Frankreich

„Armes Kind“: Nach Schulabschluss mit 9 – Netz zerreißt Agnès' Eltern

Mit nur neun Jahren hat Agnès als jüngste Absolventin den ersten staatlichen Schulabschluss geschafft. Jetzt will ihre Familie nach Irland auswandern.

Author - Paula Hitzemann
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Agnès hat mit nur neun Jahren das französische Brevet bestanden – als jüngste Schülerin jemals.
Agnès hat mit nur neun Jahren das französische Brevet bestanden – als jüngste Schülerin jemals.Nicolas Baldeck

Mit gerade einmal neun Jahren hat Agnès geschafft, woran viele erst Jahre später als Jugendliche arbeiten: Sie bestand einen staatlichen Schulabschluss in Frankreich. Und jetzt wird bekannt: Sie besitzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft. 

Agnès ist die jüngste Absolventin des Brevet in Frankreich

Schon seit einigen Jahren wird Agnès zu Hause unterrichtet. Dabei war das ursprünglich gar nicht geplant. „Ohne Covid hätten wir nicht daran gedacht, die Schule zu Hause zu machen. Das war am Anfang nur ein Unfall“, erzählt Vater Nicolas Baldeck der Berliner Zeitung. Im Hausunterricht hat sich gezeigt, dass ihre Tochter schneller lernt, als es der reguläre Lehrplan vorsieht. Daraus entstand schließlich die Idee, sie zur Abschlussprüfung anzumelden.

Die Neunjährige wird zu Hause unterrichtet. (Symbolbild)
Die Neunjährige wird zu Hause unterrichtet. (Symbolbild)Magnific

Die Anmeldung zum Brevet war nach Angaben der Eltern zunächst als Experiment gedacht. „Wir haben das ein bisschen wie eine Challenge gemacht“, erinnert sich Baldeck. Dahinter stand jedoch eine klare Überzeugung: „Unsere Intuition war, dass das Niveau, das bei dieser Prüfung verlangt wird, deutlich zurückgegangen ist.“ Agnés bestand die Prüfung. Ihr Schnitt: 15,85 von 20 Punkten. Sie gilt als jüngste bekannte Absolventin des Landes.

Was viele nicht wissen: Agnès besitzt neben der französischen nämlich auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Familie dachte sogar mal über einen Umzug nach Deutschland nach. Die Pläne wurden jedoch wieder verworfen, weil Hausunterricht in Deutschland aufgrund der Schulpflicht praktisch ausgeschlossen ist.

Hausunterricht und Schulbücher aus den 50ern

Vorbereitet wurde Agnès von ihrer Mutter Ekaterina Baldeck – unter anderem mit Lehrwerken aus den 1950er-Jahren. „Es war eine Diskussion mit anderen Eltern, die bemerkten, dass es solche Bücher gab, die von guter Qualität waren. Und das war tatsächlich der Fall.“

Mutter Ekaterina bereitete ihre Tochter mit vergilbten Schulbüchern aus den 50er-Jahren auf die Abschlussprüfung vor.
Mutter Ekaterina bereitete ihre Tochter mit vergilbten Schulbüchern aus den 50er-Jahren auf die Abschlussprüfung vor.Magnific

Für Nicolas Baldeck ist die bestandene Prüfung vor allem ein Symbol für die Entwicklung des französischen Bildungssystems. „Das Niveau ist sehr, sehr niedrig“, sagt er. Seiner Ansicht nach sei das größte Problem, dass alle Kinder unabhängig von ihren Fähigkeiten denselben Unterricht besuchen müssen: „Der gute Schüler wartet und langweilt sich und für den Schüler, der Schwierigkeiten hat, geht man trotzdem noch zu schnell.“

Seine Kritik verdeutlicht er mit einem Vergleich: „Im Judo würde man auch nicht jemanden, der 50 Kilo wiegt, gegen jemanden antreten lassen, der 90 Kilo wiegt. Wir wollen die Gleichheit der Chancen, nicht die Gleichheit der Ergebnisse.“ Agnès’ Vater fordert: Kinder müssen entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert werden.

Social-Media-Kommentare zerreißen Agnès: „Das arme Kind hat keine Freunde“

Mit ihrem ungewöhnlichen Weg sorgt die Familie in Frankreich für eine Debatte. Besonders häufig liest die Familie in Online-Kommentaren den Vorwurf, ihre Tochter wird sozial isoliert. „Oh mein Gott, das ist ein armes Kind. Es geht nicht zur Schule, hat kein Sozialleben, keine Freunde“, schreiben die Leute.

Diesen Vorwurf weist die Familie entschieden zurück. Agnès habe gerade wegen des Homeschoolings mehr Zeit für Freizeitaktivitäten. In ihrem Dorf habe sie viele Freunde, mit denen sie oft spiele. Außerdem spiele sie Tennis, tanze, besuche das Orchester und die Musikschule und treffe dort regelmäßig andere Kinder.

Agnès ist musikalisch und sportlich, hat viele Hobbys.
Agnès ist musikalisch und sportlich, hat viele Hobbys.Nicolas Baldeck

Agnès’ Mutter sieht noch ein grundsätzliches Problem in der Schulbildung: „Ein Kind lernt Buchstaben und Zahlen, weil es Lust dazu hat, aus eigenem Willen. In der Schule nimmt man den Kindern diesen Willen oft ab“, findet sie.

Inzwischen richtet sich ihr Blick nach Irland. „Wir sind gerade dabei, unseren Umzug nach Irland zu organisieren“, sagt Baldeck. Dort soll Hausunterricht gesellschaftlich deutlich stärker akzeptiert sein. In Frankreich dagegen würden Familien, die ihre Kinder selbst unterrichten, häufig kritisch betrachtet.

Die Familie plant aktuell ihren Umzug nach Irland, weil Homeschooling dort gesellschaftlich besser anerkannt ist. (Symbolbild)
Die Familie plant aktuell ihren Umzug nach Irland, weil Homeschooling dort gesellschaftlich besser anerkannt ist. (Symbolbild)Oksana Fishkis

Und das, obwohl die Familie jährlich zweimal überprüft wird. Einmal durch die Bildungsbehörde (Éducation nationale), die den Lernfortschritt kontrolliert, und einmal durch einen Mitarbeiter der Gemeinde, der die Lebensbedingungen und die Sozialisierung von Agnès überprüft.

Die kleine Agnès möchte später am liebsten Designerin werden. Ob für Kleidung oder Häuser, weiß sie zwar noch nicht, aber mit neun Jahren muss man sich schließlich auch noch nicht festlegen.

Wie stehen Sie zum Thema Hausunterricht? Kennen Sie Menschen, die von Zuhause unterrichtet wurden? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com.