Umweltverschmutzung

Ist Deutschland trotz rückläufiger Quoten noch ein Musterschüler beim Recycling?

In einigen Bereichen verfehlt Deutschland gesetzliche Vorgaben bei Recyclingquoten. Dennoch sieht sich das Land als Musterschüler. Ist das wirklich noch so?

Author - Sebastian Krause
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 Ein Blick in die Abfallsortieranlage in Berlin.
Ein Blick in die Abfallsortieranlage in Berlin.Interzero

Michael Bürstner ist seit gut 30 Jahren in der Recycling-Branche tätig. Er hat die Anfänge des dualen Systems 1991 in der Abfallwirtschaft miterlebt, hat alle Entwicklungen und Innovationen begleitet. Deutschland ist zum Recycling-Musterschüler herangewachsen. So zumindest das Selbstbild.

Quoten bei Glas, Getränkekartons und Verbundverpackungen rückläufig

Stimmt das? Ist Deutschland wirklich so gut, wie es immer behauptet? Zuletzt gab es einen Dämpfer für das Selbstbild des Landes. Während die Bundesrepublik beim Recycling von Plastik vorankommt, gab es Rückschläge beim Wiederverwerten von Glas, Getränkekartons und Verbundverpackungen. In diesen Bereichen wurden gesetzliche Mindestvorgaben deutlich verfehlt, wie die Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) und das Umweltbundesamt mitteilen.

2024 werden 5,5 Millionen Tonnen Verpackungen verwertet

Die Recyclingquote bei Kunststoffverpackungen lag 2024 bei 70,8 Prozent und damit 1,9 Prozent höher als 2023. Verglichen mit 2018 stieg sie sogar um fast 30 Prozent. Bei Glas lag die Quote nur noch bei 82,9 Prozent und damit 0,2 Prozent niedriger als 2023. Der Abstand zum gesetzlichen Minimum von 90 Prozent ist groß.

Einen Rückgang gab es auch bei Getränkekartons. In diesem Bereich lag die Quote nur bei 69,5 Prozent und damit 1,8 Prozent niedriger als 2023. Das gesetzliche Minimum liegt bei 80 Prozent. Bei Papier und Pappe sank die Quote auf 91,8 Prozent, 2023 waren es noch 93,6. Immerhin: Die EU-Vorgabe von 90 Prozent wird übertroffen.

Zur Erklärung: Die Recyclingquote gibt den prozentualen Anteil der gesammelten Verpackungen an, der verwertet und als sogenannter Sekundärrohstoff wiederverwendet wird. Die Zahl steht im Verhältnis zum Gesamtaufkommen der bei den dualen Systemen angemeldeten Verpackungen. Insgesamt wurden 2024 rund 5,5 Millionen Tonnen Verpackungen aus den Sammlungen der dualen Systeme verwertet.

Die Recyclingquote von Kunststoffverpackungen lag 2024 bei 70,8 Prozent und damit 1,9 Prozentpunkte höher als 2023.
Die Recyclingquote von Kunststoffverpackungen lag 2024 bei 70,8 Prozent und damit 1,9 Prozentpunkte höher als 2023.Interzero

Deutschland weiter einer der größten Müllsünder

Angesichts der Zahlen löst das Thema Recycling bei Umweltschützern keine Jubelstürme aus. „Die Erfolge beim Recycling von Kunststoffverpackungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Deutschland viel zu viel unnötiger Verpackungsmüll anfällt“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Deutschland gehöre europaweit zu den größten Müllsündern.

Anders bewertet Michael Bürstner, Geschäftsführer der Interzero Recycling Alliance, die Zahlen. Die Interzero-Gruppe betreibt unter anderem eine Sortieranlage für Leichtverpackungen in Berlin. „Wir sind schon gut“, sagt der 60-Jährige im Gespräch mit dem KURIER. Aber: „Die Quoten schwanken immer ein bisschen“, erklärt er auch mit Blick auf den Papierbereich.

Michael Bürstner ist Geschäftsführer der Interzero Recycling Alliance. Die Gruppe betreibt unter anderem eine Sortieranlage für Leichtverpackungen in Berlin.
Michael Bürstner ist Geschäftsführer der Interzero Recycling Alliance. Die Gruppe betreibt unter anderem eine Sortieranlage für Leichtverpackungen in Berlin.Interzero

Recycling-Kapazitäten gehen in Europa zurück

Damit die Zahlen nach oben gehen, braucht es in der Branche Veränderungen und ein stärkeres Bewusstsein für Mülltrennung bei den Konsumenten. „Wir merken in Deutschland und Europa einen Rückgang der Recycling-Kapazitäten – gerade im Glasbereich“, erklärt Bürstner. Gründe seien hohe Energiepreise, fehlende wirtschaftliche Perspektiven und damit verbundene Anlagenschließungen. Erst vor wenigen Tagen sei bekannt geworden, dass eine große Glashütte in Essen deutliche Kapazitäten in Deutschland stilllegen wird.

Belastend für die Branche ist auch falsche Mülltrennung – zum Beispiel bei Glas. „Wir haben weit über 300.000 Tonnen Glas im Restabfall“, erzählt der Interzero-Geschäftsführer. Das seien etwas mehr als vier Kilogramm pro Einwohner und Jahr. Wenn sich das Glas erst einmal im Restabfall befinde, sei es für den Wertstoffkreislauf verloren.

Falsch entsorgte Akkus werden zum großen Problem

Die falsche Entsorgung von Abfällen ist auch an anderer Stelle ein großes Problem. Ein großes Thema seit Jahren sind auch Akkus, die unsachgemäß entsorgt werden – und im schlimmsten Fall sogar zur Katastrophe führen können. „Wenn die Akkus falsch gesammelt werden, ist die Brandgefahr immens hoch“, sagt Bürstner. Häufig kommt es dazu, dass Sammelfahrzeuge brennen oder Brände in Sortier- und Recyclinganlagen gelöscht werden müssen.

Nach Angaben des Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) in Berlin würden sich allein in Deutschland täglich rund 30 Brände in Entsorgungsanlagen und Sammelfahrzeugen durch falsch entsorgte Batterien und Akkus ereignen. „Seit Jahren ist unsere Branche mit immer häufigeren Bränden konfrontiert, die auf Batterien zurückzuführen sind“, sagt Anja Siegesmund, die bis zum 31. Januar geschäftsführende Präsidentin des BDE war.

Akkus und Elektroschrott im Müll sind ein großes Problem in der Recyclingbranche.
Akkus und Elektroschrott im Müll sind ein großes Problem in der Recyclingbranche.Interzero

Was sind die Lösungen des Problems?

Was ist die Lösung des Problems? Mit Blick auf Akkus fordern Bürstner und der BDE ein europäisches Pfandsystem, einen Fonds zur Absicherung der Recycling- und Entsorgungswirtschaft, bessere Kennzeichnungen sowie ein Verbot von Einweg-E-Zigaretten. 

Außerdem braucht es mehr Aufklärung und ein Ende von Mythen. Denn allzu oft herrscht noch die Meinung vor, dass alles, was im gelben Sack landet, sowieso verbrannt wird. Tatsächlich aber ging im Vorjahr mehr als die Hälfte ins Recycling. Nur landen eben auch noch viele Dinge im gelben Sack, die eigentlich in den Restmüll gehören.

Alles, was nicht Glas und Papier ist, kommt in die gelbe Tonne

Hilfreich für die Branche wäre auch, wenn Verbraucher ihren Müll richtig trennen. „Es hilft, alle Materialien, die auf den ersten Blick unterschiedliche Materialien sind, auch zu trennen“, sagt Interzero-Pressesprecherin Christina Bunnenberg.

Als Beispiel nennt sie Deckel vom Joghurtbecher abmachen, Banderolen vom Becher entfernen und den Müll nicht ineinanderstopfen. Als Tipp gibt sie noch mit: „Verpackungen, die offensichtlich nicht aus Papier oder Glas sind, gehören in die gelbe Tonne.“

Pressesprecherin Christina Bunnenberg von der Interzero Recycling Alliance.
Pressesprecherin Christina Bunnenberg von der Interzero Recycling Alliance.Interzero

Bundesregierung beschließt neues Gesetz

Das Bundeskabinett hat vor Kurzem einen Gesetzesentwurf zur Anpassung des Verpackungsrechts auf den Weg gebracht. Vorgesehen sind im neuen Verpackungsgesetz höhere Recyclingquoten für Verpackungen aus Kunststoff, Aluminium und Eisenmetall. Ab 2028 steigt die Quote bei Aluminium und Eisenmetallen auf 95 Prozent, bei Kunststoffabfällen sollen es dann 75 Prozent sein.

Bürstner steht dem Ansinnen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Es sei aber auch erforderlich, dass eine Nachfrage nach Rezyklaten vorhanden sei – hier gebe es noch Handlungsbedarf.

Wir merken in Deutschland und Europa einen Rückgang der Recycling-Kapazitäten – gerade im Glasbereich.

Michael Bürstner, Geschäftsführer der Interzero Recycling Alliance

Bürstner sieht mustergültiges System in Deutschland

Ähnlich äußert sich Andreas Bruckschen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BDE. „Im Mittelpunkt der Kritik aus Sicht des BDE stehen der deutliche Anstieg bürokratischer und finanzieller Lasten für gewerbliche und industrielle Verpackungen, die Übernahme neuer Zulassungs- und Sicherheitsverpflichtungen, überzogene Recyclingquoten sowie unzureichend definierte Übergangsregelungen, die zu einer Unterfinanzierung der Systeme führen könnten.“

Für Bürstner ist indes klar: Auch wenn die Quoten zuletzt teilweise rückläufig waren, sei man in Deutschland auf einem sehr guten Weg. Man sei zwar noch nicht da, wo man hinwolle, aber hierzulande gebe es trotzdem ein „mustergültiges und komfortables Sammelsystem“.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com