Butter-Geschichten aus dem Osten

Stasi-Akten enthüllen: Butter brachte die DDR an ihre Grenzen

Butter war in der DDR so knapp, dass Arbeiter sogar die Arbeit schwänzten. Stasi-Akten zeigen, wie brisant der Fettmangel wirklich war.

Author - Florian Thalmann
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In der DDR gab es nicht immer genug Butter. Über Jahre herrschte Mangel. Was später selbstverständlich wurde, sorgte in der Anfangszeit für eine echte Krise.
In der DDR gab es nicht immer genug Butter. Über Jahre herrschte Mangel. Was später selbstverständlich wurde, sorgte in der Anfangszeit für eine echte Krise.Kai Bienert/imago, Petra Schneider/imago

Der Preiskrieg um die Butter – er läuft und läuft und läuft! Während vor anderthalb Jahren noch nahezu astronomische Preise für ein 250-Gramm-Stück Butter aufgerufen wurden, schwimmt der europäische Markt jetzt förmlich im Streichfett. Lidl und Aldi lassen die Butterpreise jetzt deshalb weiter schmelzen: Gerade einmal 1,05 Euro kostet ein Stück aktuell bei den Discountern. Herrliche Verhältnisse, von denen man in frühester DDR-Zeit nur träumen konnte: Hier hatte sogar die Stasi Butter im Visier, weil die DDR-Bürger die Arbeit schwänzten.

Butter war in der DDR lange knapp

Der Grund: In den späten 50er- und frühen 60er-Jahren gab es in der DDR eine handfeste Butter-Krise. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Anfang der 50er-Jahre noch Lebensmittelkarten, mit denen die Bürger rationierte Lebensmittel bekommen konnten. Ab Sommer 1952 wurde es aber immer schwerer, Lebensmittel zu bekommen. DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl schob dem Westen die Schuld in die Schuhe – dort habe man die Lieferverträge nicht eingehalten.

Ende der 50er-Jahre kam dann ein anderes Problem dazu: Es herrschte Dürre! Es gab dementsprechend nicht genug Tierfutter und die Milch war ein knappes Gut. Die DDR-Führung versuchte deshalb, der Bevölkerung die Margarine schmackhaft zu machen. Und doch wollten die DDR-Bürger echte Butter! Die Folge: Wenn es Butter gab, wurde sogar gehamstert.

Unterlagen aus dem Stasi-Archiv zeigen, dass sogar das Ministerium für Staatssicherheit die Butter im Visier hatte. Die Mitarbeiter dokumentierten, welche Stimmung in der Bevölkerung zur Butterknappheit herrschte. Und welche Zustände in den Geschäften und in der Versorgung die DDR an die Grenzen brachte.

Wer Butter einkaufen wollte, guckte in den ersten Jahren der DDR oft in die Röhre. Das Streichfett war lange Mangelware!
Wer Butter einkaufen wollte, guckte in den ersten Jahren der DDR oft in die Röhre. Das Streichfett war lange Mangelware!Waltraut Kossack/imago

In einem Dokument aus dem November 1959 hat die Stasi die „Stimmung der Bevölkerung zur Versorgung mit Butter“ dokumentiert. Zwar habe die große Mehrheit der Werktätigen Verständnis für den Buttermangel, allerdings werde „aufgrund noch ungenügender Aufklärung“ auch starke Kritik geübt. Es habe sogar Forderungen nach einer Rationierung oder einem „geordneten Kontrollsystem“ im Butterverkauf gegeben – und DDR-Bürger, die die 1958 abgeschafften Lebensmittelmarken zurückforderten.

DDR-Bürger standen zwei Stunden für Butter an

Spannend: Die Butterverteilung führte in der DDR demnach sogar zu Arbeitsunterbrechungen mit „erheblichen Produktionsausfällen“. Der Grund: Hinweise bekam die Stasi aus Karl-Marx-Stadt, Gera und Dresden. „So verließen z. B. im VEB Nickelhütte Aue, im VEB Faserplattenfabrik Schönheide und in den Halbzeugwerken Aue die Arbeiter ihren Arbeitsplatz, um sich nach Butter anzustellen.“

Besonders schlecht sei die Stimmung im Bezirk Karl-Marx-Stadt gewesen, hob die Stasi hervor. Der Grund liegt nahe: In zwei Verkaufsstellen in Olbernhau hätten je über 100 Personen jeweils zwei Stunden für Butter angestanden.

Der Butterverkauf trieb dann seltsame Blüten: In Auerbach sei der Verkauf nur 16.30 Uhr durchgeführt worden – und weil so viele Kunden kamen, konnten pro Person nur 60 Gramm Butter ausgegeben werden. In Reichenbach, ebenfalls im Bezirk Karl-Marx-Stadt, legten Kunden in der HO beleidigt ihre bereits eingepackten Waren zurück, als sie hörten, dass es keine Butter gab.

Eine klassische Butterdose aus der DDR. Es gab Zeiten, da musste diese leer bleiben - oder es wurde mit dem Steichfett sehr sparsam umgegangen. Denn Butter war knapp.
Eine klassische Butterdose aus der DDR. Es gab Zeiten, da musste diese leer bleiben - oder es wurde mit dem Steichfett sehr sparsam umgegangen. Denn Butter war knapp.DDR Museum Berlin

Keine Butter in der DDR: Verkäuferinnen der HO kündigten

Und es wird noch heftiger: Aufgrund von Streits mit den Kunden hatten zum Zeitpunkt des Schreibens im HO-Kreisbetrieb Karl-Marx-Stadt 20 Verkäuferinnen ihre Kündigung eingereicht.

Sie seien wegen des Buttermangels beschimpft und bedroht worden, heißt es im Dokument des MfS. Auch die Hamsterkäufe dokumentierte die Stasi. „Zum Beispiel kauften in der Gemeinde Marnitz, Kreis Parchim, Bezirk Schwerin, einige Bürger schon seit Wochen mehrere Pfund Butter, die sie für Weihnachten in Steintöpfen aufbewahren.“

Zudem schreibt die Stasi von „feindlichen Elementen“, die Gerüchte über den Buttermangel verbreiteten. So wurde der DDR-Regierung vorgeworfen, dass man aufgrund des Buttermangels die Weihnachtsbäckerei verbieten wolle, dass Butter für Devisen exportiert worden sei und deshalb nicht lange.

Erinnern Sie sich noch an die frische Rahmbutter aus der DDR? Diese Buttersorte wurde aber erst ab 1970 produziert.
Erinnern Sie sich noch an die frische Rahmbutter aus der DDR? Diese Buttersorte wurde aber erst ab 1970 produziert.DDR Museum Berlin

Und: Jemand habe geäußert, „dass es unter diesen Voraussetzungen kaum möglich wäre, Westdeutschland einzuholen“, schreibt die Stasi. Denn: „In Westdeutschland sei die Butter wohl teurer, aber dafür auch vorhanden“, so das Argument.

Aktuell gibt es bei der Butter ein Überangebot

Bei solchen Zuständen schweben wir heute im siebten Butter-Himmel – und der ist mit reichlich Streichfett geschmiert. Der Grund: Auf dem europäischen Milchmarkt herrscht aktuell ein Überangebot, während die Nachfrage stagniert. Discounter wie Lidl und Aldi können deshalb günstiger Butter einkaufen – und geben die Preissenkungen direkt an die Verbraucher weiter.

Vor dem 9. März kostete ein Stück Butter zweitweise sogar nur 99 Cent. Geht es mit dem Sturz der Preise so weiter, dürften wir diesen Wert bald wieder erreicht haben. Zumindest im Moment gibt es also ordentlich Butter aufs Brot – ganz im Gegensatz zur DDR im Jahr 1959.

Erinnern Sie sich an die Versorgungssituation mit Butter in der DDR? Schicken Sie uns Ihre Meinung zum Thema an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!