Jutta Olbrisch hat ein ereignisreiches Leben hinter sich – und könnte damit gleich mehrere Bücher mit Geschichten füllen. In ihrer Wohnung in Westerland steht eine Erinnerungsecke mit Medaillen, Urkunden und Fotos von ihren zahlreichen Erfolgen als Weltklasse-Schwimmerin.
Schwimmerin flüchtet aus der DDR – und landet auf Sylt
Das Leben von Jutta Olbrisch bietet aber noch eine andere Seite. Diese zeigt ihre Flucht aus der DDR und wie sie später ausgerechnet nach Sylt kam und dort heimisch wurde.
Familie zieht bereits 1939 nach Zeitz um
Geboren 1939 im ostpreußischen Heilsberg (heute Lidzbark Warmiński), führte der Weg der Familie zunächst nach Zeitz in Sachsen-Anhalt. Dort entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Wasser – und zog es durch, als gäbe es kein Morgen.
„Jeden Abend 2000 Meter, egal bei welchem Wetter“, erinnert sich Jutta Olbrisch im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag.

Jahre des Drills im Sportinternat Halle
Ihr Talent blieb nicht verborgen. 1953 kam sie ins Sportinternat nach Halle – mitten aus der kaufmännischen Lehre im elterlichen Laden heraus. Es folgten Jahre des Drills, wie sie sagt: „Aber auch Reisen, von denen andere in der DDR nur träumen konnten: Moskau, England, Holland und eine 124-Stunden-Zugfahrt durch das China Mao Tse-tungs“, erzählt die 86-Jährige.
Bereits 1958 schwamm sie erste DDR-Rekorde. Als ihre Eltern in den Westen flüchteten, blieb Olbrisch zunächst in Halle (an der Saale) und kämpfte für ihren Traum: die Olympischen Spiele 1960 in Rom. Doch eine Verletzungsserie stoppte sie.
Wir bekamen Vasen, Uhren oder 50 Mark Essenszuschuss. Dass heute in 14 Tagen mehr verdient wird als andere im ganzen Leben bekommen, verstehe ich nicht.
Abkehr von der DDR: Flucht zu den Eltern nach Bremen
Enttäuscht und ohne ihre Trainerin, die ebenfalls den Osten verlassen hatte, kehrte sie nach einem Besuch 1960 bei ihren Eltern in Bremen nicht mehr zurück in die DDR. Was viele als Karriereende sahen, wurde für die Kraulspezialistin zum Neustart – im großen Stil.
Im Westen glänzte sie mehr denn je und erfüllte sich 1964 ihren Traum. Als Mitglied der vorerst letzten gesamtdeutschen Mannschaft startete sie bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dass diese gemeinsame deutsche Olympia-Mannschaft aus Sportlern beider deutscher Staaten bis 1964 antreten musste, war damals Teil des deutsch-deutschen Systemwettstreits.
Olbrisch gilt nach Flucht als „Verräterin“
Und genau deshalb war die Zeit politisch hoch aufgeladen. Für Olbrisch war Tokio nicht nur sportlich eine Herausforderung, sondern auch persönlich ein Nervenkrieg. Der Kölner Stadt-Anzeiger titelte am 1. September 1964 sogar: „Jutta Olbrisch völlig mit den Nerven fertig“.
In den DDR-Medien wurde sie als „Verräterin“ bezeichnet. Ihre Teilnahme wollte die DDR sportrechtlich zudem verhindern. Trotzdem blickt sie heute mit leuchtenden Augen zurück: „Der Einmarsch und die Abschlussfeier waren das Beeindruckendste“, sagt sie.

Olbrisch übernimmt die Pension der Schwiegermutter
Allein im Jahr 1964 schwamm sie acht deutsche Rekorde. 1965 besiegte sie als erste deutsche Schwimmerin die damals übermächtigen Niederländerinnen über 100 Meter Kraul.
Jahre später folgte dann ein kompletter Rollenwechsel. 1976 zog es die Ausnahmeathletin nach Sylt. Gemeinsam mit ihrem Mann übernahm sie die Pension der Schwiegermutter. Aus der Weltklassesportlerin wurde eine Sylter Vermieterin.
Auf Sylt findet sie keine Heimat für ihren Sport
Ironie der Geschichte: Ausgerechnet auf der Insel fand sie für ihren Sport keine Heimat. Ein geeignetes Sportbecken fehlte über Jahre. Trotzdem wurde ihr Haus zum Treffpunkt der Sportwelt – Olympiasieger und Weltrekordler wie Wiltrud Urselmann oder Ernst-Joachim Küppers machten bei ihr Ferien.
Und Olbrisch? Die schaut auf den heutigen Sport kritisch, vor allem wegen des Geldes. „Wir bekamen Vasen, Uhren oder 50 Mark Essenszuschuss. Dass heute in 14 Tagen mehr verdient wird als andere im ganzen Leben bekommen, verstehe ich nicht.“
„Spitzensportler-Gen“ bis heute in ihr
Und wie hält sich eine 86 Jahre alte Frau heute fit? Was ist ihr Jungbrunnen? Wahrscheinlich ist es dieses „Spitzensportler-Gen“, antwortet sie. Dieser unbändige Wille. Wenn der Rücken zwickt, dann erinnert sie sich: „Das schaffst du, das kriegst du hin.“ Genauso, wie die vielen sportlichen und privaten Herausforderungen in ihrem Leben.






