Es ist eine nahezu sensationelle Meldung – zumindest für heutige Verhältnisse: Zukünftig soll es in den Bordbistros der Deutschen Bahn Pizza geben. Was heute gefeiert wird, kann vielen, die schon zu DDR-Zeiten mit dem Zug fuhren, nur ein müdes Lächeln entlocken. Denn die Restaurants der Mitropa gehörten zu den kulinarischen Berühmtheiten des Ostens. Vor allem die Speisewagen der Reichsbahn in der DDR waren beliebt. Was gab es damals in der Mitropa?
Speisewagen waren kulinarische Hotspots der DDR
Die Mitropa – die Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktien-Gesellschaft – war ein Unternehmen, das sowohl Schlaf- und Speisewagen, als auch Bahnhofsgaststätten und Autobahnraststätten in der DDR betrieb. Gegründet wurde das Unternehmen schon lange vor der DDR: 1916 erblickte die Mitropa das Licht der Welt. Nach 1945 wurde dann auch der Betrieb der Speisewagen in Ost und West aufgeteilt. Die Bundesrepublik gründete die Deutsche Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft (DSG), die DDR führte die Mitropa weiter.
Während sich die Deutsche Bahn heute für Pizza feiert, gehörte die kulinarische Versorgung in den Zügen der Deutschen Reichsbahn zu DDR-Zeiten dazu – und war bei den Reisenden besonders beliebt. Der Grund: Damals kamen in den Zügen nicht nur aufgewärmte Snacks auf den Teller. „Es wurde richtig gekocht. Es gab eine richtige Küche, es war ein Koch dabei“, erinnerte sich Michael Mettke (72) aus Thüringen, der zu DDR-Zeiten als Kellner im Speisewagen arbeitete, dem MDR.
In der DDR wurde in den Speisewagen noch gekocht
Die Gerichte, die in der DDR in den Speisewagen der Mitropa auf der Karte standen, seien zwar teilweise vorbereitet und halbfertig gewesen – trotzdem landeten frische Gerichte auf den Tellern der Reisenden. Zu vergleichen sei die Küche mit der Kombüse auf einem Boot gewesen. Sie war winzig klein, bot eigentlich nur Platz für einen Koch, ein zusätzlicher Hilfskoch kümmerte sich um den Abwasch. Dazu kamen zwei Kellner, die die Reisenden versorgten. Mettke, der jahrelang bei der Mitropa arbeitete, nachdem er seine Ausbildung in der Mitropa-Gaststätte am Leipziger Hauptbahnhof absolviert hatte, gehörte dazu.

Er weiß, wie groß der Ansturm auf die beliebten Speisewagen damals war. Das lag nicht nur am Essen, sondern auch am Bier. Denn: „In der Mitropa wurde nur Radeberger verkauft, das gab es damals nur ganz wenig“, sagte er dem MDR. Wenn die Züge losfuhren, gab es oft einen riesigen Ansturm – schon nach kurzer Zeit waren Hunderte Flaschen, die zuvor geladen wurden, verkauft gewesen.
Radeberger war in den Speisewagen der Mitropa beliebt
Die Züge wurden auf den Bahnhöfen beladen, die Produkte in den Speisewagen der Mitropa dann in den ersten zehn bis 15 Minuten der Fahrt verstaut. „Dann wurde die Tür geöffnet – und dann ging das Theater los“, sagt der ehemalige Kellner. Schon da standen aber etliche Menschen Schlange.
Im Speisewagen selbst gab es nur 34 Plätze, die wurden freigehalten für alle, die essen wollten. Das Flaschenbier wurde aber sowieso mit ins Abteil genommen. „Das war alles doch relativ anstrengend, aber auch lustig“, erinnerte sich der Rentner im Gespräch. Die Angestellten nahmen den Stress aber gern auf sich. Der Grund: Die Kellner seien damals am Umsatz beteiligt worden, freuten sich deshalb über solche hohen Verkaufszahlen.

Und was kam in den Speisewagen der Mitropa auf den Tisch? Das zeigen alte Speisekarten noch heute. Eine Karte aus den 70er-Jahren zeigt das riesige Angebot. Es gab etwa eine Pikante Gulaschsuppe für 60 Pfennig, ein Paar Wiener Würstchen mit Brot für 1,05 Mark, Schaschlik mit Currysoße und Brot für 2,05 Mark und „Kutschergulasch“ – Gulasch mit zwei halben Eiern, Wiener und Gurke) für 2,95 Mark. Auch bei den kalten Speisen war die Auswahl riesig – von der Dose Landleberwurst mit Butter und Brot für 1,45 Mark bis zur dose Ölsardinen mit Zitrone und Weißbrot für 2,75 Mark.
Auch Frühstücken konnten die Reisenden in den Zügen – eine Portion Rührei mit Brot, Butter und Getränk kostete je nach ausgewähltem Getränk (Tee, Kakao, Kaffee) zwischen 2,35 Mark und 3,60 Mark. Das kleine Frühstück mit Zwieback, Butter und Konfitüre kostete zwischen 1,45 Mark und 2,70 Mark. Für später dann natürlich das Bier: Die Flasche Radeberger war für 1,25 Mark zu haben. Dazu gab es Weine aus Bulgarien, ungarischen Wermut und Rotkäppchen-Sekt (eine halbe Flasche für 10,35 Mark).
Speisekarte der Speisewagen der Mitropa aus der DDR
- Frühstücksgedeck 1 (Portion Butter, Konfitüre, Zwieback und verschiedene Brotsorten, dazu ein Kaffee) 2,70 Mark
- Frühstücksgedeck 2 (Portion Setz- oder Rühreier naturell, Portion Butter, verschiedene Brotsorten, dazu ein Kaffee) 3,60 Mark
- Frühstücksgedeck 3 (Gemischter aufschnitt, Butter, verschiedene Brotsorten, dazu ein Kaffee) 4,90 Mark
- Dose Landleberwurst mit Butter und Brot 1,45 Mark
- Dose Mortadella mit Butter und Brot 1,70 Mark
- Drei halbe belegte Brote in Folie verpackt 2,25 Mark
- Käseplatte mit Botter und Brot 2,30 Mark
- Salamiplatte mit Butter und Brot 2,60 Mark
- Schinkenplatte mit Butter und Brot 2,40 Mark
- Aufschnittplatte mit Butter und Brot 3 Mark
- Dose portugiesische Ölsardinen mit Zitrone und Weißbrot 2,75 Mark
- Pikante Gulaschsuppe 0,60 Mark
- Paar Wiener Würstchen mit Brot 1,05 Mark
- Rührei naturell mit Brot 1,35 Mark
- Knacker mit Brot 1,55 Mark
- Schaschlik mit Currysoße und Brot 1,05 Mark
- Bratwurst mit Kartoffelpüree und Krautsalat 2,30 Mark
- Portion Kutschergulasch mit Brot 2,95 Mark
- Tasse Kaffee komplett 0,94 Mark
- Kännchen Kaffee 1,88 Mark
- Kännchen Kaffee, doppelt stark 3,60 Mark
- Limonade 0,29 Mark
- Club-Cola 0,50 MarkBitterlemon 0,80 Mark
- Berliner Pilsner Spezial 1,50 Mark
- Radeberger Pilsner 1,25 Mark
- Deutsches Pilsner 1,13 Mark
- Flasche Klosterkeller Weißwein, Bulgarien 7,30 Mark
- Flasche Cabernet, Bulgarien 7,85 Mark
- Rotkäppchen Sekt ½ Flasche 10,35 Mark
- Wodka 1,70 Mark

Eine Karte aus den 50er-Jahren zeigt das riesige Angebot. Die Preise sind aber noch in Deutscher Mark (DM) angegeben, weil die Mark der DDR erst später eingeführt wurde. Hier gab es neben Tomatensuppe „Andalusische Art“ für 70 Pfennig und Schweineschnitzel mit Mayonnaisensalat für 2,20 DM auch Elbflorenz-Schokolade für 1,53 DM und Halbbitter-Schokolade von Halloren für 4,80 DM.
Auch Zigarren und Zigaretten gab's bei der Mitropa
Spannend: Sogar Tabakwaren wurden verkauft! In der Karte des Speisewagens fanden sich Zigaretten in den Preislagen von 0,10 bis 0,24 DM, Zigarren in den Preislagen von 0,30 DM bis 0,80 DM und eine Schachtel Zündhölzer für 0,10 DM. Und heute macht die Deutsche Bahn Wirbel um die Pizza im Bordbistro? Darüber können viele Menschen, die die Speisewagen der Mitropa noch kennen, nur müde lächeln …
Erinnern Sie sich noch daran, was in den Speisewagen der Mitropa auf den Tisch kam? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!






