Die DEFA schuf zu DDR-Zeiten unzählige Filme – von Märchen wie „Das Feuerzeug“ über Jugendfilme wie „Sieben Sommersprossen“ bis hin zu ernsthaften Produktionen wie „Fünf Patronenhülsen“. Doch nicht nur Spielfilme standen bei der Filmgesellschaft der DDR auf dem Programm. Auch Dokumentationen wurden produziert. Sie hielten damals den Alltag in der DDR fest – und sind heute ein spannendes historisches Zeugnis über das Leben der Menschen. Eine Kurzdoku machte die DEFA jetzt wieder öffentlich. Hier ist zu sehen, wie es Jugendlichen zu DDR-Zeiten erging. Damals wurde nicht um Smartphones gestritten. Sondern um Schrankwände!
DDR-Doku nach 47 Jahren neu veröffentlicht
Der kurze Film „Jugend-Zeit … in der Stadt“ von 1979 wurde jetzt erneut veröffentlicht – 47 Jahre nach dem ersten Erscheinen. Der gerade einmal 17 Minuten lange Streifen gibt Einblicke in die Welt von Jugendlichen, die in der DDR in Ost-Berlin aufwuchsen. Und zeigt, mit welchen Gedanken sie sich in ihrem Alltag beschäftigten.
Der Schwarzweiß-Film entstand im DEFA-Studio für Dokumentarfilme, Regie führte Doku-Regisseur Roland Steiner, der sich vor allem mit Jugenddokumentationen (u.a. „Unsere Kinder“, „Jugendwerkhof“) einen Namen machte.
Der Film „Jugend-Zeit … in der Stadt“ ist schlicht, aber gerade deshalb so schön: Er dreht sich um Jugendliche, die zusammensitzen und über verschiedene Dinge aus ihrem Alltag diskutieren. Es geht um den Übergang von der Schule in die Lehre, für die Verantwortung, die mit eigenen Kindern einherkommt – und darum, wie die jungen Menschen ihr zukünftiges Leben gestalten wollen.
Wie unterschiedlich die Meinungen sind, zeigt unter anderem eine Diskussion über eine Schrankwand.

„Wir haben gedacht, wir nehmen ‘ne Schrankwand, weil wir da das meiste unterkriegen“, sagt eine junge Frau, die mit ihrem Freund gerade die erste gemeinsame Wohnung einrichtet. „Ein anderer, der baut sich da vielleicht fünf Fächer hin und kriegt vielleicht dasselbe unter. Aber wir haben gedacht: Das reicht für später noch.“
Mit einer Schrankwand sei man für die Zukunft bestens gerüstet. „Wir können daraus was machen.“ Da geht eine andere junge Frau dazwischen. „Damit sagst du also, dass du später so leben willst, wie alle anderen Leute auch leben.“
DDR-Jugendliche fühlt sich zu früh für eine Schrankwand
Eigentlich habe sie mal gesagt, sie wolle nicht so leben wie alle anderen. Nun wolle sie sich aber schon in jungen Jahren eine Schrankwand hinstellen. „Es scheint mir so: Du kommst dem Alter immer näher damit! Ich finde, das ist schon ein erster Schritt dazu.“ Sie selbst würde sich mit einer Schrankwand jetzt noch nicht wohlfühlen, sagt sie. Schrankwand oder nicht – das ist hier die Frage. Doch der Film zeigt noch andere Schwierigkeiten beim Übergang ins Erwachsenenalter.
So geht es auch um das Ende der Schule, den Übergang in die Lehre – und die Folgen. „Die Lehre ist was ganz anderes als die Schule. Man musste sich umstellen, aber schöner finde ich es trotzdem“, sagt eine junge Frau. Man sei jetzt wer, werde mehr gefordert – und nicht immer als Schulmädchen abgestempelt.
Ärgerlich findet sie, dass man immer belehrt wird. Erzähle man etwa Bekannten oder den Eltern, was man mit dem Lehrmeister erlebt hat, komme als Reaktion oft, dass sich im Kapitalismus niemand trauen würde, so mit dem eigenen Lehrmeister zu sprechen. „Aber ich lebe im Sozialismus und erwarte von der sozialistischen Gesellschaft und von meinem sozialistischen Lehrmeister, dass er sich sowas gefallen lässt.“
Auch in der DDR bringt die Arbeit neue Herausforderungen
Wenn man dem Lehrmeister auch mal was sagen könne, mache das die Situation angenehmer. „Wenn man dem anders gegenübersteht, als der Lehrling im kapitalistischen Betrieb, der so ein Stift ist und einholen muss und so.“ Doch die Zeit in der Lehre bringt auch Probleme. Ein Mädchen berichtet von den Sorgen im Schichtdienst – und davon, dass während der Arbeit nicht mehr viel Freizeit bleibt. Nach der Nachtschicht gehe es direkt ins Bett, nach dem Aufwachen dann wieder fast nahtlos zur Arbeit. „Da habe ich nicht viel von der Woche.“

Für andere markiert etwas anderes den endgültigen Übergang in die Welt der Erwachsenen: die eigenen Kinder. „Die Jugendzeit ist dann zu Ende, weil man Kinder in die Welt setzt“, sagt ein junger Mann. „Da ist die Freizeit so beschränkt, da hat man gar nicht mehr so viel Zeit, sich auszulassen.“ Ein anderes Mädchen hält dagegen. „Da gilt immer noch das Sprichwort: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Und das hat nichts mit den Kindern zu tun.“
Abgerundet wird die kurze Doku von Bildern der Jugendlichen – wie sie knatternd auf ihren Mopeds durch die Stadt fahren, wie sie in einer verrauchten Diskothek zu „Am Fenster“ von Citys tanzen.
Film zeigt die Gedankenwelt der Jugend in der DDR
Der kurze Film bietet einen tollen Einblick in die Gedankenwelt und den Alltag der Jugendlichen zu DDR-Zeiten – reinschauen lohnt sich. Bei einigen werden Erinnerungen an längst vergangene Zeiten geweckt. „Wie erwachsen die schon gewirkt haben. Worüber die sich Gedanken gemacht haben“, schreibt ein Nutzer. „Um ehrlich zu sein, macht mir der Film wirklich Sehnsucht nach der damaligen Zeit. Ich habe es ja auch miterlebt. Und bin da verwurzelt.“
Ein anderer: „Die Sprache, die Mode, die Ansichten, die Musik, die Orte. Ich habe dieses Land nicht mehr erlebt. Aber diese Filme sind so wichtig, um eine Ahnung von dem zu bekommen, was damals war.“



