Manchmal schrieben meine Schwester und ich Wunschzettel, die wir unserer Oma aus dem Westen mitgaben. Und dann warteten wir. Auf den Postboten, der das Gewünschte mitbrachte. Das Westpaket roch anders. Nach Fa-Seife, Jacobs-Kaffee und Sarotti-Schokolade, nach Westen. Doch nicht jedes Paket, das in der DDR ankam, wurde wirklich mit Liebe von den Verwandten im Westen gepackt. Der faule Wessi, dem das Schenken eine Last war und der es sich einfach machen wollte, konnte die Pakete auch per Genex bestellen und verschicken lassen. Was das damals kostete:
Jedes Jahr wurden 25 Millionen Westpakete in die DDR verschickt
Die Paketboten in Ost und West hatten mit dem innerdeutschen Postverkehr viel zu tun. Jährlich gingen rund 25 Millionen Pakete und Päckchen über die innerdeutsche Grenze. Der Gesamtwert der Sendungen betrug 1988 rund 4,3 Prozent des Einzelhandelsumsatzes der DDR, recherchierte der Kultursoziologe Bernd Lindner für sein Buch „Das Westpaket“. Der Durchschnittswert eines Westpakets soll damals 197 D-Mark betragen haben, berichtete der Spiegel.
Und die Pakete wurden bei denen aus dem Osten, die Westverwandte hatten, heiß erwartet. „Bereits Wochen vor Weihnachten waren meine Schwester und ich voller Vorfreude, wir wussten, Tante Uschi wird uns auch in diesem Jahr ein Westpaket zu Weihnachten schicken. Trotz großer Bemühungen meiner Eltern, uns Kindern zu Weihnachten eine Freude zu bereiten – ohne Westpaket war das Fest gelaufen“, erzählt Simone Uthleb, Pressesprecherin des DDR-Museums in Berlin-Mitte.

Verschickt wurde natürlich all das, was in der DDR Mangelware oder gar nicht zu bekommen war. Von der Feinstrumpfhose über Jeans bis hin zu Sarotti-Schokolade, Jacobs-Kaffee, Nivea-Creme oder Parfüm von 4711. Manches war verboten (Zeitschriften, Bücher), manches limitiert.
Bürokratie konnte auch die DDR. Penibel legten Verordnungen fest, was in die DDR geschickt werden durfte. Da hieß es zum Beispiel: „Genussmittel unterliegen folgenden mengenmäßigen Beschränkungen: 250 g Kaffee (roh, gebrannt, gemahlen, gemischt); 250 g Kakao (auch gemischt); 125 g Tee; 300 g Schokolade in Tafeln oder in sonstiger Form (auch gefüllt oder mit Beimischungen); 50 g Tabak oder Tabakerzeugnisse.“
Doch diese Beschränkungen wurden flexibel ausgelegt – je nach wirtschaftlicher Lage der DDR. Während der weltweiten Kaffeekrise in den 70er-Jahren wies die DDR-Führung den Zoll an, über Limits großzügig hinwegzusehen. Jedes Pfund Kaffee, das kostenlos im Osten ankam, ersparte der DDR Devisen für den Kaffeeankauf. Rund 11.000 Tonnen Röstkaffee sollen so pro Jahr verschickt worden sein.

Ansonsten aber wollte die DDR ganz genau wissen, was da so in den Osten geschickt wurde. Jedem Paket musste eine Inhaltsliste beiliegen, die vom DDR-Zoll penibel überprüft wurde. Die Pakete wurden geröntgt und bei Verdacht geöffnet. Die Stasi guckte genau hin.
Deshalb wurde versucht zu tricksen. Medikamente wurden häufig in Haribo-Tüten getarnt, Schmuck in Kuchen eingebacken oder Geldscheine hinter Stanniolpapier von Schokoladentafeln versteckt, heißt es in einem Text des Bundesarchivs für politische Bildung.
Auch BRD-Geheimdienste schnüffelten in den Paketen
Das Misstrauen jedoch war gegenseitig: Auch die Geheimdienste der BRD hatten es auf die Pakete abgesehen und schauten nach. Begründung: Spionageabwehr. Aber: Die Überprüfungen stellten auch in der Bundesrepublik eine Verletzung des Postgeheimnisses nach Artikel 10 des Grundgesetzes dar.
Manchem im Westen war deshalb das Bohei um Pakete zu viel, nicht wenigen war der Aufwand mit den armen Verwandten im Osten aber auch eine lästige Last. Das nutzte die DDR aus, um an den Westpaketen mitzuverdienen. Denn in den sogenannten Genex-Katalogen wurden gleich fertige Westpakete angeboten.

Genex war die Abkürzung für Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH. Eine Stasi-Firma von Schalck-Golodkowski, um im Auftrag der SED Devisen zu scheffeln – direkt in die Kassen der SED. Für D-Mark bekam man hier alles, was in der DDR rar oder gar nicht zu bekommen war. Die Genex-Kataloge waren dafür da, dass Westdeutsche ihren Verwandten in der DDR Geschenke zukommen lassen konnten.
So teuer waren die Westpakete aus dem Genex-Katalog
Dutzende vorgepackte Pakete (Werbung: „Postgebühr & Verpackung bezahlt Genex“) wurden angeboten, um dem faulen Wessi Einkauf, Verpacken und Versand abzunehmen. Und die Stasi freute sich.
1989 kostete das teuerste Westpaket (Nr. 13), das im Katalog als Wunschpaket angepriesen wurde, 179 D-Mark – voll mit 50 Produkten. Neben 4 Päckchen Kaffee, 2 Packungen Lord-Extra-Zigaretten, 6 Dosen EKU-Bier, Bols Alter Weinbrand und Henkell Fürst von Metternich Sekt wurden unter anderem 4711 Eau de Cologne, 2 Stück Lux-Seife, Nivea Creme, 3 Dosen Ölsardinen, eine Dose Würstchen, 2 Tafeln Kinderschokolade und 1 Toblerone verschickt.
Eine Sparvariante (Nr. 3) wurde für 39 D-Mark angeboten. Dafür dürfte der Inhalt für manchen Empfänger umso enttäuschender gewesen sein. Neben zwei Päckchen Kaffee gab es hier nur vier Dosen Ananas, zehn Päckchen Sahnesteif und zwölf Päckchen Tortenguss von Dr. Oetker. Noch billiger war Paket Nr. 21. Viermal Kosmetik für 23 D-Mark (Feuchtigkeitsmilch, Pflegebad, Pflegedusche und Hautpflege von Ponds).



