Die Spur führt in ein kleines gelbes Haus am Rand der Start- und Landebahn. In diesem Bungalow verbrachten Erich und Margot Honecker vom 12. zum 13. März 1991 ihre letzte Nacht auf deutschem Boden. Heute ist das Häuschen – wie vieles auf dem rund 3500 Hektar umfassenden Denkmalschutzareal Kummersdorf-Sperenberg – nur noch eine Ruine.
Putin liebt den Neuendorfer See zum Angeln
Die Kommunalpolitikerin Doreen Schulze (Sperenberg, Landkreis Teltow-Fläming), stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Heimatstube Sperenberg, führt Besucher an die Schauplätze.
„Sperenberg ist ein kleines Dorf mit vielen prominenten Geschichten: Wir hatten den Kaiser (Wilhelm II., Anm. d. Red.) zu Besuch und Reichspräsident Paul Hindenburg, Wladimir Putin liebte den Neuendorfer See zum Angeln. Und hier verbrachten Erich und Margot Honecker vor der Flucht nach Moskau vom 12. zum 13. März 1991 ihre letzte Nacht auf deutschem Boden – ein wichtiges Datum der Nachwende-Wirren“, erzählt sie der „Berliner Zeitung“.
Bis zum Mauerfall leben dort 5000 Menschen
Manchmal bleibt sie vor der Ruine stehen. „Komisch“ fühle es sich an, sagt sie – und fragt sich: „Was haben die einst mächtigsten Personen der DDR gefühlt und gedacht in jener Nacht hier bei uns?“ Dann denkt sie an die ersten 15 Minuten der Flucht: den Weg von Sperenberg bis zur polnischen Grenze.
Im Ort wusste kaum jemand, was sich anbahnte. Dirk Hohlfeld, von 1980 bis Mai 1990 Bürgermeister von Sperenberg, erinnert sich: „Ich habe die Garnisonstadt sterben sehen.“ Bis zum Mauerfall lebten dort 5000 Menschen, mehr als doppelt so viele wie in Sperenberg selbst.

Flucht von Honecker gilt als völkerrechtswidrig
„Wir alle im Ort hörten und sahen Hubschrauber und Flugzeuge, die starteten und landeten. Aber mit dem Leben hinter den Mauern hatten wir Deutschen nichts zu tun“, so Hohlfeld, „egal, wer dort in einer Militärmaschine aus Moskau landete und hier in Zivilfahrzeuge umstieg, ob Breschnew (bis 1982 Staats- und Parteichef der UdSSR, Anm. d. Red.) oder sonst wer. Wir als Gemeinde waren grundsätzlich nicht informiert.“
Tatsächlich galt die Flucht im geeinten Deutschland wegen des Strafbefehls gegen Honecker als völkerrechtswidrig. Doch von der militärischen Anspannung ahnte Mitte März 1991 kaum ein Zivilist etwas: Bundeswehr und Rote Armee fürchteten, die Tupolew mit den prominenten Passagieren an Bord könnte – bei Bekanntwerden – über deutschem Hoheitsgebiet abgefangen werden. Erst über Polen löste sich die Anspannung bei den Generälen in Sperenberg und in der Luftkoordinierung Wünsdorf (damals Kreis Zossen).
Wir alle im Ort hörten und sahen Hubschrauber und Flugzeuge, die starteten und landeten. Aber mit dem Leben hinter den Mauern hatten wir Deutschen nichts zu tun.
Der Gesundheitsstatus – und die Haftbefehle
Nach dem Mauerfall fanden die Honeckers Unterschlupf in Lobetal. Am 4. April 1990 zogen sie ins sowjetische Militärhospital Beelitz. Die Ärzte diagnostizierten bei Erich Honecker den „Verdacht Leberkrebs“.
Am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der Wiedervereinigung, übergab die DDR-Generalstaatsanwaltschaft wirtschaftsstrafrechtliche Ermittlungsakten an die Bundesrepublik. Am 30. November erließ das Amtsgericht Berlin-Tiergarten einen weiteren Haftbefehl: Verdacht, den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze 1961 verfügt und 1974 bekräftigt zu haben. Vollstreckt werden konnte er in Beelitz nicht – Honecker stand unter sowjetischem Schutz.
Gorbatschow nimmt keine Rücksicht auf den Osten
Lebendig bleiben die Stunden in „Der bittere Weg nach Hause“ des russischen Militärhistorikers Michail Boltunow. In der Heimatstube steht ein Exemplar, eine Russisch-Lehrerin vor Ort übersetzte es. Schulze: „Solche Ereignisse sind wichtig und werden in unserem Museum Heimatstube festgehalten, um sie nicht zu vergessen.“
Boltunow schreibt, wie oft Honecker in Moskau war, mit hohen Gästen und Ehrenwache. Er glaubte, der große Bruder vergesse ihn nicht. Doch „Moskau schwieg“, so der Autor. Michail Gorbatschow nahm keine Rücksicht mehr „auf den Leiter des Ostens“. Offizielle Besuche? Keine. „Jassir Arafat“ kam heimlich nach Beelitz, schreibt Boltunow.

Hubschrauber holt die Honeckers aus Beelitz ab
Dann die Inszenierung der Abreise: Die „Schnelle Medizinische Hilfe“ holte Honecker „mit ausgeschalteter Sirene und Blinklicht“ auf einer Trage ab. Den Journalisten: „Herzanfall“. Honecker glaubte, alles werde gut, so Boltunow – „das wusste er da noch nicht“, dass er später doch ausgeliefert und 169 Tage in Moabit sitzen würde.
Am 12. März rief Flugdienstkommandeur Tschabau, Stellvertreter der 16. Fliegerarmee, Kräfte „für eine ernste Aufgabe“ zusammen; „Waffengewalt und die Bemächtigung des Flughafens“ seien nicht ausgeschlossen. Ein Mi‑8-Hubschrauber holte die Honeckers aus Beelitz.
Honeckers werden im Gästehaus einquartiert
Boltunow schreibt: „MP-Schützen nehmen den Ring des Flugplatzes ein, die Maschinengewehrschützen überzogen 5 Sektoren. Es war befohlen, wenn man im Sektor auf Widerstand trifft, das Feuer zu eröffnen.“ Nach der Ankunft wurden die Honeckers im Gästehaus einquartiert. „Der Tisch war nicht wie gewöhnlich im Saal gedeckt, sondern im Schlafzimmer, weiter von Blicken entfernt“ – Journalisten hätten bereits „Lunte bekommen“, heißt es.
„Die Fotokorrespondenten zogen sich eilig zurück.“ Frühstück mit den Generälen Seliwerst und Wasin – bei Sekt. Draußen: Startvorbereitungen an der Tupolew. „Die Piloten kratzten sich den Nacken, als sie erfuhren, wen sie herauszuführen hatten. Es war nicht auszuschließen, dass sie von Jagdfliegern abgefangen werden.“
Beide Regierungen stehen in Kontakt
Die Absprache: bis zur polnischen Grenze „durchzuschlagen“, als sei nichts gewesen. Dann der Schreckmoment: „Da ereignete sich ein Vorfall, welcher alle Bewohner des Gästehauses tüchtig aufschreckte. Unerwartet erschallte ein Schuss.“ Ursache: Ein Soldat stieß im Vorraum gegen eine steinerne Uhr; vor Schreck gab der „Trapowtschik“ einen Warnschuss ab.
Zum Abflug: „Als Erste lief Frau Margot los.“ Erich ging es schlecht. Beide hätten nicht verstanden, dass die Welt schwieg – es war nicht Moskaus Sache, den Ex-Staatschef und seine Gattin auszufliegen. Später berichtete Oberstleutnant Selkin laut Boltunow, ein Bundeswehr-Offizier habe zugegeben, man sei auf dem grenznahen Flugplatz Forst auf eine Landung vorbereitet gewesen, weil „die Deutschen beabsichtigten, eine MiG zu nehmen und unsere TU wegzuschnappen“. Während des Flugs standen beide Regierungen in Kontakt.
„Ein Offenbarungseid“ – und ein Dorf im Blindflug
Danny Eichelbaum war 1991 siebzehn, CDU-Mitglied, heute Jurist, Brandenburger Landtagsmitglied und Kreistagsvorsitzender Teltow-Fläming. „Das war ja eine ganz spannende Zeit – in der Schule, in der Stadt und in der großen Politik gab es jeden Tag Neues und Umbrüche.“ Die Flucht vor seiner Haustür? „Für mich war das ein Offenbarungseid des untergehenden SED-Regimes und ein Zeichen, dass sich die damalige SED-Führung nicht ihrer Verantwortung stellen wollte.“
Wie genau der streng geheime Abflug ablief, ist bis heute nur in Fragmenten bekannt. Manfred Donath, 1991 SPD-Bürgermeister (inzwischen verstorben), sagte einmal: „Wir bekamen von alldem wirklich nichts mit. Erst als die Westpresse hier bei uns im Ort einfiel, da erfuhren wir, dass Honeckers von Sperenberg ausgeflogen worden sind.“

Begegnung in Beelitz – eine Zigaretten-Mahnung
Schulze sieht das Belegstückhafte der Quellen: Die Übersetzung von „Der bittere Weg nach Hause“ sei für die Heimatstube „ein Puzzlestückchen aus den Jahren nach dem Mauerfall“.
Dmitriy Rushkovskyy diente von 1984 bis 1990 als Offizier und Pilot der Roten Armee in Sperenberg. Während der Flucht war er schon in der Ukraine. In Beelitz traf er Honecker – zufällig: „Ich war mit einem Nierenstein dort. Beim Spazierengehen kam mir ein Mann entgegen.“ Ein kurzer Dialog blieb: „Es war warm und ich rauchte. Erich Honecker sagte: ,Kurit wredni‘, ,Rauchen ist ungesund.‘“ Rushkovskyy dachte: den kennst du – wer ist das? „Ich kleine Maus. Ein paar Stunden später verstand mein Kopf, wen ich getroffen hatte.“






