Jürgen Glas hat WM-Silber für die DDR gewonnen, Menschen vor dem Ertrinken gerettet und hunderte Rettungsschwimmer ausgebildet. Heute bringt der 70-Jährige in Berlin Kindern das Schwimmen bei und warnt vor gefährlichen Irrtümern an Badeseen und im Freibad.
Beine zusammen gebunden – Bahnen geschwommen
Im Fitnessstudio Fitness First in Hellersdorf sitzt der Berliner Schwimm-Veteran am Rand des Beckens. Die Haut gebräunt, die Statur trainiert. Während draußen die Sommersonne auf die Stadt brennt, spricht Glas über Ertrinkende, Rettungseinsätze und die Fehler, die Menschen am Wasser immer wieder machen. „Mein Element ist das Wasser“, sagt er. Das gilt schon sein ganzes Leben.
Schwimmen gelernt hat Glas mit sechs Jahren im Stadtbad Oderberger Straße. Seine Begeisterung für das Wasser war so groß, dass seine Eltern ihn schließlich in einem Verein anmeldeten.
„Ich habe es mit meiner Liebe zum Wasser ein bisschen übertrieben“, sagt er und lacht. Als Viertklässler nimmt ihn sein Vater zu einem Training nach Adlershof mit. Der Empfang dort ist ungewöhnlich. „Beim ersten Termin haben sie mir die Beine zusammengebunden und gesagt: ,Schwimm mal eine Bahn.'“ Glas schwimmt. „Als sie gesehen haben, der gibt nicht auf, haben sie mich genommen.“
Spezialität: Brustschwimmen
Von da an trainiert er bei der SG Dynamo Adlershof. Schnell wird deutlich, dass der Junge Talent hat. Er kommt auf die Kinder- und Jugendsportschule, gewinnt für die DDR Meistertitel und Spartakiaden.
„Ich konnte immer vorne mitschwimmen“, erinnert sich Jürgen Glas bescheiden. 1971 startet er sogar für die DDR-Nationalmannschaft. Mit 17 Jahren gewinnt er WM-Silber. Seine Spezialdisziplin: Brustschwimmen. „Ich kann nüscht anderes“, sagt Glas im breiten Berliner Dialekt. „Da bin ick dabei jeblieben.“ Glas heimst Medaillen ein, wird DDR-Meister und kommt mit seiner Schwimmerei durch Europa und die halbe Welt.
Vom DDR-Schwimmer zum Ausbilder bei der Berliner Polizei
Und auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere bleibt Glas, den seine Freunde nur „Glaser“ nennen, dem Wasser treu. Er studiert Sport, wird Trainer im Schwimmsport und wird Sportlehrer bei der Polizei und bildet den Nachwuchs aus. Dann kommt die Wende. „Dynamo als Dienststelle wurde abgeschafft.“ Mit 34 Jahren steht der erfolgreiche Sportler plötzlich ohne Job da. Doch lange bleibt einer wie er nicht arbeitslos. Bei der neuen Berliner Polizei baut er in den folgenden Jahren das Einsatztraining mit auf.
Schwimmen mit Kleidung, Schnellschwimmen, Selbstverteidigung, Rettungsschwimmen – Glas wird Ausbilder. „Ich war eigentlich ein Verkäufer für Sicherheit“, sagt er rückblickend. Und die ist bis heute im und am Wasser entscheidend.
Warum Rettungsschwimmer beim Retten selbst in Gefahr geraten können
Bis heute steht der Rentner regelmäßig am Beckenrand in Hellersdorf. Dort bringt er Kindern das Schwimmen bei und bildet Rettungsschwimmer aus. Dabei warnt Jürgen Glas seine Schüler immer wieder vor einem tödlichen Irrtum:
„Der größte Fehler bei der Rettung von Ertrinkenden ist Selbstüberschätzung.“ Viele Menschen würden glauben, sie könnten einen Ertrinkenden einfach aus dem Wasser ziehen. Tatsächlich sei genau das oft lebensgefährlich.
„Im Überlebenskampf entwickeln selbst Kinder Kräfte, die im Wasser gefählich werden können.“ Glas kennt Fälle, in denen der Retter bewusstlos wurde und unterging, während der Ertrinkende das Ufer erreichte. „Man sollte sich immer gut überlegen, was man tut und sollte immer ein Auftriebsmittel dabei haben, dass man übergeben kann.“
Erster Rettungseinsatz: Mit 17 Jahren rettet Jürgen Glas ein Kind vor dem Ertrinken
Wie gefährlich so eine Rettung werden kann, hat Glas selbst erlebt. Mit 17 Jahren bemerkt er an einem See in Lindow ein Mädchen in Not und springt sofort ins Wasser. „Das Kind hat sich an meinen Hals geklammert“, erinnert er sich. Obwohl Glas damals bereits ein hervorragender Schwimmer ist, merkt er nach kurzer Zeit, dass etwas nicht stimmt. „Mir wurde komisch.“
Erst Jahre später begreift er, wie knapp die Situation tatsächlich war. Kurz bevor ihm die Kräfte ausgehen, erreicht er mit dem Mädchen das Ufer. „Das war der erste Mensch, den ich gerettet habe.“

Ein anderes Mal kämpft er im Schwarzen Meer gegen eine starke Strömung. Gemeinsam mit einer Frau in Not wird er immer weiter aufs Meer hinausgezogen. Erst als beide quer zur Strömung schwimmen, gelingt die Rettung.
Ertrinken von Kindern: „Lasst eure Kinder nie aus den Augen“
Besonders kritisch sieht Glas das Verhalten vieler Eltern an Badeseen, Stränden und Berliner Gewässern. „Ich schüttele immer mit dem Kopf, was manche Eltern machen.“
Viele würden sich in der Nähe von Wachtürmen niederlassen und darauf vertrauen, dass Rettungsschwimmer schon auf ihre Kinder aufpassen. „Das ist nicht deren Aufgabe.“ Die meisten tödlichen Unfälle mit Kindern passieren nach seinen Erfahrungen in unmittelbarer Nähe der Eltern. „Lasst eure Kinder niemals aus den Augen, wenn sie in Wassernähe sind“, sagt Jürgen Glas.
Auch mit einem weit verbreiteten Mythos räumt Glas auf. „Der Hinweis, dass Menschen meist leise ertrinken, stimmt wirklich.”
Wer ertrinkt, rudere oft nur noch mit den Armen und gehe unter. „Wer wie im Film noch Hilfe schreien kann, ertrinkt nicht.“
Warum das Seepferdchen kein Nachweis für sicheres Schwimmen ist
Zu den häufigsten Fehleinschätzungen gehört für Glas auch die Bedeutung des Seepferdchens. „Viele Eltern denken, das ist ein Schwimmzeugnis.“ Doch das sei ein Irrtum. Das Abzeichen belege lediglich grundlegende Fähigkeiten im Wasser. Von sicherem Schwimmen könne noch keine Rede sein.
Deshalb übt Glas mit angehenden Rettungsschwimmern nicht nur Technik, sondern vor allem die richtige Einschätzung gefährlicher Situationen. „Ein Rettungsschwimmer muss wissen, wo seine Grenzen sind und seine Schwächen kennen.“ Nur dann könne er anderen helfen.
Die häufigsten Gefahren an Berliner Seen und auf Partyflößen

Gefährliche Situationen erlebt Glas auf Berliner Gewässern bis heute regelmäßig. Wenn er Männergruppen auf Partyflößen, Alkohol auf dem Wasser, überhitzte Menschen, die ohne Abkühlung in den See springen, oder Alleingänge beim Tauchen sieht, gehen die Alarmglocken an. „Am Ende sind Naivität und Unkenntnis oft für Tragödien verantwortlich.“
Dass Gefahren überall lauern können, zeigt eine seiner ungewöhnlichsten Rettungen. „Ich musste einmal jemanden aus knietiefem Wasser retten“, erzählt Jürgen Glas. Eine ältere Frau war gestürzt und konnte aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen.
Rekordhalter im Guinness-Buch
Kinder unterrichten, Rettungsschwimmer ausbilden, Menschen vor Gefahren warnen – all das gehört für den Wasser-Mann Jürgen Glas bis heute dazu. Hunderte Retter hat er im Laufe seines Lebens schon ausgebildet.
Und noch etwas kann er von sich behaupten: Jürgen Glas steht im Guinness-Buch der Rekorde. Mit 28,40 Metern gelang ihm der weiteste Kopfweitsprung der Welt. Für den Mann, dessen Leben seit mehr als sechs Jahrzehnten vom Wasser bestimmt wird, zählt eben nur eins: Hauptsache nass. Aber sicher!


