Wer an die DEFA denkt, dem fallen vermutlich zuerst schöne Märchenfilme ein, DDR-Klassiker wie „Die Legende von Paul und Paula“, „Das Schulgespenst“ und „Die dicke Tilla“. Doch die größte Filmgesellschaft der DDR hatte noch mehr zu bieten. Auch Dokus finden sich im Schatz der heutigen DEFA-Stiftung. Einem Schatz, der Jahre nach der Wende Stück für Stück zugänglich gemacht wird. Nun ist eine besondere Perle aufgetaucht – ein Film, der den Alltag am berühmten „Schnellbuffet“ am Bahnhof Berlin-Lichtenberg zeigt. Er dokumentiert den Alltag der Mitarbeiter, doch die Filmaufnahmen selbst sind nicht das Spannendste.
„Imbiß Spezial“ entstand in den letzten Tagen der DDR
Der Streifen trägt den Titel „Imbiß Spezial“, entstand quasi in den letzten Tagen vor dem Mauerfall, als das gesellschaftliche Klima in der DDR schon ordentlich aufgeheizt war, das Land nach und nach zerbrach. Die Aufnahmen dafür wurden zwischen dem 1. und dem 7. Oktober 1989 angefertigt, Premiere feierte der Film am 6. Oktober 1990.
Dafür verantwortlich war der Regisseur Thomas Heise, der nach der Veröffentlichung zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilmer Deutschlands wurde. Noch heute gilt „Imbiß Spezial“ als einer der wichtigsten Filme der Wendezeit.
Aber: Was macht den Streifen so besonders? Es sind die Kontraste, die hier abgebildet werden. Gezeigt wird der Alltag von Mitarbeitern am „Schnellbuffet“ der Mitropa im Bahnhof Lichtenberg, der in den 80er-Jahren der wichtigste Fernbahnhof in Ost-Berlin war.
Das Lokal im Untergeschoss des Bahnhofs war einer von mehreren Läden, an denen die Reisenden hier versorgt wurden. Der Film zeigt, wie die Mitarbeiter im scheinbar tristen Alltag ihrer Arbeit nachgehen, wie sie Bier und Brause ausschenken, wie sie in riesigen Töpfen Würste warmmachen und prüfen, ob die Kasse stimmt.

Unterlegt sind die Bilder allerdings mit Tonaufnahmen aus Nachrichtensendungen der DDR – hier wird unter anderem über die erfolgreichen Vorbereitungen zum 40. Jahrestag der DDR berichtet. Doch zwischendurch kommen immer wieder die Mitarbeiter des „Schnellbuffet“ zu Wort. Ihre Statements sind so eingebaut, dass man glaubt, ihre Gedanken hören zu können, während man sie bei der Arbeit beobachtet – und das, was sie erzählen, steht in krassem Kontrast zu Jubel und Propaganda der DDR-Regierung.
Junger Mann glaubte lange an das System der DDR
So werden die Errungenschaften der DDR bejubelt – doch schon nach Minuten sieht man einen Mitarbeiter der „Schnellbuffet“, der Wiener Würstchen für 1,90 Mark verkauft. „Ich habe daran geglaubt, bis zu einem bestimmten Punkt“, hört man ihn sagen.
„Bis zum Ende des zweiten Lehrjahres habe ich knallhart dran geglaubt.“ Doch viele seiner Freunde seien abgehauen aus dem Osten. „Ich habe inzwischen Post aus Gießen bekommen. Aber der eigentliche Freundeskreis ist sehr eingeschrumpft.“

Doch der junge Mann, dessen Name in „Imbiß Spezial“ geheim bleibt, will in der DDR bleiben, sagt er. „Wir sind eigentlich zu der Meinung gelangt, dass wir hierbleiben. Erstens ist es dermaßen spannend, was hier passiert in den nächsten Jahren.“ Und außerdem sei er was in der DDR. „Drüben im Westen wäre ich ein Ost-Türke. Keinen Bock drauf.“ Der gleiche junge Mann kommt später noch einmal zu Wort – und berichtet, dass auch seine Mutter schon abgehauen sei.
Sein Vater habe ihn mit einem Brief von der Mutter überrascht. „Dass Sie heute rübergefahren ist, dass das Auto da und da steht, der Schlüssel im Handschuhfach liegt.“ Sie habe in der Abteilung Volksbildung im Bezirk Marzahn gearbeitet – und seit ihrer Flucht wurde das Thema in der Familie weitgehend totgeschwiegen.
Imbiss-Mitarbeiter zur DDR: „Man müsste dieses ganze System umorganisieren“
Auch ein anderer Mitarbeiter beklagt sich zwischen den eingespielten Jubel-Meldungen über die DDR. „Man müsste dieses ganze System umorganisieren. Dazu müsstest du mit den Leuten anfangen, die sich gesundstoßen oder gesundleben aufgrund der Tatsache, dass das System so funktioniert, wie es jetzt funktioniert.“ Doch diese Leute kriege man nicht weg. „Weil die so fest in ihren Sesseln sitzen, auf ihren Positionen und auf ihren dicken Ärschen, dass sie sich nicht mehr rühren, nicht mehr rühren brauchen.“
Eine ältere Mitarbeiterin fragt sich, warum so viele junge Menschen aus der DDR abhauen – und zeigt sich selbst froh darüber, drei Viertel des Lebens überstanden zu haben. „Das letzte Viertel schaffen wir auch noch.“ Es sind Aufnahmen, die verdeutlichen, wie groß die Unzufriedenheit war – und wie groß der Kontrast zum offiziellen Bild, das die DDR verkörpern wollte. Der Film endet mit Aufnahmen des Fackelzuges am Abend des 6. Oktobers vor dem 40. Jahrestag der DDR und dem groß über den Bildschirm gelegten Wort „ENDE“.
Film zeigt Sorgen und Nöte der Menschen in der DDR
Der 27 Minuten lange Film ist ein besonderes Zeugnis des Endes der DDR – und zeigt die Sorgen und Nöte der Menschen in der damaligen Zeit im vermeintlich kleinen Kosmos der Mitropa-Bahnhofsgaststätte, die zugleich Heimat für Menschen von überall ist.

Der Regisseur Thomas Heise, der den Film schuf, absolvierte eine Ausbildung an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Wegen eines zu kritischen Abschlussfilms wurde ihm aber der Abschluss verwehrt. Er arbeitete freiberuflich als Filmemacher und begann 1987 ein Meisterstudium an der Akademie der Künste.


