Nikolaiviertel

Müll, Ratten, Schimmel: Berlins Vorzeigeviertel verkommt

Postkarten-Idylle war gestern! Im Nikolaiviertel kämpfen Mieter mit Schimmel, Ratten und Müllbergen – mitten im Touri-Herz von Berlin.

Author - Norbert Koch-Klaucke
Teilen
Das Nikolaiviertel: Hier soll Berlin seinen Ursprung gehabt haben. Bei Touristen ist der älteste Stadtteil daher eine besondere Sehenswürdigkeit, die aber immer mehr verkommt.
Das Nikolaiviertel: Hier soll Berlin seinen Ursprung gehabt haben. Bei Touristen ist der älteste Stadtteil daher eine besondere Sehenswürdigkeit, die aber immer mehr verkommt.Joko/imago

Es gehört zu den Sehenswürdigkeiten Berlins – das Nikolaiviertel. Touristen kommen gerne in den ältesten Kiez der Stadt. Sie wollen sehen, wo die Wiege von Berlin stand. Die Kirche, Museen, Restaurants, Geschäfte, ein wenig Zille-Milieu genießen: Der Besuch des Nikolaiviertels am Ufer der Spree lohnt sich allemal. Doch der schöne Schein trügt. Wer genauer ins Viertel schaut, entdeckt Müll, Ratten und Schimmel in den Häusern. Das Vorzeigeviertel von Berlin verkommt.

Nikolaiviertel: Außen hui, innen pfui

Über 2000 Menschen sind im Nikolaiviertel zu Hause. In dem historischen Stadtkern, der nach dem Kriegsende zum Großteil zerstört war und den die DDR 1987 zur 750-Jahr-Feier wieder aufbauen ließ. Wer hier wohnt, wusste das auch bisher zu schätzen.

So wie Martin Pohl (40). Der Angestellte zog vor 15 Jahren vom Wedding in das Nikolaiviertel. Von Nachbarn weiß er, dass diese Häuser zu den nobleren Plattenbauten in der DDR gehörten. Nicht umsonst steht das Nikolaiviertel seit 2018 unter Denkmalschutz.

„Es war schon ein Glücksfall, eine dieser Wohnungen zu bekommen“, sagt Pohl. Klein aber fein ist das Quartier. Pohl hat anderthalb Zimmer mit Blick auf die Spree. Und das alles für monatlich 620 Euro Warmmiete.

Martin Pohl (40) zeigt an einem Fenster, wo er Schimmel entdeckt hatte.
Martin Pohl (40) zeigt an einem Fenster, wo er Schimmel entdeckt hatte.Norbert Koch-Klaucke

Was er auch noch hat: Seit Jahren bilden sich an den Fenstern immer wieder große Schimmelflächen, die der Vermieter, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM, immer wieder beseitigen lässt.

Pohl zeigt Fotos, auf denen unter anderem schwarze Flecken an den Fensterrahmen und Schimmelflächen auf der Tapete unter den Fenstern zu sehen sind.

Schwarze Flecke am Fensterrahmen: Diesen Schimmelbefall von vor einem halben Jahr hat Martin Pohl dokumentiert.
Schwarze Flecke am Fensterrahmen: Diesen Schimmelbefall von vor einem halben Jahr hat Martin Pohl dokumentiert.privat

„Das war vor einem halben Jahr“, sagt Pohl. „Der Schimmel wurde beseitigt. Doch jetzt kündigt sich schon wieder der nächste an.“ Vor wenigen Tagen hatte die WBM wieder eine Firma vorbeigeschickt, die den Fall aufgenommen hat.

Pohl ist kein Einzelfall. In der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage zum Zustand des Nikolaiviertels, die der CDU-Abgeordnete Lucas Schaal jüngst stellte, bestätigt die WBM: „Wenn uns die Fälle von den Mietern gemeldet werden, erfolgt durch uns eine Überprüfung der Ursachen und die fachgerechte Beseitigung.“

Zur Beruhigung erklärt die WBM: „In den meisten Fällen sind die Schimmelfälle auf ein nicht den Witterungsbedingungen angepasstes Heiz- und Lüftungsverhalten der Mieter zurückzuführen.“

Schimmel im Nikolaiviertel: Marode, undichte Fenster

Die Mieter berichten offenbar etwas ganz anderes. Etwa von Fenstern, die in den WBM-Wohnungen im Nikolaiviertel marode und undicht seien und so teilweise Feuchtigkeit eindringe. Ob dieser Sachverhalt bekannt ist, will der Abgeordnete Schaal in seiner Anfrage wissen. Die WBM bejaht dies.

„Der Sachverhalt ist der WBM bekannt. Es handelt sich in den meisten Wohnungen noch um die Fenster aus der Erbauungszeit“, so die WBM. Da die Gebäude unter Denkmalschutz stehen, müsse man Maßnahmen mit dem Landesdenkmalamt abstimmen.

„Bei Bedarf werden die jeweiligen Schritte im Einzelfall geprüft und veranlasst. Eine grundsätzliche Sanierung aller Fenster im Nikolaiviertel ist derzeit nicht vorgesehen.“

Martin Pohl steht vor der Nikolaikirche im Nikolaiviertel. Sein Wunsch ist es, dass der älteste Stadtteil von Berlin nicht verkommt.
Martin Pohl steht vor der Nikolaikirche im Nikolaiviertel. Sein Wunsch ist es, dass der älteste Stadtteil von Berlin nicht verkommt.Norbert Koch-Klaucke

Feuchtigkeit und Schimmel in den Wohnungen im Nikolaiviertel – und was macht der Senat? Die Behörde von Bausenator Christian Gaebler (SPD) erklärt, dass unter denkmalrechtlichen Gesichtspunkten alles sehr schwierig sei. „Denkmalfachliche Zielsetzung ist der Erhalt der Fenster“, so die Antwort der Behörde in der parlamentarischen Anfrage des CDU-Abgeordneten Schaal.

Nikolaiviertrel hat ein festtes Rattenproblem

Der Schimmel in den Wohnungen der Menschen im Nikolaiviertel ist nach außen nicht sichtbar. Dafür aber ein ganz anderes Problem. Wer aufmerksam durch Berlins ältesten Stadtteil geht und sich auch einmal die Hinterhöfe genauer anschaut, wird feststellen, dass die Welt im Vorzeige-Kiez schon lange nicht mehr in Ordnung ist.

Rote Schilder, die vor Schädlingsbekämpfungsmittel im Nikolaiviertel warnen.
Rote Schilder, die vor Schädlingsbekämpfungsmittel im Nikolaiviertel warnen.Norbert Koch-Klaucke

An Müllhäuschen und Hauswänden sind rote Warnschilder zu sehen. Auf ihnen steht, „dass auf den Grundstücken Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung durchgeführt wurden“. Dazu die Warnung: „Kinder und Haustiere fernhalten!“ Denn im Kleingedruckten steht, dass ein Rattenbekämpfungsmittel mit dem Wirkstoff Bromadiolon ausgelegt wurde.

Ein schwarzer Kasten mit Giftködern.
Ein schwarzer Kasten mit Giftködern.Norbert Koch-Klaucke

Es hemmt die Blutgerinnung, was nach drei bis fünf Tagen zu inneren Blutungen führt. Weil der Wirkstoff für Mensch und Umwelt hoch toxisch ist, darf nur geschultes Personal die Giftköder auslegen.

Diese befinden sich etwa in schwarzen Plastikkästen, die man im Nikolaiviertel mit roten Warnaufklebern mehrfach an Häuserecken oder Mülltonnen findet.

Vermüllte Hinterhöfe werden zum Rattenparadies

Nicht nur die Fallen machen auf das Rattenproblem im Nikolaiviertel aufmerksam. Auf den Höfen sind auch große Löcher im Boden zu finden, die zu den unterirdischen Behausungen der Nager führen.

Ein ausgedienter Motorroller, dazu jede Menge Sperrmüll: <a href="https://www.berliner-kurier.de/berlin/jetzt-muessen-unsere-kinder-berlin-vor-der-vermuellung-retten-li.10027869">ein vermüllter Hinterhof im Nikolaiviertel</a> – auch so etwas lockt Ratten an.
Ein ausgedienter Motorroller, dazu jede Menge Sperrmüll: ein vermüllter Hinterhof im Nikolaiviertel – auch so etwas lockt Ratten an.Norbert Koch-Klaucke

Die Rattenproblematik ist dem Gesundheitsamt Mitte bekannt, erklärt die Behörde in der parlamentarischen Anfrage des CDU-Abgeordneten Schaal. „Zuständigkeitshalber verpflichtet das Gesundheitsamt die für die Parzellen Zuständigen zur Schädlingsbekämpfung. Ansonsten ist für die Bekämpfung der Ratten ein gut funktionierendes Müllmanagement notwendig.“

Ein Rattenloch im Hinterhof des Nikolaiviertels.
Ein Rattenloch im Hinterhof des Nikolaiviertels.Norbert Koch-Klaucke

Und bei der Kontrolle des Müllmanagements im Nikolaiviertel hapert es mächtig. Auf den Hinterhöfen findet man neben den Rattenlöchern auch noch jede Menge Sperrmüll. Ein altes Mofa neben alten Holzteilen zum Beispiel. Oder Müllcontainer, die fast überlaufen. Zu stören scheint das niemanden.

Denn: „Für eine engmaschige Kontrolle fehlen derzeit dem Gesundheitsamt die notwendigen zusätzlichen Ressourcen.“ Diese öffentliche Erklärung ist ein Armutszeugnis der Behörde.

Laut dem CDU-Abgeordneten Schaal scheint es bei der Müllentsorgung im Nikolaiviertel generell Probleme zu geben. Seit mehreren Wochen sei das so, bestätigt die WBM.

Überlaufende Müllcvontainer in einem Hof im Nikolaiviertel.
Überlaufende Müllcvontainer in einem Hof im Nikolaiviertel.Norbert Kpoch-Klaucke

Die Probleme „sind ausschließlich auf massive Leerungsausfälle bei den Wertstofftonnen zurückzuführen. Das private Entsorgungsunternehmen hat diese in wiederholten Fällen nicht wie vorgesehen geleert“, gibt die WBM zu Protokoll. „Trotz mehrfacher Reklamationen unsererseits liegen uns bislang keine nachvollziehbaren Rückmeldungen zu den Ursachen der ausgefallenen Leerungen vor.“

Was immer die Gründe sein mögen: Im Nikolaiviertel stinkt es gewaltig.

Was meinen Sie zu den Zuständen im Nikolaiviertel? Schicken Sie uns Ihre Meinung per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com!