versucht, von außen an die Gruppe zu kommen.

Während die Unruhe immer größer wird, findet Dominik Koch schließlich im dritten Stock einen Durchgang zum Museum und von dort einen Weg bis zum Hof mit dem Haupttor. Per Telefon mit schwächer werdendem Akku lotst er die ganze Touristengruppe durch die Gänge und durch die Schnapptür in Richtung Haupthof und Tor.
Erst nach vier Stunden kam die Erlösung
Auf der anderen Seite des Tors hört er die Polizisten reden, die Rettung ist nun zum Greifen nah.
Doch hier stehen die Gefangenen vor dem nächsten Hindernis: „Das Tor ließ sich nur elektronisch öffnen. Mit vereinten Kräften und dem Improvisationstalent eines niederländischen Physikers gelang es uns schließlich, die Steuerung zu überbrücken. Nach insgesamt vier Stunden war es geschafft: Das Tor öffnete sich“, berichtet Dominik Koch.

Die verdutzten Polizisten erwischen die Entkommenen bei einer Döner-Pause. Um 20 Uhr ist das Abenteuer glücklich zu Ende und die wohl erste Flucht in der Geschichte des Stasiknasts geglückt.
Auch die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen äußert sich auf KURIER-Anfrage zu dem Vorfall: „Bedauerlicherweise konnte am 1. Mai 2026 eine Besuchergruppe erst um 20 Uhr das Gelände verlassen, das bereits durch den Sicherdienst verschlossen worden war.“ Zwei unabhängige Ereignisse hätte sich unglücklicherweise zu der misslichen und bisher so nicht dagewesenen Situation verkettet, so eine Sprecherin.
„Der Referent der Besuchergruppe hatte die Notfallnummer nicht zur Hand, die in solchen Fällen anzurufen ist. Daher konnte er den Wachschutz nicht erreichen. Der Wachdienst, der die Räumlichkeiten verschließt, hatte die Gruppe nicht wahrgenommen.“






