„Hetze“ gegen Feiertags-Regel

Stasi‑Akte enthüllt: So gerieten Vatertags‑Fans ins Visier der DDR

In der DDR war der Herrentag kein Feiertag – und Kritik daran wurde beobachtet: Eine Stasi‑Akte zeigt, wie selbst Gedichte ins Visier gerieten.

Author - Florian Thalmann
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Christi Himmelfahrt wurde zu DDR-Zeiten abgeschafft, die Herren ließen es sich trotzdem gut gehen. Die Stasi von Erich Mielke versuchte derweil, den Schreiber eines Hetz-Gedichtes über die Feiertagsregelung der DDR ausfindig zu machen.
Christi Himmelfahrt wurde zu DDR-Zeiten abgeschafft, die Herren ließen es sich trotzdem gut gehen. Die Stasi von Erich Mielke versuchte derweil, den Schreiber eines Hetz-Gedichtes über die Feiertagsregelung der DDR ausfindig zu machen.Rolf Zöllner/imago, UIG/imago

Am Donnerstag ziehen wieder Väter in ganz Deutschland mit dem Bollerwagen durch die Gegend oder genießen einen freien Tag mit der Familie. Es ist Herrentag! Heute müssen die meisten an diesem Tag nicht arbeiten, doch zu DDR-Zeiten war das anders. Zwischen 1967 und 1990 war Christi Himmelfahrt einer von fünf Feiertagen, die von der Staatsführung abgeschafft wurden. Wie unzufrieden die Bevölkerung damit war, zeigt ein Aktenblatt aus dem Archiv für Stasi-Unterlagen: auch der Herrentag geriet ins Visier der Stasi. Der Grund: Verse mit angeblich „hetzerischen Inhalten“!

1967 wurden in der DDR fünf Feiertage abgeschafft

Die Diskussion über die Feiertage ging in der DDR auf den 3. Mai 1967 zurück. Damals führte die Regierung die Fünf-Tage-Woche ein. Hintergrund: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zunächst 48 Stunden pro Woche an sechs Tagen gearbeitet. Nachdem sich die Wirtschaft stabilisiert hatte, gab es ab 1966 zunächst jeden zweiten Samstag frei, ab 1967 kam dann die Fünf-Tage-Woche. Das hatte allerdings auch Folgen für die Feiertage.

Denn: In der DDR, wo Religion nicht gewünscht war, strich man die christlichen Feiertage Ostermontag, Christi Himmelfahrt, Buß- und Bettag sowie der Reformationstag abgeschafft, um die fehlende Arbeitszeit wieder auszugleichen.

Auch der Tag der Befreiung flog aus dem Jahresplan. Die Feiertage wurden erst mit der politischen Wende im Jahr 1990 im gesamten Bundesgebiet wieder eingeführt, durften also auch im Osten wieder begangen werden. Die DDR-Bürger mussten also mit fünf Feiertagen weniger auskommen – und das gefiel vielen gar nicht.

Männer fahren zum Herrentag 1989 auf einem selbstgebauten Gefährt über die Oranienburger Straße in Berlin: Trotz Feiertags-Verbot machten es sich die Herren in der DDR schön.
Männer fahren zum Herrentag 1989 auf einem selbstgebauten Gefährt über die Oranienburger Straße in Berlin: Trotz Feiertags-Verbot machten es sich die Herren in der DDR schön.Rolf Zöllner/imago

Im Archiv der Stasi-Unterlagen findet sich ein Aktenblatt, aus dem hervorgeht, dass die Stasi 1967 Ermittlungen anstrengte – wegen vermeintlicher Hetze gegen die DDR. Der Grund: Vor allem rund im Karl-Marx-Stadt verbreitete sich damals ein Flugblatt mit einem Gedicht, das den Titel „Jahresfeier der Tiere“ trug. Für die Stasi waren es Verse mit „hetzerischem Inhalt gegen die Feiertagsregelung“.

Jahresfeier der Tiere: Das DDR-Gedicht im Wortlaut

Der Osterhase ist in Nöten,
der Ostermontag, der ging flöten.
Schon ruft der Kuckuck laut:
„Der 8. Mai ward uns geklaut!“
Die Lerche singt und tiriliert:
„Die Himmelfahrt ist auch kassiert“.
Gleich tut der Elefant trompeten:
„Pfingstmontag müsst ihr rausarbeten“.
Auf einmal kreischt der Reiher:
„Es gibt auch keine Reformationsfeier“.
Hämisch kommt der Fuchs geschlichen,
„Der Bußtag, der ist auch gestrichen“.
Der Ziegenbock, der meckert heiser:
„Was wollt ihr denn, ihr kleinen Scheißer,
Weihnacht und Neujahr bleiben euch doch“.
Der Uhu heult: „Wie lange noch, wie lange noch?“

Für das Ministerium für Staatssicherheit offenbar ein ungeheuerlicher Vorgang. Die Gedichte seien in Handschrift auf Zetteln im Format A5, in Maschinenschrift in Große A4 und gedruckt in verschiedenen Größen gefunden worden. Vervielfältigt worden seien sie in Handschrift oder auf der Schreibmaschine mit entsprechenden Durchschlägen.

„Methode der Verteilung wurde das Weiterreichen durch Personen jeweils im Bekanntenkreis sowie in einigen Fällen durch Einwerfen in Briefkästen festgestellt“, beschreiben die Stasi-Agenten die Verbreitungswege des Hetz-Gedichtes.

Auch SED-Mitglieder verteilten Gedicht über DDR

Vor allem auf Karl-Marx-Stadt warfen die Mitarbeiter der Staatssicherheit ein Auge. Teilweise habe man sie sogar in Arbeiterzügen verteilt. „Die Vervielfältigung erfolgte dann durch Arbeiter, Angestellte, Sekretärinnen, Schreibkräfte, Kraftfahrer und Mitarbeiter von Druckereien.“

Eine Verschwörung gegen die Feiertagsregelung der DDR? Es wird noch ungeheuerlicher: „An der Vervielfältigung und Verbreitung waren z. T. Mitglieder der SED beteiligt“, heißt es.

Auch wenn Christi Himmelfahrt kein Feiertag war, nutzte man auch in der DDR die Zeit um den Männertag für Wanderungen mit Freunden. hier eine Aufnahme von 1975 aus Sachsen.
Auch wenn Christi Himmelfahrt kein Feiertag war, nutzte man auch in der DDR die Zeit um den Männertag für Wanderungen mit Freunden. hier eine Aufnahme von 1975 aus Sachsen.C3 Pictures/imago

Die Stasi versuchte, den Weg des Gedichts nachzuvollziehen. In den Papieren aufgelistet werden Schriftsetzer und Mitarbeiter von Druckereien, die die Zettel anfertigten und verteilten. Eine Angestellte eine Druckerei habe angegeben, dass die Verse als „Volkswitz“ weiterverbreitet würden.  

Die Spur führt sogar nach Sachsen: „In andere Fällen wurden die Verse von Kraftfahrern des Bezirkes Cottbus aus ihrem Bekanntenkreis aus dem Bezirk Dresden mitgebracht und im Bezirk Cottbus durch Sekretärinnen und andere Personen vervielfältigt und weiterverbreitet.“

Gedicht über Feiertage: Stasi musste kapitulieren

Doch leider musste die Stasi am Ende kapitulieren. Die Urheber des Gedichtes konnten laut der Akte nicht gefunden werden. Außerdem musste man feststellen, dass nicht jeder, der über das Gedicht schmunzelte, gleich ein Staatsfeind war.

„Die durch das MfS durchgeführten Ermittlungen und Befragungen von Personen, die derartige Verse vervielfältigten, verbreiteten bzw. im Besitz hatten, ergaben bisher keine nachweisbaren staatsverleumderischen Absichten“, schreibt die Stasi zum Abschluss. Es seien keine strafrechtlichen Maßnahmen veranlasst worden.

Nur Ansprachen seien durchgeführt worden. „Die Ermittlungen nach den Urhebern werden vom MfS weitergeführt.“ Weitere Aufzeichnungen zu dem Fall gibt es nicht – zumindest wurden sie bisher nicht öffentlich gemacht. Auch der Urheber des Gedichtes ist bisher unbekannt.

Wenn Sie etwas darüber wissen oder sich an andere Spottgedichte aus der DDR erinnern, melden Sie sich bei uns per Mail unter wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!