20 Jahre Jubiläum

Neugier auf die DDR: Warum das Museum heute so viele junge Besucher anzieht

Während Zeitzeugen weniger werden und Ost-Orte verschwinden, wächst das Interesse an DDR-Alltagskultur. Auch 20 Jahre nach seiner Eröffnung zieht das DDR-Museum viele Besucher an.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Gordon von Godin ist seit 2016 Direktor des DDR-Museum in Berlin.
Gordon von Godin ist seit 2016 Direktor des DDR-Museum in Berlin.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Zwei Teenager hämmern auf der Erika-Schreibmaschine herum. Vor dem glänzenden Trabant steht eine halbe Schulklasse Schlange, sie alle wollen einmal das Gefühl, in der Rennpappe zu sitzen, spüren. Opas erklären ihren Enkeln Dinge, die für sie einst Alltag waren: Warum Bananen so besonders waren. Weshalb man nicht einfach nach Paris reisen konnte und warum viele Menschen Angst hatten, dass beim Telefonieren jemand mithörte.

Junge Menschen interessieren sich für die DDR

Szenen wie diese spielen sich täglich im DDR-Museum an der Berliner Spree ab. Als das Haus vor 20 Jahren öffnete, war die DDR-Vergangenheit noch näher. Geprägt von persönlichen Erinnerungen und politischen Debatten. Heute kommen Besucher aus aller Welt – und immer häufiger auch Menschen, die nach 1990 geboren wurden.

Doch je weiter die DDR zeitlich zurückliegt, desto größer scheint die Neugier auf das verschwundene Land. Während die Zeitzeugen immer weniger werden und originale Schauplätze der DDR aus dem Stadtbild verschwinden, erlebt das Museum einen Boom. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die DDR aus dem Alltag verschwindet, wächst das Interesse an ihr.

Stichwort Oststolz und Fragen zur Ost-Biografie

Zum 20-jährigen Bestehen des größten deutschen DDR-Museums in Berlin treffen wir Museumsdirektor Gordon von Godin. Der Mann, geboren 1970 in Prenzlauer Berg, hat eine fast schon beängstigend beispielhafte Ost-Biografie hinter sich: Der Bautischler-Azubi in Ost-Berlin machte nach der Wende harte Erfahrungen mit dem Wesen des Kapitalismus – wie Millionen anderer DDR-Bürger auch.

Jahre nach der Wende waren Überlebenskampf

Denn nach dem Fall der Mauer fiel der junge Gordon erst einmal in ein Loch. „Die ersten Jahre nach der Wende waren ein Überlebenskampf“, sagt er heute. Von 600 D-Mark Lohn für die Umschulung zum Hotelfachmann musste er eine 300 D-Mark teure Mietwohnung bezahlen. Das Ausfahren der Ellenbogen ist dem jungen Mann aus der DDR nicht geläufig. „Man war schon ein Ja-Sager, ein Befehlsempfänger. Nun musste man selber klarkommen.“

Und Gordon Tscheschner kam klar. „Ich habe begriffen, dass ich Karriere machen muss, wenn ich im Leben was erreichen will.“ Bis er 30 Jahre alt war, hatte er kaum Geld verdient. Doch dann geht es steil bergan. Gordon von Godin arbeitet sich zum Hoteldirektor hoch, kommt in ganz Europa herum, lebt zehn Jahre in München, wo er auch seine Frau, der er seinen wohlklingenden Nachnamen zu verdanken hat, kennenlernt. Seit 2016 ist er zurück an der Spree, als Direktor des DDR-Museums. Seit er einen Kredit für einen 2er VW Golf ewig lange abbezahlen musste, kaufte er nie wieder etwas auf Pump.

Foto aus der Schau des DDR-Museums 30 Jahre nach der Schließung des Palastes der Republik.
Foto aus der Schau des DDR-Museums 30 Jahre nach der Schließung des Palastes der Republik.DDR Museum Berlin

Ost-Sozialisierung: Man hat einen gemeinsamen Code

Seine Ost-Sozialisierung merke man ihm heute vor allem noch am Wortschatz an, sagt Gordon von Godin. An bestimmten Ost-Codes erkenne man sich auch in der Ferne. Im DDR-Museum ist die Belegschaft halb und halb, aus Ost und West stammend, aufgestellt. „Wobei die Jüngeren sich gar nicht mehr über ihre Herkunft definieren“, so von Godin.

Gibt es in 20 Jahren noch genug Interesse an der DDR?

Und genau diese Entwicklung könnte im Hinblick auf die nächsten 20 Jahre ein Problem sein. „Es gibt schon eine Ungewissheit, ob das Thema DDR irgendwann nicht mehr so verfängt“, sagt Gordon von Godin. Die jüngste Debatte, DDR-Geschichte aus den Lehrplänen an Schulen zu tilgen, haben sie im DDR-Museum mit Fassungslosigkeit verfolgt. „Gerade jetzt, wo Demokratiebildung nötiger scheint, als je zuvor, müssen die Jungen doch über Diktaturen Bescheid wissen“, so der Museumsdirektor.

„Wir arbeiten also täglich daran, DDR-Alltagskultur zu bewahren. Während Zeitzeugen älter werden und Originalorte verschwinden, wird das Museum zum letzten begehbaren Gedächtnis. Museen sollten Treiber dafür sein, dass die Gesellschaft sich für eine lebendige Erinnerung einsetzt“, so Gordon von Godin. Den Finger in die Wunde legen, wenn Politik Geschichte einfach abreißen oder ausradieren will, auch das sieht er als seine Aufgabe. Und so füllt das DDR-Museum auch im 20. Jahr eine Lücke, die das Land Berlin oder die Bundesrepublik gelassen haben.

Gordon von Godin im Trabi, ein Besuchermagnet im Museum. Sein erstes eigenes Auto war ein Westauto, ein Mazda 323.
Gordon von Godin im Trabi, ein Besuchermagnet im Museum. Sein erstes eigenes Auto war ein Westauto, ein Mazda 323.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Dass das private DDR-Museum unangefochtener Platzhirsch in Sachen DDR-Erinnerungskultur ist, hängt auch damit zusammen, dass der Staat das Thema DDR zunächst ziemlich verschlafen hat.

Erst fünf Jahre nachdem das DDR-Museum in seiner heutigen Form eröffnete, machte in der Kulturbrauerei ein ganz ähnliches Museum seine Türen auf. „Alltagskulur in der DDR“ wollen dort aber bis heute nur ein Zehntel der Besucher  sehen. Im DDR-Museum an der Spree sind dagegen jährlich 500.000 Menschen aus aller Welt zu Gast.

Osterweiterung: Neu eröffnetes Depot in Marzahn

Im Depot des DDR-Museums lagern Tausende Exponate.
Im Depot des DDR-Museums lagern Tausende Exponate.Jordis Antonia Schlösser

Bis nach Marzahn ins neu eröffnete Depot schaffen es nicht ganz so viele. Dennoch wird der neue Begegnungsort im Osten der Stadt positiv wahrgenommen. Es ist ein Witz der Geschichte, dass ausgerechnet ein BWLer aus Westdeutschland und ein Ethnologe aus Freiburg den Grundstein zur Sammlung, die heute in Marzahn lagert, legten.

Bevor Gordon von Godin und Quirin Graf Adelmann das Museum 2006 übernahmen, war es nämlich mit dem Namen des damaligen Direktors Robert Rückel verbunden. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Freiburger Ethnologen Peter Kenzelmann, hatte der Betriebswirtschaftler im Jahr 2005 begonnen, alle möglichen Ausstellungsstücke für ein DDR-Museum zu sammeln.

Haushaltswaren und Alltagsdinge. Bis heute klingelt drei- bis viermal am Tag das Telefon und Menschen wollen ihre Exponate abgeben. „Mal eine Brille, mal eine Straßenbahn“, sagt Gordon von Godin. Man wähle inzwischen sehr sorgfältig aus.

Wie geht es weiter für das DDR-Museum

In den nächsten 20 Jahren werde es weiter darum gehen, Ost-Kultur zu bewahren, so Gordon von Godin. Und vielleicht ist es ja wirklich so: Je ferner die DDR rückt, desto größer scheint die Faszination für sie zu werden.

Jetzt aber wird erst einmal gefeiert. Mit DDR-Quiz, Soljanka und LPG-Kuchen. Franziska Giffey wird eine Rede halten, am Vorabend zur Feier stellen Bodo Ramelow und Ilko-Sascha Kowalczuk ihr gemeinsames Buch vor. Es gibt vieles, was aus der DDR bis heute nachwirkt. Das DDR-Museum will der Ort sein, an dem man darüber ins Gespräch kommt.

Liebe Leser, wie ist Ihre Meinung zum Thema? Waren Sie schon einmal im DDR-Museum? Welche Art von Erinnerungskultur an die DDR brauchen wir? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com