Das KZ Buchenwald nimmt in der DDR-Geschichtsschreibung eine besondere Rolle ein. Es ist der Ort, an dem 1944 KP-Chef Ernst Thälmann auf Befehl Hitlers ermordet wurde. Und es ist der Ort, über den der bekannteste Roman der DDR handelt – „Nackt unter Wölfen“. Er erzählt, wie kommunistische KZ-Häftlinge ein Kind vor dem Morden der Nazis retten. Jetzt kommt heraus: In dem Roman stand auch, wie kommunistische Gefangene in Buchenwald zu Mördern wurden. Nur das sollte in der DDR keiner wissen.
Der DDR-Mythos von Buchenwald
In diesen Tagen ist das Buch „Landschaft ohne Zeugen“ (S. Fischer Verlag) erschienen. Darin versucht die gebürtige Dresdnerin und in Berlin wohnende Ines Geipel (65) mit dem Geschichtsmythos aufzuräumen, der in der DDR um das KZ Buchenwald nahe Weimar betrieben wurde.
„Die Gedächtnispolitik der DDR war monolithisch, und sie war instrumentell. Im Kern entlang der Erzählung: Unter den Deutschen haben allein die Kommunisten Hitler besiegt, die Täter sind alle im Westen abgetaucht, und wir bauen hier das bessere, wärmere Deutschland auf“, sagt Buchautorin Ines Geipel.

Im staatlich verordneten Antifaschismus der DDR schien das KZ Buchenwald eine ideale Funktion für die Machthaber um Walter Ulbricht zu haben. Geschockt vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 „brauchte das Regime händeringend ein Identifikationsangebot“, sagt Ines Geipel. „Da bot sich Buchenwald an.“
Das 1937 errichtete Lager war eines der größten KZs auf deutschem Boden. Doch nicht nur Kommunisten gehörten dort zu den Opfern, wie die Geschichtserzählung in der DDR glauben machen wollte.
„Dazu nur eine Zahl: Von 56.000 Toten gab es in Buchenwald 109 tote deutsche Kommunisten. Oder auch: Es kamen dort überproportional viele europäische Juden, Franzosen, Polen, Tschechen, auch viele sowjetische Soldaten, ums Leben“, sagt Ines Geipel. „Buchenwald war ein europäischer Ort des Grauens.“
Im KZ Buchenwald wurde Opfer zu Mörder
Und das KZ war ein Ort, an dem offenbar auch Opfer zu Mördern wurden. Denn ab 1942 setzte die Lagerleitung in Buchenwald statt Kriminellen und Berufsverbrechern auch kommunistische Gefangene als Funktionshäftlinge ein.
Allgemein bekannt ist, dass in den Konzentrationslagern die sogenannten „Kapos“ als Handlanger der SS agierten. Sie konnten also auch Häftlinge schlagen oder sogar töten.
Im KZ Buchenwald besetzten Kapos Schlüsselpositionen. Laut Archivberichten waren sie auch in der „Arbeitsstatistik“, die Arbeitskräfte zuteilte, und in den Krankenrevieren im Einsatz – an Orten, an denen es um Leben und Tod gehen konnte.
Dass „rote Kapos“ dort ihren Dienst verrichteten, nutzte auch das Widerstandskomitee im Lager aus, das von kommunistischen KZ-Häftlingen geleitet wurde. Laut Berichten ehemaliger KZ-Häftlinge wie Ernst Federn hatten „rote Kapos“ etwa mit der SS Listen für Todesmärsche erstellt: „Sie haben natürlich ihre eigenen Leute, wenn sie konnten, zu retten versucht.“
„Nackt unter Wölfen“: DDR-Bestseller über Buchenwald wurde zensiert
Was da ablief, hatte mit den heldenhaften Antifaschismus-Darstellungen der DDR nichts gemeinsam, so Autorin Ines Geipel. Und: Was „der kommunistische Lagerterror unter dem SS-Terror bedeutete“, das kam im staatlich verordneten Geschichtsbild in der DDR nicht vor.
Auch nicht in dem Buch von Bruno Apitz, der als kommunistischer Häftling das KZ Buchenwald überlebte und seine Erlebnisse in „Nackt unter Wölfen“ (1958) veröffentlichte.

In seinem Buch, in dem es um die Rettung eines jüdischen Kindes geht, will der KZ-Überlebende schonungslos alles berichten, was er in dem Lager erlebt hat. Doch er darf es nicht. Bei der Recherche zu ihrem Buch erfährt Autorin Geipel aus Akten: Von der Stasi bis hin zum SED-Politbüro von Walter Ulbricht wird „Nackt unter Wölfen“ zensiert.
Es geht dabei um Szenen, die Ungeheuerliches beschreiben: Wie kommunistische Häftlinge, die „roten Kapos“, andere Häftlinge in der Krankenbaracke totspritzen. Warum? Mit Hilfe der Identitäten der Toten konnte man eigene Genossen retten, die auf Todeslisten standen. Opfertausch nannte man das.

In geheimen SED-Akten, die nach der deutschen Wiedervereinigung zugänglich wurden, kann man die andere Wahrheit über das KZ Buchenwald lesen. Da gab ein „roter Kapo“ aus der Krankenbaracke zu Protokoll: „Da unsere Genossen mehr wert waren als alle anderen, mussten wir also einen Schritt gemeinsam mit der SS gehen, und zwar in der Vernichtung von aussichtslos kranken und kollabierenden Menschen.“
Und weiter: „Dass ich die Liquidierung nicht allein durchführen konnte, versteht sich von selbst. Dazu gehörte ein ganzer Apparat.“
KZ Buchenwald: Einer der Mörder war später Stasi-Chef
Kalt, grausam, ohne menschliches Gefühl: Der Mann, der das in einer internen SED-Untersuchung zu den kommunistischen Funktionshäftlingen im KZ Buchenwald berichtete, war Helmut Thiemann – von 1953 bis 1981 Stasi-Chef für Dresden.
Und in diesen Dokumenten ist auch zu lesen, dass man nicht nur Genossen rettete. Genauso wurden auch unbequeme Genossen von den „roten Kapos“ mit der Todesspritze ermordet.



