Das Thema sorgt seit Jahren für Streit. In Berlin werden ganze Kieze regelrecht umgebaut. Während sich manche Anwohner über mehr Ruhe und Sicherheit freuen, fühlen sich andere von den Maßnahmen überrumpelt. Vor allem Gewerbetreibende klagen über massive Einschränkungen.
Wegen Pollern drohen Umsatzeinbußen
Ein Rewe-Supermarkt in der Revaler Straße in Friedrichshain befürchtet aufgrund neuer Poller Umsatzeinbußen. Auto-Kunden müssen nun teilweise weite Umwege fahren. Wenn sie überhaupt noch kommen.
Marcel Templin (45) kennt sich mit diesem Thema aus. Der Anwalt befreite vor drei Jahren die Friedrichstraße vom Auto-Verbot und staunt nun über die Maßnahme im Ostkreuz-Kiez: „Ich hatte immer den Eindruck, dass man sich von den sogenannten Großen fernhält. Man hat die Maßnahmen so zurechtgeschnitzt, dass zumindest ein großer Lebensmittelkonzern oder eine Tankstelle nicht betroffen war. Für mich ist das, was im Ostkreuz-Kiez passiert, eine Premiere – dass man über die Interessen eines großen Lebensmittelkonzerns hinweggegangen ist.“

Der Berliner Anwalt hat in den vergangenen Jahren bundesweit Händler vertreten. Und er hat festgestellt, dass der Ton rauer geworden ist, die Hemmschwelle sinkt: „Ein Gewerbetreibender hat sich in der Zeitung über die Situation beschwert und dann Besuch von jungen Leuten bekommen – im Sinne von: ‚Überleg dir mal ganz genau, wie du hier weitermachst, ansonsten ...‘ Das nimmt natürlich für viele Betroffene eine völlig neue Dimension an.“
Ein Keil wird zwischen die Menschen getrieben
Templin ergänzt: „Die Emotionen kochen hoch, es bestehen Einschüchterungsversuche gegenüber denen, die sich gegen solche Verkehrsmaßnahmen aussprechen.“ Sein Lösungsvorschlag klingt simpel: „Es wäre schön, wenn alle Beteiligten wirklich frühzeitig an einen Tisch kämen und sich in ihrem Kiez gemeinsam Gedanken machen würden, wie man – wenn schon etwas gemacht wird – es besser oder anders gestalten kann. Aber dadurch, dass immer, immer, immer über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden wird, wird ein Keil zwischen die Menschen getrieben.“

Ein Thema emotionalisiere besonders, so Templin: „Bei vielen Menschen ist es mittlerweile so: Sobald sie das Wort Poller nur hören, sehen sie sofort rot. Aus welcher Richtung sie auch kommen. Diese ganzen Poller-Geschichten gehen teilweise zulasten der Nachbarschaften, weil plötzlich keiner mehr miteinander spricht.“
Viele Gewerbemieter finden keinen Nachfolger
Vor allem mit Händlern werde zu wenig gesprochen. Mit Folgen. Sie verlassen die Kieze. Templin: „Ich höre aus der Immobilienwirtschaft, dass die Gewerbemieten sinken, weil für Ladenflächen kein Nachfolger gefunden wird. Die Realität ist, dass Quartiere unter Leerstand leiden.“




