Nahverkehr in der Hauptstadt

Fahrkartenautomaten in Berlin vor dem Aus: Was BVG und S‑Bahn planen

Auf dem Hauptbahnhof hat die Bahn die ersten Automaten abmontiert. Die neue BVG-Straßenbahn hat gar keine Ticketautomaten mehr. Was ist da los?

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Smartphone oder Automat? Immer mehr Menschen kaufen sich ihr Ticket für die BVG oder der S-Bahn über das Handy. Daher sollen die Ticketautomaten weg.
Smartphone oder Automat? Immer mehr Menschen kaufen sich ihr Ticket für die BVG oder der S-Bahn über das Handy. Daher sollen die Ticketautomaten weg.Emmanuele Contini/imago

Es gibt sie noch – doch bald sollen sie verschwinden: die Fahrkartenautomaten bei BVG und  S‑Bahn. Zum Ärger der Fahrgäste, die die Öffis nur gelegentlich nutzen und daher keine teuren Abo-Tickets besitzen. Zwar redet noch keiner über konkrete Maßnahmen, aber die Vorbereitungen laufen bereits, die Ticketautomaten verschwinden zu lassen – vor allem aus Kostengründen. Der Berliner Fahrgastverband IGEB ist über diese Entwicklung nicht erfreut.

BVG: XXL-Straßenbahn fährt ohne Ticketautromat

Bestes Beispiel ist derzeit der sogenannte Urbanliner, die XXL-Straßenbahn der BVG. Weil sie zu schwer für den Alexanderplatz ist, kommt die neue Super-Tram von Berlin noch immer nicht zum Einsatz. Der Zulassungsprozess läuft noch. Im Mai soll es neue Informationen geben, wann die XXL-Straßenbahn endlich auf der Linie M4 fahren wird.

Fakt ist: Sollte die neue Straßenbahn noch in diesem Sommer starten, werden die bis zu 300 Passagiere, die in so einer 50 Meter langen und 2,40 Meter breiten Tram Platz haben, keinen Fahrkartenautomaten finden. Das ist keine Panne. Das „Vergessen“ der Fahrkartenautomaten in den neuen Urbanliner-Bahnen ist pure Absicht.

Die neue XXL-Straßenbahn der BVG: Sie ist nicht nur zu schwer für Berlin. Es fehlen im Innern auch die Fahrkartenautomaten. Und das ist Absicht.
Die neue XXL-Straßenbahn der BVG: Sie ist nicht nur zu schwer für Berlin. Es fehlen im Innern auch die Fahrkartenautomaten. Und das ist Absicht.Peter Neumann/Berliner Zeitung

Bei der BVG ist zu hören, dass dies mit dem heutigen Nutzungsverhalten der Fahrgäste zu tun habe. Im gesamten Straßenbahnnetz würden im Durchschnitt pro Tag und Straßenbahn nur noch sieben Tickets verkauft, heißt es. Soll das seitens der BVG wenig klingen, ist es aber nicht.

Laut BVG gibt es über 500 Fahrkartenautomaten in den Straßenbahnen. Werden an diesen täglich sieben Tickets verkauft, macht das im Jahr fast 1,3 Millionen Fahrscheine. Geht man davon aus, dass es alles Einzelfahrscheine in Höhe von 4 Euro sind, kassiert die BVG damit jährlich rund 5,1 Millionen Euro. Klingt nicht gerade wenig.

BVG: Sieben Tickets wrden täglich in jeder Tram gekauft

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben erklärt man, entlang der Strecke der M4, wo der Urbanliner zunächst eingesetzt werden soll, habe man das stationäre Vertriebsangebot bereits deutlich ausgebaut, weil die neue XXL-Straßenbahn keine Fahrscheinautomaten hat.

Einer von 500 Fahrkartenautomaten, die in den Straßenbahnen der BVG eingebaut sind.
Einer von 500 Fahrkartenautomaten, die in den Straßenbahnen der BVG eingebaut sind.Berlinfoto/imago

Aber man erklärt auch, dass den Fahrscheinautomaten nicht mehr die Zukunft gehöre. Der Ticketkauf im ÖPNV laufe inzwischen überwiegend digital über Online- und App-Angebote.

Was man aber nicht sagt: Man lässt den Fahrgästen auch keine andere Möglichkeit mehr. So wurde 2024 in den Bussen der BVG der Verkauf von Fahrscheinen eingestellt.

Mitfahren kann man nur per Kreditkarte, BVG-Guthabenkarte oder Deutschlandticket. Oder man hält mit seinem Smartphone einen entsprechenden QR-Code an das Lesegerät in den Fahrzeugen.

Wer das alles nicht hat, muss sich sein Ticket vor der Fahrt besorgen. Etwa im Kundencenter – oder an einem Fahrkartenautomaten, von denen die BVG insgesamt knapp 1200 besitzt.

Berliner Bahnchef: Ticketautomaten sollen weg!

Aber die Dinger sollen weg! Daraus macht der Berliner Bahnchef Alexander Kaczmarek (S‑Bahn, Regio) schon längst kein Geheimnis mehr. Laut und deutlich sagte der Manager erst vor Kurzem in einer Talkrunde beim rbb, was er von den Fahrkartenautomaten hält: „Weg damit. Keiner braucht die mehr!“

So wurde bereits im März begonnen, auf den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs in Berlin die Fahrkartenautomaten abzubauen. „Um Vandalismus zu reduzieren“ und „die Station zu entrümpeln“, wie es hieß. Aber auch, weil sie in Zeiten von Deutschland-Ticket und Bahn-Apps „Asbach uralt“ seien.

Er will „die Dinger“ weg! Alexander Kaczmarek, Chef der Deutschen Bahn in Berlin und Brandenburg, szeht im Hauptbahnhof. Im März weurden hier schon Fahrscheinautomaten auf den Bahnsteigen abgebaut.
Er will „die Dinger“ weg! Alexander Kaczmarek, Chef der Deutschen Bahn in Berlin und Brandenburg, szeht im Hauptbahnhof. Im März weurden hier schon Fahrscheinautomaten auf den Bahnsteigen abgebaut.FUNKEFoto Services/imago

Und die Fahrkartenautomaten sind teuer. „Da wird viel Geld verbraten“, so der Berliner Bahnchef Kaczmarek. Ein Fahrscheinautomat für den Bahnsteig kostet bis zu 40.000 Euro, einer für eine Straßenbahn bis zu 15.000 Euro. Mehrere Millionen Euro gibt etwa die BVG für die Instandhaltung und Reparatur solcher Automaten aus.

Ticketautomaten: Millionen-Kosten für Bahn und BVG

Die Kosten könnte man sich sparen – vor allem das landeseigene Unternehmen BVG. Daher befürwortet Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) die schrittweise Abschaffung der Fahrkartenautomaten.

Nur mit Kredit- oder Bahnkarte wie in den BVG-Bussen sollen Fahrgäste auch die anderen Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs benutzen. Nach KURIER-Informationen verfolge die BVG hinter den Kulissen eine solche Vorgehensweise für die Zukunft. Dazu müssten aber alle Unternehmen im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) an einem Strang ziehen. Das ist bisher noch nicht der Fall.

Der Berliner Fahrgastverband IGEB warnt vor genau dieser Entwicklung. Spontane Fahrten, Touristen, ältere Menschen oder Gelegenheitsnutzer seien auf einfach zugängliche Automaten angewiesen, sagt Verbandschef Christftied Tschepe dem KURIER.

Ticketautomaten vorm Aus? Fahrgastverband protestiert

„Die Geräte tragen zur Daseinsvorsorge bei, die Verkehrsunternehmen wie BVG, S‑Bahn und damit auch die Bahn haben“, sagt er. „Wir erwarten, dass jeder Fahrgast zu jedem Zeitpunkt unbeschwert eine Fahrkarte erhalten kann.“

Tschepe sagt weiter: „Verkehrsunternehmen haben auch eine soziale Verantwortung. Und sie müssen anerkennen: Nicht jeder Fahrgast hat ein Smartphone oder will es zum Kauf von Fahrkarten benutzen. Und nicht jeder hat eine Kreditkarte beziehungsweise ein Bankkonto.“

Daher sind Fahrkartenautomaten nach wie vor wichtig, so Fahrgastverbandschef Tschepe. „Schafft man die Geräte ab, grenzt man einen Teil der Fahrgäste vom öffentlichen Personennahverkehr aus.“

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