Die Sonne, die vor einem blauen Hintergrund aufgeht. Darüber die gelben Buchstaben FDJ. Das Symbol der Freien Deutschen Jugend – wer in der DDR aufwuchs, kam an der Jugendorganisation der SED nicht vorbei. Vor 80 Jahren wurde sie am 7. März 1946 gegründet. Ihr erster Chef war Erich Honecker. Wer glaubt, die FDJ ist wie die DDR längst weg, der irrt. Honis Jugendtruppe gibt es immer noch! Der KURIER fand sie in einem Mietshaus im einstigen West-Berliner Bezirk Neukölln.
Vom Osten in den Westen: FDJ hat rübergemacht
Die FDJ hat rübergemacht. Noch vor Jahren war die Truppe als Untermieter im Karl-Liebknecht-Haus im Osten Berlins in Alex-Nähe. Ihre Nachbarn, die Linkspartei, wollte mit dem Überbleibsel der FDJ nichts zu tun haben. Nun ist die Freie Deutsche Jugend von dort weg. Sie ist aus dem Osten in den Westen Berlins gegangen.
Versteckt im Neuköllner Kiez an der Hermannstraße, findet man sie. Abseits von türkischen Geschäften, Bars, Sportwettbüros und seinem Discount-Bestatter steht ein altes Mietshaus in der Jonasstraße, in dem sich laut Internet der FDJ-Zentralrat (das „Parlament“ der Jugendorganisation) befinden soll.

Doch nach dem aufgehenden Sonnen-Logo sucht man vergebens. Stattdessen steht man vor einem Ladenlokal mit der Aufschrift „Komm-Treff“ plus roten Stern daneben. Auf der heruntergelassenen Jalousie hat jemand Hammer und Sichel aufgesprüht. Aufkleber mit Botschaften gegen die Wehrpflicht oder einem Lenin-Porträt zieren die Hausfassade.
Erst im Hausflur weiß man, dass die Adresse doch schon richtig ist. An einem Briefkasten stehen die Namen von vier Vereinen, darunter die FDJ. Nur den Zentralrat trifft man nicht an. Auf das Klingeln an der Wohnungstür des Ladenlokals reagiert niemand. Anrufe nimmt niemand ab. Offenbar ist man auf Gratulanten zum 80. FDJ-Geburtstag nicht wirklich eingestellt.

Wer soll denn auch kommen? Im Haus können Bewohner jedenfalls mit der FDJ nichts so richtig anfangen. „FDJ? Ach, Sie meinen die Kommunisten da unten. Da sitzen ja seit fünf Jahren mehrere Vereine“, sagt ein junger Mann. Nett seien die Leute, die sich in dem Lokal ab und zu treffen. „Das fing alles einmal mit einem chilenischen Verein an“, sagt der Mieter. Was die FDJ einmal war, weiß der Mieter nicht.
So wurde die FDJ vor 80 Jahren gegründet
„Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf! Für eine bess‘re Zukunft richten wir die Heimat auf!“ Das ist der Refrain des Liedes der FDJ. Als sie am 7. März 1946 in der sowjetischen Besatzungszone gegründet wurde, ist der Krieg gerade ein Jahr vorbei. Berlin liegt in Trümmern. Ein neues Deutschland soll aufgebaut werden. Die SED wird erst einen Monat später, die DDR erst drei Jahre nach der FDJ gegründet.
Auch im Westen Deutschlands gründen sich FDJ-Gruppen. 30.000 Mitglieder sind es Anfang der 50er Jahre. Ihr Aus kommt 1954. Das Bundesverfassungsgericht verbietet die FDJ. Das Verbot im westlichen Teil Deutschlands gilt auch heute noch (Ausnahme Berlin), weil es nach der Wiedervereinigung nicht zurückgenommen wurde.

Die FDJ wird in der DDR zur Kaderschmiede der allmächtigen SED. Sie sorgt dafür, dass die Jugend im Arbeiter-und-Bauern-Staat auf Parteilinie getrimmt wird. Mit 14 Jahren wird man in die FDJ aufgenommen. Wer sich weigert, muss Repressalien befürchten.
Die FDJ sorgt nicht nur dafür, dass die DDR-Jugend treu dem Staat ergeben ist. Sie baut auch auf. Die Neubauviertel in Marzahn oder die Drushba-Trasse. Letztere war eines der größten Projekte der FDJ. Tausende junge Leute errichteten in den 70er- und 80er-Jahren auf dem Gebiet der heutigen Ukraine einen Teil der Erdgasleitung, die sich durch die Sowjetunion zog. Von dem Erdgas profitierte die DDR und auch der Westen.
FDJ holte Bruce Springsteen in die DDR
Die FDJ mischt auch in der Freizeit der DDR-Jugend mit. Mit einem eigenen Reisebüro (Jugendtourist) konnten FDJ-Mitglieder mit viel Glück in die sozialistischen Länder reisen. Oder man sorgte für beste Unterhaltung. Mit Jugendtanz in FDJ-Klubhäusern. Auf großen Pfingstreffen organisierte die FDJ am Ende der DDR sogar Konzerte mit West-Stars.
Auch die DDR-Auftritte von Bruce Springsteen (1988) und Udo Lindenberg (1983) geschahen unter dem Logo der aufgehenden Sonne. Allerdings saßen beim Lindenberg-Auftritt nur linientreue FDJ-Mitglieder im Palast der Republik.

Honecker war der erste Chef der FDJ. Von 1974 bis 1988 übernahm Egon Krenz. Sein Nachfolger Eberhard Aurich trug mit dem Ende der DDR die FDJ zu Grabe. Die FDJ-Besitztümer kassierte später die Treuhand. Aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR werden heute etwa Projekte im Tierpark Berlin finanziell unterstützt.
Von den einst 2,3 Millionen FDJ-Mitgliedern sind nach dem Mauerfall nur noch etwa 300 geblieben. Doch wie sagte Honecker schon am Ende der DDR: „Totgesagte leben länger.“ Ausgerechnet Wessis holen die FDJ wieder aus der Versenkung – mit Hilfe ostdeutscher Prominenz. So gehört DDR-Radsportlegende Täve Schur zu den ersten Unterstützern des Förderkreises der FDJ, der 1995 gebildet wird.
Das macht die FDJ heute
Junge Frauen und Männer in Blauhemden, die FDJ-Fahnen schwenken: Man sieht sie auf den traditionellen Gedenkkundgebungen für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin oder sie sind beim Revolutionären 1. Mai dabei.
Die FDJ führt nicht nur Demonstrationen oder Kundgebungen durch. Es finden auch Schulungslager wie in diesem Winter statt. Lagerfeuer mit Arbeiterliedern, „rotes Kono-Programm“, Vorträge wie „Die DDR – Bollwerk gegen den Faschismus“ oder Wanderungen stehen auf der Tagesordnung. Wer heute in die FDJ will, muss laut Internet sich nur per Mail anmelden. Was der Mitgliedsbeitrag kostet, ist allerdings unklar.
Die FDJ von heute: Sie wird von Wessis angeführt
„Etwa 200 Leute sind in der FDJ, sind bis zu 25 Jahre alt. Die Mehrheit kommt aus dem Westen Deutschlands“, sagt ein Insider dem KURIER. So wie Jan Haas aus Regensburg (Bayern).
In der Funktion als FDJ-Sprecher sagte er im RBB zu den Zielen der neuen FDJ: „Die Niederschlagung des noch immer beraubenden und mit Krieg überziehenden deutschen Imperialismus.“ Und: Die DDR sei der bessere deutsche Staat gewesen. Das sagte der Mann aus Regensburg vor fünf Jahren.



