Sachsen verstecken Dialekt

Kabarettist Tom Pauls: „Wollen nicht als Ostdeutsche identifiziert werden“

Sächsisch gilt als unsexy, viele Sachsen verstecken den Dialekt. Kabarett-Star Tom Pauls verriet dem KURIER, warum er „geheescht und gepfleescht“ werden sollte.

Author - Florian Thalmann
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Tom Pauls ist einer der bekanntesten sächsischen Kabarettisten - und setzt sich auch für den Erhalt und die Pflege der sächsischen Sprache ein.
Tom Pauls ist einer der bekanntesten sächsischen Kabarettisten - und setzt sich auch für den Erhalt und die Pflege der sächsischen Sprache ein.Robert Jentzsch/zVg

Wenn es um beliebte und unbeliebte Dialekte geht, landet einer so gut wie immer auf den letzten Plätzen: Sächsisch! Die Mundart, die im Freistaat auch im Alltag noch recht oft durchkommt, wird als unsexy beschrieben – und wenn sie öffentlich nachgeäfft wird, wird damit der Osten veräppelt. Aber: Warum ist das so? Der sächsische Kabarett-Star Tom Pauls (67) hat den Dialekt zu seinem Markenzeichen und dem seiner Figuren gemacht – und kämpft dafür, dass das Sächsisch lebendig bleibt und „geheescht und gepfleescht“ wird.

Sachsen verstecken ihren Dialekt, sagt Tom Pauls

Denn gehegt und gepflegt wird der sächsische Dialekt leider nicht immer. „Viele Sachsen verschweigen ihre Muttersprache, weil sie nicht als Ostdeutsche identifiziert werden wollen“, sagt Tom Pauls dem KURIER. Die Ablehnung des Sächsischen sei historisch gewachsen, die Sachsen schon lange die Lachnummer der Nation gewesen. „Das hat auch damit zu tun, dass unser Dialekt einfach anders ist. Die genormte Sprache der Deutschen ist die harten, preußische Befehlssprache. Sächsisch ist aber eher eine Sprache, die versöhnerisch ist, die weich ist und die vom Klang her sogar ins Französische geht.“

Auch andere negative Einflüsse haben die Ablehnung gegen den Dialekt bestärkt. Dazu gehört auch Walter Ulbricht, der unter anderem Vorsitzender des Staatsrats der DDR war. Er sprach sächsischen Dialekt – und hat als gehasster Politiker dazu beigetragen, dass Sächsisch in den Ohren vieler eher negativ klingt.

Doch der Trend kehrt sich um, sagt Tom Pauls: „Seit einiger Zeit entwickelt sich wieder ein bestimmter Stolz auf die Identifikation. Auch junge Leute fangen auf einmal wieder an zu sächseln.“ Er selbst merkt es, wenn er sich durch seine Heimat Sachsen bewegt: Sogar Kinder, die eigentlich gar nicht mit Pauls aufgewachsen sind, sprechen ihn an. „Die sagen dann, die Omi hat schon so gesprochen und die Tante“, sagt Pauls. Sie verbinden den Dialekt mit Heimat.

Tom Pauls in seiner Paraderolle als Ilse Bähnert im Programm „Ilse Bähnerts Tubamania“.
Tom Pauls in seiner Paraderolle als Ilse Bähnert im Programm „Ilse Bähnerts Tubamania“.Robert Jentzsch

Auch deshalb sind Tom Pauls und seine Kunst so populär: Der Dialekt gehört zu seinen Markenzeichen. Doch natürlich kann er auch Hochdeutsch! Pauls war vor der Wende jahrelang im Ensemble des Staatsschauspiel Dresden engagiert. Seit 1990 arbeitet der heute 67-Jährige als freischaffender Kabarettist – und befasste sich auch mit der Frage, wie er denn nun eigentlich ist, der Sachse. „Man muss den Leuten das doch erklären“, sagt er. Er stieß auf die sächsische Schriftstellerin und Mundartdichterin Lene Voigt, die den Sachsen den Spiegel vorhielt, „mit aller Liebenswürdigkeit und Kritik“.

Liebe zum sächsischen Dialekt kehrt zurück

1990 schrieb er sein erstes sächsisches Programm, „Sächsische Variationen“ – und schuf die Figur der Ilse Bähnert. Eine Oma, die zu seiner Paraderolle wurde. „Sie ist genauso, wie wir Sachsen sind, helle, aber ooch bissl heemtücksch.“ Noch heute ist sie Kult, vor allem aufgrund des Dialekts. Man sieht es am Herzensprojekt von Tom Pauls.

Direkt am Marktplatz in der sächsischen Kleinstadt Pirna eröffnete er 2011 das „Tom Pauls Theater“, in dem er seine Programme spielt. Wenn Tickets verkauft werden, stehen lange Schlangen vor dem Haus, bis heute werden die Karten vor allem für die Programme mit Ilse Bähnert behandelt wie Goldstaub.

Tom Pauls gründete auch die Ilse-Bähnert-Stiftung, die jedes Jahr die Wahl zum sächsischen Wort des Jahres übernimmt. Einer seiner Beiträge zum Erhalt des sächsischen Dialekts.
Tom Pauls gründete auch die Ilse-Bähnert-Stiftung, die jedes Jahr die Wahl zum sächsischen Wort des Jahres übernimmt. Einer seiner Beiträge zum Erhalt des sächsischen Dialekts.Robert Jentzsch

Inzwischen gibt es auch die Ilse-Bähnert-Stiftung – hier leistet Tom Pauls einen Beitrag dazu, dass der Dialekt „geheescht und gepfleescht“ wird. Jedes Jahr am 3. Oktober wird das sächsische Wort des Jahres gewählt. „Und außerdem zeichnen wir ein beliebtes Wort und ein vom Aussterben bedrohtes aus. 2025 wurde etwa „Rabusche“ zum Sieger gewählt – der Begriff bezeichnet eine Unordnung. Etwas ist „in die Rabusche“ gekommen, wenn man es verlegt hat.

Hornzsche und Dämse: Diese Wörter liebt Tom Pauls

Im Jahr davor war es die „Hudelei“, ein sächsischer Begriff für Durcheinander oder Ärger. Und davor wiederum wurde „budzsch“ gewählt – das beschriebt das etwas seltsame Verhalten einer Person. Wenn etwas merkwürdig ist, ist es in Sachsen oft „bissl budzsch“. Tom Pauls hat selbst einige Lieblingswörter. Er mag etwa „bomforzionös“ – es bedeutet so wie viel „großartig“. – und „Tschitscheriengrien“, die Bezeichnung für einen schillernden und ganz besonderen Grünton.

„Das Sächsische ist auch deshalb toll, weil es Wörter gibt, für die es nicht mal einen deutschen Begriff gibt“, sagt Pauls. Sein Beispiel ist „Hornzsche“, ein Begriff für eine minderwertige Behausung, etwas zwischen Abstellkammer und Bruchbude. Und auch die „Dämse“ gehört dazu. Das Wort bezeichnet eine feuchte, schwüle und drückende Hitze. „Dafür gibt es keinen klaren hochdeutschen Begriff“, sagt Pauls. „Aber wenn in Sachsen jemand sagt: ,Hier is eene Dämse!‘, dann weiß jeder, was gemeint ist.“

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Gabriele Hanke/imago
Tom Pauls und sein Theater
Alles über Tom Pauls und seine Programme finden Sie auf der Website des Tom Pauls Theaters in Pirna. Erleben können Sie den Kabarettisten unter anderem beim Konzert „Die säk’sche Loreley“ mit Tom Pauls und der Elblandphilharmonie Sachsen in der Felsenbühne Rathen (9. August 2026, 17 Uhr) und beim Neujahresempfang von Ilse Bähnert im Kulturpalast Dresden (3. Januar 2027, 16 Uhr). Für beide Veranstaltungen gibt es noch Karten.

Tom Pauls: Sächsisch im Schulunterricht wäre schön

Das sächsische Wort des Jahres soll auch einen Beitrag zum Kampf gegen das Aussterben der sächsischen Sprache leisten. „Wir müssen sie unbedingt erhalten“, sagt Tom Pauls. „Der Dialekt gehört zur Identität eines Volkes genau wie Tänze, Lieder und Bräuche.“

Schön wäre es, wenn man Sächsisch auch mehr in den Schulunterricht einbauen würde, ihn vielleicht im Deutschunterricht zum Thema machen – „und zwar nicht nur als abschreckendes Beispiel“, sagt er und lacht. Doch auch bei dem Kabarettisten kennt die Liebe zum Dialekt Grenzen. „Im Geschäftsbetrieb hat das meiner Meinung nach nichts verloren. Das ist in anderen Regionen ja auch so.“

Zum Glück sieht es aber nicht so aus, als sei das Sächsisch totzukriegen. Denn erfreulich ist: Die Sprache entwickelt sich auch weiter. „Zur Corona-Zeit sprach mich beim Einkaufen jemand an: Herr Pauls, ich hab Sie ooch mit Schnudendäggl erkannt.“ Schnutendeckel – damit war die Maske gemeint. Plötzlich war ein neues Wort geschaffen. „Ist das nicht herrlich?“ Genau genommen ist es im ersten Moment vielleicht bissl budzsch – aber für alle, die das Sächsische lieben, ist es eigentlich ziemlich bomforzionös.

Was halten Sie vom sächsischen Dialekt? Schicken Sie uns Ihre Meinung per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!