Der Auftakt für das Superwahljahr 2026 – in Baden-Württemberg wurde er am Sonntag gefeiert. Als erstes von fünf Bundesländern in diesem Jahr stimmte das „Ländle“ über einen neuen Landtag ab. Die Wahlergebnisse sind auch wichtig, um die aktuelle Stimmung gegenüber der Bundesregierung abzulesen. Das Ergebnis: Die Grünen landen vor der CDU, die AfD verdoppelt ihr bisheriges Ergebnis – und die SPD erlebt einen historischen Tiefschlag.
Grünen liegen in Baden-Württemberg knapp vor der CDU
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg liegen die Grünen knapp vor der CDU – nach einer rasanten Aufholjagd in den Umfragen der vergangenen Wochen. Das geht aus Hochrechnungen von ARD und ZDF hervor. Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir könnte damit in die Fußstapfen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) treten. Über Monate hatte die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen deutlich geführt, am Ende schafften die Grünen aber die Wende.
Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis und landet auf Platz drei. Die SPD stürzt auf ein historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit. Mit aktuell 5,5 Prozent (Stand 20 Uhr) ist es das schlechteste Ergebnis, das die Partei auf Landes- oder Bundesebene in der Bundesrepublik eingefahren hat. Spitzenkandidat Andreas Stoch zog die Konsequenzen und kündigte seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an. FDP und Linke scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.

Özdemir rief die Christdemokraten noch am Wahlabend zu einer erneuten Zusammenarbeit auf und bot ihnen eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ an. „Der Maßstab sollten die letzten zehn Jahre sein und die Erfolge, die wir eingefahren haben.“ Hagel sagte: „Wenn sich dieses Wahlergebnis so bewahrheitet, dann liegt der Regierungsauftrag bei den Grünen.“ Er schloss zudem kategorisch aus, sich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen.
Grünen-Ministerpräsident Kretschmann trat nicht an
Ministerpräsident Kretschmann von den Grünen war nach 15 Jahren nicht mehr angetreten. Der 77-Jährige, bundesweit der erste und einzige Regierungschef der Grünen, verabschiedet sich in den Ruhestand. Seit 2016 regierte er mit der CDU, davor mit der SPD. Grünen-Bundeschef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz (CDU) und dessen politische „Orientierungslosigkeit“. Co-Vorsitzende Franziska Brantner sprach von einem „sensationellen Ergebnis“.

Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Hagel ist seit 2021 CDU-Fraktionschef im Landtag. Im Wahlkampf stand der gläubige Katholik und Jäger in der Kritik wegen eines Videos: In dem acht Jahre alten Clip schwärmt er von den „rehbraunen Augen“ einer minderjährigen Schülerin. Auch SPD-Spitzenkandidat Stoch trat in einen „Fettnapf“, wie er selbst sagte: In einem SWR-Porträt ist zu sehen, dass er ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Tafel seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf nie kam, drückte Stoch sein Bedauern aus.
Historisch schlechtes Ergebnis schockt Bundes-SPD
Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die Bundes-SPD, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor der Brust hat. Klingbeil zeigte sich tief enttäuscht über das schlechte Abschneiden. „Das ist ein total bitterer Abend“, sagte er im ZDF. Es sei nur noch um die Frage gegangen: Cem Özdemir oder Manuel Hagel? Das habe am Ende auch die SPD Stimmen gekostet.
Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit der AfD koalieren. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der Gewinner des Abends. „Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei.“
Erstmals durften Jugendliche ab 16 Jahren wählen
Die Wahlbeteiligung liegt den Hochrechnungen nach bei 70,2 bis 70,5 Prozent (2021: 63,8). Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte konnten ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor. Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften abstimmen. Zudem hatten Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den Direktkandidaten im Wahlkreis. (dpa)




