Erinnern Sie sich?

Intervision und Schlagerfestival in Rostock: Das war der ESC der DDR

Vor dem ESC gab es auch im Osten große Musikshows: Intervision und Schlagerfestival. DDR-Stars wie Dagmar Frederic erinnern sich.

Author - Florian Thalmann
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Dagmar Frederic und Siegfried Uhlenbrock im Jahr 1968. Zwei Jahre später räumten sie beim Internationalen Schlagerfestival der Ostseeländer in Rostock mit dem Titel „Tanz in der Sommernacht“ groß ab.
Dagmar Frederic und Siegfried Uhlenbrock im Jahr 1968. Zwei Jahre später räumten sie beim Internationalen Schlagerfestival der Ostseeländer in Rostock mit dem Titel „Tanz in der Sommernacht“ groß ab.United Archives/imago

Am Samstag erleben Musik-Fans den wichtigsten Abend des Jahres: Der Eurovision Song Contest läuft! Die ganze Welt blickt in diesem Jahr nach Wien, wo der Wettbewerb ausgetragen wird. Doch während der glitzernde und farbenfrohe Wettbewerb heute Millionen in seinen Bann zieht, wird eines oft vergessen: Auch zu DDR-Zeiten gab es Gesangswettbewerbe, die einen Gegenpol zum westlichen Grand Prix Eurovision de la Chanson bilden sollten. Wie war es damals? Im KURIER erinnert sich Sängerin Dagmar Frederic (81), die immer wieder bei solchen Wettbewerben auf der Bühne stand – und abräumte!

Gab es in der DDR einen Wettbewerb wie den ESC?

Der Eurovision Song Contest zieht heute Millionen Menschen vor die Fernsehgeräte, ist das wichtigste Musik-Event des Jahres. Da fragen sich viele: Gab es eigentlich auch zu DDR-Zeiten einen ESC – oder durften nur die Musiker in den West-Ländern um die Gunst des Publikums buhlen? Die Antwort: Es gab gleich mehrere Musikwettbewerbe, die noch heute als „ESC des Ostens“ bezeichnet werden. Einer davon: Das Internationale Schlagerfestival der Ostseeländer!

Der Wettbewerb wurde von 1962 bis 1970 jedes Jahr in Rostock durchgeführt, 1971 wurde er zum Schlagerfestival der Ostseestaaten umbenannt. Die Idee: Im Rahmen der jährlichen Ostseewoche traten Sängerinnen und Sänger aus der DDR, aus Polen, Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark an. Das Fernsehen der DDR übertrug die Show. Zuerst stimmte das Publikum ab, später wurde eine professionelle Jury eingeführt – als Preis winkte den Künstlern ein Goldpokal, Preisgelder, die in DDR-Mark ausgezahlt wurden und, beim zusätzlich vergebenen Publikumspreis, ein Bernsteinteller.

Veronika Fischer gewann beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden im Jahr 1975. Der Wettbewerb war einer von mehreren internationalen Gesangswettbewerben in der DDR.
Veronika Fischer gewann beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden im Jahr 1975. Der Wettbewerb war einer von mehreren internationalen Gesangswettbewerben in der DDR.United Archives/imago

Namhafte DDR-Künstler räumten bei dem Festival ab – im ersten Jahr gewannen etwa Bärbel Wachholz mit dem Titel „Das kann ich niemals vergessen“ und Fred Frohberg mit „Am Kai wartest du“. Auch Regina Thoss gewann – sie landete im Jahr 1966 mit „Die erste Nacht am Meer“ auf dem ersten Platz. Monika Hauff war es dann 1967 mit „Du glaubst mir nicht“ – und 1970 ersangen sich Dagmar Frederic und Siegfried Uhlenbrock mit ihrem Titel „Tanz in der Sommernacht“ den Pokal. „Es war natürlich eine riesige Ehre und eine große Auszeichnung, bei solchen Wettbewerben auftreten zu dürfen“, erinnert sich Dagmar Frederic im Gespräch mit dem KURIER an den Wettbewerb.

Künstleragentur der DDR wählte die Künstler aus

Denn die Auswahl wurde nicht, wie es heute üblich ist, bei Vorentscheiden getroffen. „Das übernahm damals die Künstleragentur der DDR.“ Das große Glück von Frederic und ihrem Bühnenpartner Uhlenbrock damals: Ihr gemeinsames Lied „Du hast gelacht“ war gerade ein riesiger Hit geworden. Eiskunstläuferin Gaby Seyfert war 1969 in den USA zu dem Titel ihre Kür gelaufen und hatte den Weltmeisterschaftstitel gewonnen. „Da waren wir das Top-Duo“, sagt Frederic und lacht.

Sängerin Linda Lewis beim Liederfestival Intervision im polnischen Sopot im Jahr 1977.
Sängerin Linda Lewis beim Liederfestival Intervision im polnischen Sopot im Jahr 1977.United Archives/imago

Nicht nur mit Uhlenbrock stand sie in solchen Wettbewerben auf der Bühne: 1978 war sie beim Intervision-Liederwettbewerb, belegte dort mit „Einen Tag heb für mich auf“ den zweiten Platz. Der Wettkampf fand von 1977 bis 1980 in Sopot in Polen statt – und sollte ebenfalls ein Gegenstück zum westeuropäischen Grand Prix sein. Ins Leben gerufen wurde es von der Intervision, dem Programmnetzwerk der sozialistischen Länder Mittel- und Osteuropas.

Teilnehmen durften also unter anderem Künstler aus der Tschechoslowakei, Bulgarien, der Sowjetunion, Jugoslawien, Rumänien, Polen, Ungarn und der DDR. Dass man damit dem Westen musikalisch etwas entgegensetzen wollte, war für die Künstler dabei eher zweitrangig. „Das spielte gar keine Rolle“, sagt Dagmar Frederic. „Wir waren einfach als Künstler anerkannt, wir haben unseren Job gemacht, wir sind aufgetreten. Da hat man sowas gar nicht registriert.“

Für viele Künstler waren die Wettbewerbe einfach eine großartige Chance. „Wir haben ja ein bisschen in der kleinen DDR im eigenen Saft geschmort“, sagte etwa Sängerin Regina Thoss in einem Interview mit dem NDR. „So eine Teilnahme an so einem Internationalen Festival war natürlich immer etwas ganz Besonderes.“ Und die Künstler bekamen nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch neue Songs: Auf einer alten Schallplatte zum Schlagerfestival der Ostseeländer heißt es, dass sämtliche Titel der DDR-Teilnehmer extra für den Wettbewerb geschrieben wurden.

Als Preis gab's für Regina Thoss ein Mokkaservice

Das konnte aber auch stressig sein. Thoss erinnerte sich, dass sie ihr Lied erst kurz vorher bekam. „Drei Tage vor Beginn des Festivals kommt Helmut Kaltofen zu mir und sagt: ‚Regina, wir haben so ein tolles Lied gekriegt, das musst du in drei Tagen singen!‘. In drei Tagen!“ Die Proben seien ein Kraftakt gewesen. Sie habe eher damit gerechnet, dass sie ihren Koffer packen und wieder nach Hause fahren darf. Doch es kam anders: Sieg für die DDR – und als Preis gab’s ein Mokkaservice aus Porzellan.

Und es gab noch weitere Wettbewerbe: Auch das Internationale Schlagerfestival in Dresden war ein musikalisches Highlight. Es wurde von 1971 bis ins Jahr 1988 jährlich veranstaltet, musste nur im Jahr 1973 ausfallen, weil sich alles auf die Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin konzentrierte. Hier traten Künstler aus der DDR, aus Ungarn, Bulgarien, Jugoslawien, der Sowjetunion und aus Vietnam auf. Im ersten Jahr gewann etwa Frank Schöbel, 1975 räumte Veronika Fischer mit „Daß ich eine Schneeflocke wär’“ ab – und ab 1977 gab es sogar die Kategorie „Grand Prix“ als Hauptpreis.

Dagmar Frederic steht auch heute noch viel auf der Bühne, aktuell mit Dagmar Gelbke und Regina Thoss in „Auferstehung der Ruinen“. Ab September gibt es wieder zahlreiche Termine für die Show.
Dagmar Frederic steht auch heute noch viel auf der Bühne, aktuell mit Dagmar Gelbke und Regina Thoss in „Auferstehung der Ruinen“. Ab September gibt es wieder zahlreiche Termine für die Show.Lauryn Zoe Hinsch/Berliner KURIER

Zum Highlight für Dagmar Frederic wurde 1981 der Auftritt beim „Goldenen Orpheus“: Der bulgarische Musikwettbewerb fand von 1965 bis 1999 statt, hielt sich also auch ein paar Jahre nach der Wende. Das Festival, auf dem der Wettkampf ausgetragen wurde, war eines der bekanntesten in Osteuropa. Frederic trat für die DDR an, kam mit Pokal heim. „Das war verrückt. Die ganzen hochrangigen Künstler aus Bulgarien standen dort – und ich habe gewonnen“, sagt sie. „Natürlich habe ich mir gewünscht, dass das passiert, aber gerechnet hätte ich damit nicht.“

Das sagt DDR-Legende Dagmar Frederic zum ESC

Die Welt der Musikwettbewerbe sei damals insgesamt noch eine völlig andere gewesen. „Es war eine andere Generation“, sagt sie. Für den heutigen Eurovision Song Contest hat Frederic keine warmen Worte übrig. „Eigentlich muss man das alles gar nicht sehen und nicht hören – es ist nur noch Klamauk und nicht mal musikalisch schön“, sagt sie.

Die Sängerin hat selbst ein Herz für große Stimmen, mag etwa Noam Bettan, der für Israel antritt. Frederic selbst kann den ESC übrigens nicht gucken - sie steht aktuell viel auf der Bühne, spielt am Samstag etwa ihr Programm „Nein, ich bereue nichts!“ in Colditz. Ab September gibt es auch wieder zahlreiche Termine für die Show „Auferstehung aus Ruinen“ mit Regina Thoss und Dagmar Gelbke (KURIER berichtete). Alle Termine finden Fans auf der Website von Dagmar Frederic.

Sängerin Sarah Engels, die beim ESC für Deutschland auf der Bühne steht, findet sie musikalisch gut. „Das Lied ist ganz dufte, das passt zu ihrer Generation“, sagt Frederic. Große Chancen rechnet sie ihr dennoch nicht aus. Der Grund: Im Hintergrund laufe zu viel Politik. „Aus dem Grund würde ich selbst heute auch nicht mehr bei dem Wettbewerb mitmachen, selbst wenn ich die Chance dazu hätte“, sagt sie. „Ich bin eine Deutsche – und da kann man beim ESC nur verlieren.“

Sarah Engels tue ihr deshalb etwas Leid. „Ich würde ihr wünschen, dass sie am Ende unter die ersten Sieben kommt. Aber uns mag niemand. Vermutlich muss man ihr deshalb auch wünschen, dass sie einen guten Psychologen hat.“

Erinnern Sie sich noch an die Musikwettbewerbe der DDR? Schicken Sie uns Ihre Meinung per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!