Wer Kriminalkommissar in Berlin werden will, muss zuerst einen Online-Test bestehen. Der KURIER hat ihn gemacht – und ist durchgefallen. Das Überraschende: Statt Fragen zu Recht, Politik oder Polizeiarbeit warten dort Zahlenreihen, Logikrätsel, Vokal-Aufgaben und Rechenübungen unter Zeitdruck. Kann so wirklich entschieden werden, wer das Zeug für die Kripo hat?
Polizei Berlin setzt auf logische Schlussfolgerungen beim Online-Test
Die ersten Schritte sind leicht: Wer sich in Berlin für ein duales Studium bei der Polizei bewerben will, geht auf die Website und kann seine Bewerbungsangaben für den jeweiligen Studiengang direkt übermitteln. Bewerbungsunterlagen wie ein persönliches Anschreiben werden überraschenderweise nicht benötigt.

Es müssen lediglich persönliche Angaben wie Name, Adresse, aktueller Job und Bildungsgrad angegeben werden. Anschließend erhalten Bewerber eine E-Mail, in der es heißt: „Bitte bearbeiten Sie als Nächstes unseren Online-Test. Für die Bearbeitung des Tests benötigen Sie ca. 30 Minuten. Alle Aufgaben werden ausführlich erklärt.“
Doch statt Fragen zu Polizeiarbeit, Strafrecht oder Allgemeinwissen geht es im Online-Test vor allem um Logik, Zahlenverständnis, Sprachmuster und Rechnen unter Zeitdruck. Der KURIER hat den Online-Test für den gehobenen Dienst der Berliner Kriminalpolizei gemacht – und ihn nicht bestanden!
Das sind die Aufgabenbereiche des Online-Tests
Schon im ersten Teil müssen Bewerber numerische Schlussfolgerungen lösen. Über einer Aufgabe steht etwa: „Wie geht diese Zahlenreihe weiter?“ Ein KURIER-Beispiel, das sich am Original orientiert: „312, 437, 749, 1186, 1935, ?“ Die Lösung lautet 3121. Der Haken: Der Test läuft auf Zeit. Je mehr Aufgaben in kurzer Zeit richtig gelöst werden, desto besser fällt das Ergebnis aus. Zudem steigt der Schwierigkeitsgrad nach jeder Aufgabe.
Im zweiten Teil geht es um verbales Schlussfolgern. Auch hier müssen in kurzer Zeit komplexe Zusammenhänge erfasst werden. Ein KURIER-Beispiel, das sich am Original orientiert: „Fünf Laternen A, B, C, D und E haben unterschiedliche Leuchtdauern: Zwei leuchten 8 Stunden, eine leuchtet 16 Stunden, eine 28 Stunden und eine 40 Stunden. Welche Laterne leuchtet 16 Stunden, wenn gilt: B leuchtet länger als A, C und D zusammen. E und C leuchten zusammen länger als B. D und A leuchten gleich lange. C leuchtet kürzer als E.“ Die Lösung lautet: Laterne E leuchtet 16 Stunden.
Danach wird es hektisch. In einem kleinen Feld gleiten Städtenamen innerhalb von maximal zwei Sekunden von oben nach unten. Bewerber müssen dann blitzschnell erkennen, welcher Vokal – also a, e, i oder o – in den Wörtern am häufigsten vorkommt. Ein KURIER-Beispiel für ähnlich bizarre Städtenamen: „Ouagadougou, Ljubljana, Yogyakarta und Thessaloniki“.

Teil vier funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip – nur mit Rechenaufgaben. Auch hier erscheinen die Aufgaben nur für kurze Zeit in einem kleinen Feld. Dann muss sofort entschieden werden, ob das Ergebnis kleiner als null, gleich null oder größer als null ist. KURIER-Beispiele: „(15 − 9) − 6“ oder „(18 − 27) + (4 × 2)“.
Ganz am Ende des Tests werden wenige moralische Fragen gestellt. Hier muss der Bewerber angeben, ob es nicht zutrifft, eher nicht zutrifft, eher doch zutrifft oder vollkommen zutrifft. KURIER-Beispiel: „Viele kennen diesen kurzen, dunklen Gedanken: Was wäre, wenn man einfach etwas mitgehen lässt und niemand merkt es?“
Die Polizei Berlin verzichtet bewusst auf ein Motivationsschreiben
Wenn alle fünf Teile beantwortet wurden, wird der Test abgeschickt und das Einstellungsbüro der Polizei Berlin meldet sich mit dem weiteren Vorgehen. Im Absageschreiben, das der KURIER erhielt, hieß es nur: „Für das laufende Auswahlverfahren kann Ihre Bewerbung nicht weiter berücksichtigt werden. Das Absageschreiben finden Sie in Ihrer Postbox im Journal zum Download oder in Ihrer WebApp.“
Das Erschreckende daran ist aber, dass die Polizei nichts über den Bewerber erfahren hat. Inwiefern sollen logische Schlussfolgerungen einer Zahlenreihe gewährleisten, dass der Bewerber ein exzellenter Kandidat für ein Studium zum Kriminalkommissar ist?
Auf KURIER-Anfrage teilt ein Pressesprecher der Polizei Berlin mit: „Der Online-Test gibt Aufschluss über unterschiedliche Fähigkeiten und Eigenschaften der Bewerbenden. So werden beispielsweise unterschiedliche Dimensionen der Intelligenz erfasst, aber auch Persönlichkeitsdimensionen.“ Mit den Persönlichkeitsdimensionen dürften vor allem die Fragen aus dem letzten Testteil gemeint sein.
Der Test wird laut Polizei Berlin gemeinsam „mit einem externen Testanbieter (HR Diagnostics) entwickelt und normiert“ und die Entwicklung und Abstimmung erfolgt in enger „Zusammenarbeit der Polizei Berlin, der Freien Universität Berlin sowie zertifizierten Fachpersonen der Eignungsdiagnostik“.

Weiter heißt es, dass ein Motivationsschreiben kein standardisiertes eignungsdiagnostisches Verfahren darstelle. „Meta-analytische Befunde zeigen konsistent positive Zusammenhänge zwischen Intelligenz und akademischem sowie beruflichem Erfolg“, so die Polizei Berlin.



